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Banking für Hipster: Wie die Smartphone-Bank N26 die Finanzwelt erobert

Kleine Firmen holen die Bank aufs Smartphone. Sie versprechen bequeme Kontoführung und neue Anlagemöglichkeiten. Ganz vorn dabei: ein Start-up aus Berlin.

N26-Gründer Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal

Angriff per App: Die N26-Gründer Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal

Diese Typen versprechen ganz schön viel. Ein neues Konto in acht Minuten. Ein paar Daten eingeben, Legitimation per Video, alles online, rund um die Uhr – und schon soll man alle Geldgeschäfte übers Smartphone regeln können. Da muss man dabei sein, oder?

Also los, 9.31 Uhr. Um 9.39 Uhr müsste ich durch sein. Ich lade die App aufs Handy. "Dein N26-Konto wartet auf Dich", lese ich. Name? Kontaktdaten? Alles klar, Häkchen hier, Häkchen dort. "Du bist nur noch wenige Schritte vom modernsten Konto Europas entfernt." Wunderbar. Und jetzt? "Du wurdest zur Warteliste hinzugefügt" . Warteliste? Was soll das denn?!

Beim Gespräch kurz darauf wirkt der N26-Chef Valentin Stalf bei der Frage ganz und gar nicht zerknirscht. Er tröstet mit einem lockeren "Seien Sie nicht frustriert" und erklärt dann: "Wir ziehen unsere Kunden gerade auf unser neues System um." Daher die Liste. Dauert ein bisschen. Demnächst gehe alles wie gewohnt. In acht Minuten. 

Bankzentrale mit WG-Flair: Bei N26 in Berlin-Mitte sitzt man auf Säcken um Bierkästen

Bankzentrale mit WG-Flair: Bei N26 in Berlin-Mitte sitzt man auf Säcken um Bierkästen

Valentin Stalf, ist Österreicher, 31 Jahre alt und Bankdirektor neuen Typs. Er arbeitet nicht in Frankfurt, sondern in Berlin-Mitte. Statt Dreiteiler und Doppelmanschette trägt er Jeans und Sneakers. Gelernt hat er nicht in einer Bank, sondern in Oliver Samwers Internetschmiede Rocket Internet. Seine Firma nennt Stalf "Company" , die Marke "Brand" , den Namen spricht er "N-twentysix" aus, und zu den etablierten Finanzinstituten – der Deutschen Bank oder den Sparkassen – sagt er "Offlinebanken" . Dabei grinst er. Offline! Allein die Wortwahl ist eine Unverschämtheit, eine Kampfansage an die feinen Herren in den Frankfurter Banktürmen. Wer offline ist, ist in Stalfs Welt vor allem eins: tot.

Wer lebt, der lässt die Bankfiliale übers Smartphone in die Hosentasche schlüpfen. Der verknüpft Kontodaten und Anlagewünsche mit digitaler Technologie, mit Geräten und Algorithmen, und zaubert so bequemere und schnellere Dienstleistungen hervor – von der Bezahlung bis zur Anlageberatung.

Fintech-Firmen versprechen die Revolution

Finanzen und Technologie – über 400 sogenannte Fintech-Firmen gibt es laut einer optimistischen Zählung bereits in Deutschland. Und wie immer, wenn es um die digitale Zukunft geht, versprechen die Neuen die Revolution – man werde alles besser und lohnender machen. Alles. Und auch wenn nicht jede Idee für jeden Kunden sinnvoll ist, so schafft die digitale Technik doch eines: einen leichten Einstieg für unerfahrene Anleger.

N26, 2013 gegründet, seit 2015 am Markt, ist das Vorzeigeunternehmen der deutschen Szene. Das liegt nicht nur daran, dass Stalf und sein Mitgründer Maximilian Tayenthal den berühmt-berüchtigten Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel als Investor gewinnen konnten. Mit lautem Geklapper greifen sie auch die Banken in ihrem Kerngeschäft an, Leitspruch: "Banking, aber besser." N26 behauptet, die Bedürfnisse einer jungen, digitalen Zielgruppe zwischen 18 und 35 radikal in den Mittelpunkt zu stellen.

