HRE-Rettung "Steuergelder sind sinnvoll investiert"


Nur ein Rettungspaket in Höhe von 35 Milliarden Euro hat die Münchner Hypo Real Estate vor einer Pleite bewahrt. Eine sinnvolle Maßnahme, findet Bankenexperte Wolfgang Gerke. Im stern.de-Interview sagt er, wie es mit dem Finanzmarkt weitergeht und wie sich Kleinanleger verhalten sollten.

Herr Gerke, der Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate stand jetzt kurz vor dem finanziellen Kollaps. Hat die amerikanische Bankenkrise damit endgültig Deutschland erreicht?

Sie hat längst Deutschland erreicht. Das hat man gesehen bei den dramatischen Abschreibungsverlusten der IKB, der KfW und den Landesbanken. Was wir im Moment in Deutschland beobachten ist nur ein zusätzlicher Einschlag bei einer Bank, die finanzielle Risiken zu beklagen hat, die aber auch dadurch geschädigt ist, dass sie auf dem internationalen Bankenmarkt aufgrund der Finanzkrise keine Refinanzierung bekommt. Insofern kann man hoffen, dass wir jetzt den Höhepunkt der Finanzkrise erleben, und dass wir sagen können, allmählich wird unsere Betroffenheit ein Ende finden.

Das Dax-Unternehmen konnte nur durch eine milliardenschwere Rettungsaktion vor einer Pleite bewahrt werden. Private Banken und der Bund wollen mit einem Rettungspaket in Höhe von bis zu 35 Milliarden Euro die Hypo Real Estate stabilisieren. Eine sinnvolle Aktion?

Das ist auf jeden Fall eine sinnvolle Maßnahme. Wenn der Markt in Schwierigkeiten gerät, sind alle betroffen, und deshalb sind solche generellen Aktionen zu begrüßen. Wir können Parallelen sehen zu einem ähnlichen Fall in Brüssel, wo mit dem Finanzkonzern Fortis auch ein Finanzinstitut gestützt wird. Dies sind die richtigen Maßnahmen, und es zeigt sich, dass man aus der Weltwirtschaftskrise gelernt hat.

Stehen weitere Immobilienfinanzierer oder andere Finanzunternehmen in Deutschland vor dem Zusammenbruch?

Im Moment sehe ich das nicht, aber wenn das der Fall wäre, kann man sich sicher sein, dass eine gemeinsame Aktion organisiert wird, um einen Zusammenbruch zu verhindern und keine Panik in den Märkten aufkommen zu lassen.

Welche Auswirkungen wird diese Rettungsaktion auf den deutschen Aktienmarkt haben?

Natürlich erschrickt der deutsche Aktienmarkt bei jedem Einschlag in die deutsche Finanzwirtschaft. Aber er erholt sich dann auch wieder. Das amerikanische Rettungspaket ist für die gesamten Finanzbörsen übrigens wichtiger als solche Einzelereignisse, wie hier die Hypo Real Estate.

Rechnen sie mit einer Verstaatlichungswelle von Finanzinstituten in Deutschland?

Im Moment ist das nicht zu erwarten, aber es gibt noch sehr viel Spielraum in Deutschland für Interventionen. Den sollte man aber nur nutzen, wenn wirklich eine echte Krisensituation da ist. Glücklicherweise haben wir momentan in Deutschland nicht die Dimension einer Finanzmarktkrise, wie sie in den USA zu beobachten ist.

In den USA springt der Staat nun ein, um den Finanzmarkt zu stabilisieren. Heute wird der Kongress ein 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket verabschieden. Muss sich auch die Bundesregierung darauf einstellen, mit beträchtlichen staatlichen Mitteln Banken unter die Arme zu greifen?

Das kann zukünftig notwendig sein, natürlich mit weniger Mitteln. Momentan sieht es aber nicht danach aus. Wir haben auch schon nachhaltig geholfen bei der finanziellen Schieflage von KFW und IKB, und insofern ist das nur für den äußersten Notfall vorzusehen. Es ist momentan wichtiger für die Märkte, dass die europäische Notenbank, die eine hervorragende Politik in den letzten Monaten gemacht hat, diese Woche ihre Zinsen senkt. Das muss kein großer Schritt sein, aber es sollte doch ein Signal von der Notenbank sein, dass man die Märkte unterstützen will.

Warum muss man überhaupt solche Finanzinstitute retten? Man könnte es doch auch dem Markt überlassen, quasi als Selbstreinigungsprozess der Finanzwelt.

Das ist eine Frage, die man sich stellen muss. Denn bei den Rettungsaktionen handelt es sich ja um das Geld der Steuerzahler, und damit muss so sparsam wie möglich umgegangen werden. Steuergelder sind jedoch gut investiert, wenn man damit eine weltweite Finanzkrise verhindern kann. Trotzdem bleibt die Frage, ob man die mit viel Fremdkapital spekulierenden Finanzinstitutionen stützen sollte oder ob es nicht vielleicht besser wäre, direkt die zu unterstützen deren Immobilien betroffen sind.

Nach welchen Kriterien sollte die Bundesregierung entscheiden, welche Finanzinstitute sie vor einem finanziellen Kollaps bewahrt und welche nicht?

Das Hauptkriterium ist momentan, wie kann man den Schaden an den Finanzmärkten für die Allgemeinheit mit möglichst wenig Mitteln begrenzen. Da ist es nicht so sehr die Frage, wer wird gestützt, sondern vielmehr, wer muss gestützt werden.

Wie lange wird die Finanzmarktkrise in Deutschland noch andauern?

Ich rechne damit, dass die Krise noch bis in das nächste Jahr hineindauern wird. Aber ich glaube, dass wir in diesem Jahr den Höhepunkt der Finanzkrise erreicht haben und dass die geschnürten Rettungspakete dann auch ihre Wirkung zeigen werden.

Was ist ihr Rat für den Kleinanleger?

Nur die Mutigen sollten sich allmählich an den Börsen wieder auf die Käuferseite stellen. Die Schwankungen von Tag zu Tag sind immens, das ist zu harte Kost für den Kleinanleger. Für Spezialisten beginnt dagegen auch wieder die Zeit, sich einzukaufen.

Dem Bund drohen angesichts der Finanzkrise weitere zusätzliche Staatsausgaben in Milliardenhöhe. Ist damit Finanzminister Peer Steinbrücks Plan gescheitert, 2011 einen ausgeglichenen Bundeshaushalt vorzulegen.

Ich hoffe nicht, die Finanzkrise darf keine Entschuldigung sein. Leider hat man in den guten Zeiten zu wenig darauf hingearbeitet. Das Ziel eines ausgeglichenen Bundeshaushalts wird er nicht erreichen ohne schärfere Einschnitte.

Interview: Tobias Betz

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