Hintergrund Katerstimmung nach teuren Einkaufstouren


Die teuren Einkaufstouren und das Fusionsfieber der vergangenen Jahre verhagelt derzeit viele Unternehmensbilanzen. Abschreibungen auf den Firmenwert vergrößern massiv die Verluste.

Allein beim US-Medienriesen AOL Time Warner ist die Hälfte des Rekordfehlbetrags von fast 100 Milliarden Dollar auf Wertberichtigungen für die Onlinesparte AOL und den Kabelfernsehbereich zurückzuführen. Diese Abschreibungen werden fällig, wenn sich Geschäftsbereiche als weniger wertvoll erweisen als zuvor vermutet. Beim Online-Dienst AOL zum Beispiel sinken die Umsätze, weil lang laufende Werbeverträge enden, die während der Internet-Euphorie ausgehandelt wurden. Dann muss der Firmenwert einer Sparte in der Bilanz nach unten korrigiert werden.

Die Abschreibung

ist nur ein bilanzieller Vorgang. Dennoch frisst er Eigenkapital auf. Das führt zwar nicht unmittelbar zu einem finanziellen Engpass, da der Gesellschaft keine Geldmittel wegschmelzen. Aber wenn die Eigenkapitaldecke eines Unternehmens dabei zu stark schrumpft, sollte geprüft werden, ob es sich dadurch überschuldet hat. In so einem Fall könnte eine überteuerte Einkaufstour sogar eine Insolvenz auslösen.

Im Zuge des Internetbooms

der vergangenen Jahre wurden gerade für Gesellschaften dieser Branche Mondpreise gezahlt. Wegen seiner dramatisch gestiegenen Aktienkurse konnte der Online-Dienst AOL 2001 sogar den weltgrößten Medienriesen Time Warner schlucken.

Aber nicht nur diese Einkaufstouren mit den damit verbundenen Fantasien lösen Abschreibungen aus. Auch neue Wettbewerbsbedingungen können dazu führen. Ein Beispiel wäre ein neuer Konkurrent, der den Markt völlig umkrempelt. Auch in diesem Fall können Unternehmensbereiche der «Alteingesessenen» an Wert verlieren.

In den USA

müssen sich die Manager bei den Wertberichtigungen an den künftigen Zahlungsströmen - also erwarteten Einnahmen - orientieren. Mindestens einmal im Jahr sind die Unternehmen verpflichtet, ihre Firmenwerte zu prüfen: Bringt eine bestimmte Sparte künftig noch immer den Nutzen, den man ihr einmal unterstellt hat? Oder sind ihre Erfolgsaussichten gesunken?

Das amerikanische

Bilanzrecht gibt den Managern zwar ein detailliertes «Kochrezept» an die Hand. Doch da die geschätzten Zuflüsse in der Zukunft liegen, gibt es noch immer Ermessensspielräume, mit denen sich einiges kaschieren lässt. Im deutschen Handelsrecht wird indes kein konkretes Verfahren vorgeschrieben.


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