Jenseits der vermeintlichen Acht-Minuten-Registrierung heißt das: Das kostenlose Girokonto wird per App verwaltet, "optimiert" für das Smartphone. Der Kontoauszug kommt per Push-Nachricht. Barabhebungen an allen Geldautomaten im In- und Ausland waren zunächst kostenlos. Eine Art Blitzüberweisung erlaubt es, Geld in Sekundenschnelle an "Freunde" zu senden – eine wunderbare Hilfe in Situationen wie dieser: Man speist gemeinsam im Restaurant, die Freundin zahlt, jetzt schuldet man ihr ein paar Euro – und überweist sie fix per Smartphone. Sehr praktisch. 

Banker mit Bommel: Bei N26 in Berlin tragen die Mitarbeiter wie Thomas van Helden nicht unbedingt Dreiteiler

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Viel mehr Annehmlichkeiten als die Onlinekonten anderer Banken hat N26 nie geboten. Und doch hat das Start-up schnell 200.000 Kunden in acht europäischen Ländern gewonnen. Das ist beachtlich, zumal N26 lange nicht mal eine richtige Bank war, sondern sich auf eine Partnerbank im Hintergrund stützen musste, die Wirecard Bank. Erst im vergangenen Sommer erhielt N26 von Europäischer Zentralbank und Bafin eine Vollbanklizenz, unterzeichnet von EZB-Chef Mario Draghi persönlich. Das war ein Ritterschlag. Seither sind sie in der Klosterstraße mehr als nur eine Internetklitsche.

Mit solchen Lizenzen können die Start-ups mehr Finanzdienste aus einer Hand anbieten und diese auch schneller abwickeln, weil sie nicht mehr auf die Servicekapazitäten der Partner angewiesen sind. Für Kunden kann das ein wichtiges Kriterium sein und damit für die Start-ups überlebenswichtig. Mittelfristig müssen die kleinen Firmen nämlich zeigen, ob sie bei Preis und Service mit den Großen mithalten können. Und das wird nicht einfach. 

Sparkassen und Banken machen mobil

Die Dinosaurier sind aufgewacht. So entwickeln einige Sparkassen die App "Yomo" , kurz für "Your Money" . Sie soll noch in diesem Jahr starten, mit ganz ähnlichen Modulen für genau jene Altersgruppe, um die auch N26 buhlt. Das Motto: "Passt zu meinem Nagellack."

Für die Älteren hat die Deutsche Bank im Sommer eine aufwendige App präsentiert, über die sich in preisgekröntem Design alle Konten und Depots verwalten lassen. Mit der App "O2 Banking" hat fast zeitgleich auch der Gigant aus der Telefonbranche einen Vorstoß in Richtung Smartphone-Bank gewagt – inklusive bargeldlosem Bezahlen, Überweisungen per Mobilfunknummer, Minikrediten per "Geldnotruf" und weiteren Features.

Und ganz so leicht, wie N26 es darstellt, haben es die Kunden beim Start-up nicht. Nach acht Minuten und sieben weiteren Tagen erhalte ich eine E-Mail: "Das Warten hat ein Ende. Bestätige Deine Identität in wenigen Minuten." Okay, endlich. Aber – das Video-Telefonat funktioniert nicht. Ich rufe beim "Supportteam Deutschland" an. Nach vier Minuten in der Warteschleife hebt ein "Marius" ab. "Hallo!" Natürlich duzt er mich. Warum das denn jetzt nicht auf Anhieb funktioniere mit der Video-Legitimation, will ich wissen. "Es kommen gerade viele Kunden rein" , sagt Marius. "Da kann es manchmal etwas dauern." 

DNA der neuen Finanzwelt: Der Quellcode der N26-App ist in den Teppichboden eingelassen

DNA der neuen Finanzwelt: Der Quellcode der N26-App ist in den Teppichboden eingelassen

Immerhin, wenn die Technik funktioniert, bieten Fintechs mehr als klassische Kontoführung. Das macht den Unterschied zum herkömmlichen Onlinebanking aus – und den Reiz für Kunden. Viele der Neuen konzentrieren sich auf das Bezahlen per Smartphone. Das große Vorbild ist der US-Online-Dienst Paypal, der das Einkaufen im Internet schneller und bequemer gemacht hat. Jetzt geht es darum, das Einkaufen auch in der echten Welt möglichst bargeldlos und einfach zu gestalten. Für deutsche Kunden ist das eher eine Spielerei. Hier werden sowieso noch 80 Prozent der Geschäfte in bar abgewickelt. Und wenn nicht, zücken die Leute ihre EC-Karte. Neue Verfahren zum Bezahlen per Smartphone konnten sich bislang nicht durchsetzen.

