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KONJUNKTUR: USA spielen die Wirtschaftsfolgen eines Irakkriegs herunter

Auf 100 bis 200 Milliarden Dollar schätzt ein US-Regierungsexperte die Kosten eines Irak-Krieges. Aber niemand kennt die Folgen für die Weltkonjunktur.

Auf 100 bis 200 Milliarden Dollar schätzt der Wirtschaftsberater der US-Regierung, Lawrence Lindsey, die Kosten eines Irak-Kriegs. »Ein Klacks für die Amerikaner«, meint ein westlicher Diplomat in Washington, »etwa verglichen mit den Steuersenkungen im Umfang von 1,3 Billionen Dollar, die vergangenes Jahr beschlossen wurden.« Selbst wenn die USA die eigentlichen Kosten relativ leicht wegstecken könnten, ist bislang noch völlig offen, welche Auswirkungen ein solcher Krieg auf die US- und die Weltwirtschaft hätte. Doch die Amerikaner machen auf Optimismus.

Entscheidend ist der Ölpreis

Alles steht und fällt mit den Ölpreisen. Das hängt von vielen Unbekannten ab: wie lange dauert der Krieg? Werden die Nachbarstaaten hineingezogen? Wie reagiert die OPEC? Nach außen lässt die US-Regierung sich keine Sorge über die wirtschaftlichen Folgen eines Militärschlags anmerken. Angesichts der ohnehin wackligen Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft war die Sorge über die Folgen eines Kriegs bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank am Wochenende in aller Munde - doch Finanzminister Paul O'Neill blieb stoisch.

Hoffen und abwiegeln

»Die OPEC peilt einen Richtpreis von 22 bis 28 Dollar pro Barrel an. Damit können wir leben«, war alles, was er dazu zu sagen hatte. Notenbankchef Alan Greenspan sekundierte: wenn der Krieg sich nicht in die Länge ziehe, hätte ein Ölpreisanstieg kaum große Folgen.

Rezession wäre vermeidbar

Das Prognoseinstitut Macroeconomic Advisers aus St. Louis stellt sich bei einem US-Angriff Anfang nächsten Jahres folgendes Szenario vor: Der Ölpreis schießt auf mehr als 40 Dollar im 1. Quartal, die Aktienkurse fallen um weitere sechs Prozent, die Arbeitslosenquote klettert auf über sechs Prozent, US-Verbraucher kleben vor den Fernsehschirmen anstatt Shoppen zu gehen. Im 2. Quartal gehen die Ölpreise zurück auf 36 Dollar, die Wirtschaft wächst wieder. »Die Wirtschaft würde wegen der Ölpreise taumeln, weil der Preisanstieg aber vorübergehend wäre und die Notenbank die Zinsen auf tiefem Niveau beließe, würde eine Rezession vermieden«, meint das Institut.

Irak fördert nur noch Bruchteil

Beim Golfkrieg 1990, nach der Invasion Kuwaits, war alles anders. Damals förderte der Irak 3,5 Millionen Barrel Öl am Tag. Der befürchtete Ausfall ließ die Preise in Kürze auf über 40 Dollar hochschnellen. Die OPEC brauchte Monate, um die Fördermengen zu erhöhen, die Verbraucherländer zögerten, ihre strategischen Reserven einzusetzen. Die USA stürzten in eine tiefe Rezession. Heute fördert der Irak nach OPEC-Angaben 1,7 Millionen Barrel am Tag, ein Bruchteil der Gesamtfördermenge von rund 76 Millionen Barrel. Der Ausfall wäre geringer, und obwohl der Irak nach Angaben des US-Energieministeriums immerhin fünftgrößter Öllieferant der USA ist, sind die Amerikaner zuversichtlich, dass kein Engpass auftritt.

USA haben vorgesorgt

Die OPEC will einen Ausfall schnell wettmachen, die strategischen Reserven sind gut gefüllt. Allein die USA halten rund 584 Millionen Barrel, genug für 120 Tage. Zwar importieren die USA heute 52 Prozent ihres Bedarfs, verglichen mit 37 Prozent vor gut zehn Jahren, doch beziehen sie das Öl aus mehr Quellen, etwa aus Mexiko. Die Abhängigkeit von Öl aus Nahost ist gesunken. »Wenn wir richtig planen, sollte der Ölpreisanstieg kurz bleiben, dann wären wir in der Lage, die Folgen für die Weltwirtschaft niedrig zu halten«, meint Larry Goldstein, Präsident des Instituts Petroleum Industry Research Foundation in New York.

Blut für Öl?

Und die amerikanischen Ölkonzerne sehen einen dicken Silberstreif am Kriegshimmel: Die Ausbeutung der irakischen Ölreserven, des nach Saudi-Arabien zweitgrößten Ölvorkommens der Welt, verspricht gigantische Geschäfte. Der ehemalige Geheimdienstchef James Woolsey legte bislang noch skeptischen möglichen Kriegspartnern die Aussicht auf Ölgeschäfte wie einen Köder hin: »Frankreich und Russland sollten sich im Klaren sein, dass wir - wenn sie bei der Installierung einer vernünftigen Regierung im Irak beitragen - unser bestes tun werden, damit die neue Regierung und die amerikanischen Ölfirmen sie auch zum Zuge kommen lassen«, sagte er.