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Prozess: Lakritz-Liebhaberin bekommt kein Schmerzensgeld

Selber schuld: Wer zuviel Lakritz isst, kann für mögliche Gesundheitsschäden nicht den Hersteller verantwortlich machen. So lautet der Gerichtsentscheid im Falle einer Klägerin, die nach "abnormalem Verzehr" und einem Zusammenbruch Geld wollte.

Wer zuviel Lakritz isst, kann für mögliche Gesundheitsschäden nicht den Hersteller verantwortlich machen. Das hat das Landgericht Bonn am Montag klargestellt. Das Gericht wies eine entsprechende Klage einer 48-jährigen Berlinerin gegen den Bonner Süßwarenhersteller Haribo ab. Das Unternehmen begrüßte die Entscheidung: "Die Klägerin ist für die angeblichen Folgen ihres abnormalen Verzehrverhaltens allein verantwortlich", erklärte ein Sprecher.

48 Kilogramm in vier Monaten

Die 48-jährige Margit Kieske hatte 6.000 Euro Schmerzensgeld von Haribo verlangt. Sie hatte nach eigenen Angaben vier Monate lang, zwischen November 2002 und Februar 2003, täglich 400 Gramm der Lakritz-Mischung "Matador-Mix" vertilgt - das entspricht insgesamt etwa 48 Kilogramm. Daraufhin erlitt sie einen Zusammenbruch und musste mit lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen in eine Klinik. Fast sechs Monate war die Frau arbeitsunfähig.

Essen Sie gerne Lakritze?

Kieske vertrat nach Angaben des Gerichts in ihrer Klage die Ansicht, dass allein der Verzehr der von Haribo hergestellten Lakritze ursächlich für ihre Beschwerden gewesen sei. Haribo hätte auf schädliche Wirkungen des Genusses größerer Mengen des Inhaltsstoffes Glycyrrhizin hinweisen müssen. Glycyrrhizin stammt aus dem Saft der Süßholzwurzel und gibt Lakritz seinen typischen Geschmack.

Letzte offizielle Warnung 1999

Das damalige Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (heute: Bundesinstitut für Risikobewertung) in Berlin hatte zuletzt 1999 darauf hingewiesen, dass Lakritz mit einem Gehalt von mehr als 0,2 Prozent Glycyrrhizin gesundheitliche Nebenwirkungen auslösen könne, wenn mehr als 50 Gramm pro Tag verzehrt werden. Gefährdet seien vor allem Menschen mit Bluthochdruck, Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetiker und Schwangere. Bei ihnen könne der Inhaltsstoff hohen Blutdruck, Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme) sowie Muskelschwäche auslösen.

Die 9. Zivilkammer entschied freilich, dass dem Hersteller keine Vorwürfe zu machen sind. Es sei "allgemein bekannt, dass der Verzehr von Süßigkeiten - wie der streitgegenständlichen Lakritz-Mischung - zu Gesundheitsschäden führen" könne, hieß es in der Begründung des Vorsitzenden Richters Paul-Hermann Wagner. Dies gelte für nahezu jedes Lebensmittel im Falle des übermäßigen Konsums. Hierbei komme es nicht darauf an, ob die Klägerin oder die Allgemeinheit über die den Blutdruck erhöhende Wirkung von Glycyrrhizin hinreichend informiert gewesen sei oder nicht.

Erhöhtes Risiko durch Übergewicht

Es sei nicht erforderlich, vor jeder möglichen Gesundheitsbeeinträchtigung durch übermäßigen Konsum zu warnen, betonte das Gericht. Dies gelte "gerade dann, wenn der Konsument wie im vorliegenden Falle übergewichtig" sei. Der Klägerin sei bewusst gewesen, dass bei ihr ein erhöhtes Risiko für Kreislauferkrankungen, Herzkrankheiten oder Bluthochdruck bestanden habe. Dem Hersteller Haribo sei weder ein Produktfehler vorzuwerfen noch hätte er auf den Inhaltsstoff hinweisen müssen. Die Kennzeichnungspflicht gelte erst ab einem Glycyrrhizingehalt von 0,2 Prozent. Die Haribo-Mischung sei aber darunter geblieben. Nach Angaben des Unternehmens betrug der Glycyrrhizinanteil im "Matador-Mix" nur 0,08 bis 0,18 Prozent.

Joachim Sondermann, AP / AP / DPA