Trotzdem experimentiert auch N26 mit neuen Bezahlvarianten und kooperiert etwa mit dem Fintech Barzahlen.de. Die Kunden können dadurch nicht nur an Geldautomaten, sondern auch an Ladenkassen Geld abheben oder einzahlen.

Darlehen vergeben ohne Bank

Auch Darlehen können sich Kunden in der digitalen Welt auf neuen Wegen beschaffen, etwa über das Peer-to-Peer-Lending. Das Prinzip: Die Menschen leihen sich Geld untereinander, ohne Bank. Die Zinsen richten sich nach der Bonität des Kreditnehmers – und sind die Rendite des Geldgebers. Die Vermittlung übernimmt eine Firma im Netz, die dafür Gebühren erhebt. Führend in Deutschland sind dabei Lendico oder Auxmoney. "Bisher gehen Leute, die keine gute Schufa haben, oft zu Kredithaien und lassen sich auf bisweilen haarsträubende Verträge ein" , sagt Stephanie Heise, Finanzspezialistin der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Da ist man bei einer seriösen Peer-to-Peer-Plattform sicher besser aufgehoben."

Für viele Kunden dürfte neben den klassischen Konto- und Depotfunktionen an den Fintechs aber vor allem eines interessant sein: die neuen Anlagemöglichkeiten durch sogenannte Robo-Advisor. Dabei beobachten Algorithmen den Markt und machen Vorschläge, oder sie legen das Geld gleich automatisch an, je nachdem, wie man es wünscht. Und wie immer in der digitalen Welt ermöglicht die Technik personalisierte Angebote zu relativ günstigen Preisen. Die Roboter ersetzen den Bankberater und Händler.

Aus der Sicht von Verbraucherschützerin Heise können die automatisierten Berater dabei helfen, die aktienscheuen Deutschen mit Fonds vertraut zu machen. "Unter Umständen fahre ich mit einem Robo-Advisor besser und vor allem kostengünstiger als mit einem 08/15-Bankberater von der Filiale um die Ecke, der mir nur das Standardprogramm liefert, das ihm die Zentrale vorgibt." 

Bei N26 arbeiten von 160 Mitarbeitern nur sechs bis zehn im "Bankteam"

Bei N26 arbeiten von 160 Mitarbeitern nur sechs bis zehn im "Bankteam"

Auch Valentin Stalfs N26 bietet gemeinsam mit dem Robo-Advisor Vaamo ein computergesteuertes Investmentprodukt an. Schon ab monatlichen Sparbeträgen von zehn Euro investieren die Maschinen in Fonds und Anleihen. Für das Angebot musste N26 allerdings herbe Kritik einstecken. Verbraucherschützer warfen der Bank vor, dass die Gebühren von mindestens 1,90 Euro pro Monat bei so geringen Beträgen die Gewinne auffräßen.

Stalf ficht das wenig an. Ja, man nehme bei N26 die Kritik ernst, sagt er, jetzt würden sie eben Verbraucherschützer bei neuen Produkten früher einbeziehen. Für ihn ist ein anderer Gesichtspunkt wichtiger. Künftig, so Stalf, würden Banken sich weniger durch ihre Produkte unterscheiden als vielmehr durch die Art und Weise, wie sie ihre Kundenbeziehungen pflegten. Konkret bedeutet das: Stalf sieht die Kernkompetenz seiner Bank nicht darin, Finanzprodukte selbst zu schaffen, sondern eher darin, die Produkte von Spezialisten mit wenigen Klicks einfach zugänglich zu machen. Wie eben die Produkte von Vaamo. Oder auch die von der Allianz-Gruppe, mit der N26 ebenfalls kooperiert. Von den 160 N26-Mitarbeitern kümmern sich folglich nur sechs bis zehn Leute als "Bankteam" um klassische Anlagefragen.

 "Kleine PR-Krise"

Im vergangenen Sommer musste Stalf allerdings auch erfahren, wie schnell sich Beziehungen zu Kunden eintrüben können. Er nennt dieses Erlebnis eine "kleine PR-Krise". Tatsächlich war es mehr. Die Firma hatte ein "paar Hundert" Kunden gekündigt, weil die – aus Sicht von N26 – zu oft Geld vom Automaten abgehoben hatten. Nach den Verträgen durften die Kunden zwar so oft zum Automaten, wie sie wollten, und das kostenlos – doch N26 hatte draufzahlen müssen und sie deshalb einfach rausgeworfen. Nun war der Unmut groß.

"Es gibt bei der Entwicklung so einer Company eben immer auch Vorfälle, die man später bereut" , sagt Stalf heute. Man habe den Betroffenen die Rückkehr angeboten, etwa die Hälfte habe das auch gemacht. Er habe daraus gelernt, jeden Kunden "noch ernster" zu nehmen.

Andererseits gehöre eine solche Erfahrung – Stalf nennt so etwas " hiccup" , Schluckauf – auch dazu. Inzwischen scheint N26 ein Stück weit in der Realität angekommen zu sein. Man will oder kann Kunden nicht mehr um jeden Preis halten. Die Zahl der kostenlosen Abhebungen ist im Inland nun begrenzt, auf fünf im Monat.

Weiterer Trend: Social Trading

Neben den Robo-Beratern gibt es weitere neue, digitale Anlagetechniken. Dazu gehört das sogenannte Social Trading. Auf Plattformen wie Ayondo können Anleger "Top-Tradern" folgen und sich ansehen, wo die mit welchem Erfolg investieren. Sind sie von der Strategie überzeugt, können sie den "Trader" ins eigene Portfolio übernehmen. Dessen Entscheidungen werden dort dann automatisch nachvollzogen. Mit diesem Konzept wird die im Netz gängige Idee der Community auch auf die Geldanlage übertragen.

Für versierte Anleger klingt das interessant. Verbraucherschützerin Heise warnt jedoch: "Man muss sich wirklich gut mit Wertpapieren auskennen, um nicht massiv auf die Nase zu fallen. Denn dort wird alles geboten, bis hin zu wüstesten Spekulationen auf Währungen oder Rohstoffe. Ein unerfahrener Anleger kann die Risiken nicht abschätzen."

Und auch vor einer anderen Gefahr der digitalisierten Geldwelt warnt die Verbraucherschützerin: vor einer sozialen Spaltung. Was geschieht mit jenen, die sich im Internet des Geldes nicht bewegen können oder wollen? Müssen sie auf neue Dienste, neue Anlagemöglichkeiten, vielleicht sogar auf Beratung verzichten? Schließlich ist inzwischen vorstellbar, dass ein Finanzberater demnächst zwar über Chat oder Video verfügbar ist, aber nicht mehr in der Filiale, weil es die schlicht nicht mehr gibt. "Man muss aufpassen, dass die Leute hier nicht über die Technik oder den Preis abgehängt werden", sagt Heise. "Ein Bankkonto ist ein essenzielles Produkt. Das braucht jeder."

Valentin Stalf jucken die Filialen nicht, N26 hat keine. Und digital abhängen lassen sich seine Kunden ohnehin nicht. Sein Ziel heißt: Wachstum. Binnen der nächsten drei Jahre will Stalf profitabel sein, auch der Börsengang ist ein Ziel. Es gibt jetzt ein Businesskonto und ein "Premium"-Girokonto für 5,90 Euro im Monat mit allerlei Versicherungs-Schnickschnack. Irgendwo muss das Geld ja herkommen.

Marius, die Stimme im Telefon, kann mir vorerst übrigens nicht weiterhelfen. Die Video-Legitimation funktioniert einfach nicht. "Probier's doch in den Abendstunden", sagt er. "Es ist viel los, und manchmal sind die etwas unterbesetzt." Acht Minuten können bisweilen sehr, sehr lang sein.

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