HOME

Stern Logo Ratgeber Scheidung

Scheidung ohne Streit: Wie ein Mediator helfen kann

Scheidungen betreffen nicht nur die Ehepartner, sondern ihre Kinder in besonderem Maße. Um ihre Ansprüche zu verstehen und um Fragen der weiteren Lebensgestaltung zu klären, lohnt der Gang zu einem so genannten Mediator, einem Vermittler zwischen den Parteien. Er kann für geregelte Verhältnisse sorgen und spart Ihnen im Idealfall einen Teil der Prozesskosten.

Von Kuno Kruse

Scheidungskind Jules sagt über seine Mutter: "Mama ist strenger, was das Aufräumen betrifft. ..."

Scheidungskind Jules sagt über seine Mutter: "Mama ist strenger, was das Aufräumen betrifft. ..."

Vor dem Scheidungsrichter erleben Paare, dass über sie verhandelt wird. Beim Mediator handeln sie selbst etwas miteinander aus. So einfach erklärt Birgit Johannsen, Mitbegründerin des "Hamburger Instituts für Mediation" den Sinn jenes Konfliktvermittlers, der heute immer häufiger von Scheidungspaaren in Anspruch genommen wird. Denn der Mediator ist als neutraler Dritter Interessenvertreter beider Parteien. "Zu oft bleibt nach einer Gerichtsverhandlung bei den Beteiligten das Gefühl zurück, die Gestaltung des künftigen Lebensweges aus den Händen gegeben zu haben und durch die Beschränkung auf Gesetze fremdbestimmt worden zu sein."

Gerade bei Männern ist die Schwellenangst bei einem eher praxisorientierten Vermittler geringer als bei einem Therapeuten. Denn der Mediator schaut nicht nur in die Seele, sondern setzt mit den Eheleuten einen Vertrag auf. "Quadratisch, praktisch, gut", sagt Johannsen, "aber immer mit Blick auf den Menschen."

Über Nacht kann der ehemalige Lebenspartner zum uneinschätzbaren Gegner werden, und auch der letzte Schritt einer langen Paartherapie kann der durch die Tür einer Rechtsanwaltskanzlei sein. Enttäuschungen, oft Verletzungen, eine giftige Mischung aus Wut und Trauer - durch den Sumpf all dieser Gefühle muss der Vernunft in begleiteten Gesprächen ein Steg gebaut werden. "Kaum jemand ist am Anfang dieser Zeit in der Lage zu erkennen", sagt die Mediatorin, ",dass Abschied nehmen auch eine Chance sein kann." Sie erlebt aber auch, dass die Gespräche in ihrer Praxis zur letzten Gelegenheit werden, eine Trennung zu verhindern. "Mediation kann gerade in einer Phase positiv wirken, in der die Beteiligten sich über die Zukunft ihrer Beziehung noch nicht sicher sind."

Wohlergehen der Kinder im Mittelpunkt

Kommt es aber zur Scheidung, steht eine Regelung für das Wohlergehen der Kinder im Mittelpunkt aller Verhandlungen. "Zum Glück wissen die meisten, dass sie zwar als Paar, als Eltern aber niemals geschieden werden können", sagt die Juristin. In den vom Mediator begleiteten Einigungsgesprächen müssen beide Partner ausloten, wie weit sie in ihren Vorstellungen voneinander entfernt liegen. "Jeder sollte sich in seiner Haltung verstanden fühlen, aber auch bereit sein, die Bedürfnisse des anderen zu berücksichtigen."

Die Einigung fließt dann in einen Vertrag, manchmal großzügig, manchmal so detailliert wie möglich. Da ist vielleicht das Anliegen des Vaters, der fürchtet, das gemeinsame Kind nur noch unter größten Schwierigkeiten zu sehen, auf der anderen Seite stehen oft die Bedürfnisse der Mutter, die Unzuverlässigkeiten bei den Absprachen ahnt. Da ist die Angst der Mutter vor dem Umzug in die kleinere Wohnung, auf der Seite des Vaters die vor den ruinösen Kosten zweier Haushalte. Im Hintergrund lauert bei beiden die Furcht vor dem Abstieg, vielleicht der Armut.

"Die Mediation dient dazu, dass Scheidungspaare in kostenträchtigen Prozessen nicht auch noch alles verlieren, was sie miteinander aufgebaut haben. Es geht oft einfach darum, das gemeinsam erwirtschaftete Eigentum zu erhalten."

Alles sollte durchdacht sein

Eine Wochenendregelung, eine Ferienplanung, Schulwechsel und Lebensmittelpunkt der Kinder, die Rolle der Großeltern, gemeinsame Grundsätze der Erziehung - "Einige Paare einigen sich grundsätzlich, andere handeln genaue Umgangstermine aus," sagt Johannsen. Vielleicht auch die Weiterzahlung der Lebensversicherung, die nächste Einkommensteuererklärung, die Unterhaltsregelungen, oder der Verzicht darauf, alles sollte durchdacht sein und möglichst sachlich erörtert werden.

"Meine Sahnepaare" nennt sie jene Eltern, die unabhängig von der Gesetzesreform ein klares Bewusstsein davon haben, dass die gemeinsame elterliche Sorge mehr als eine Unterhaltszahlung ist. Und die werden immer mehr. Noch passiert das eher selten, so wie bei dem Paar, das neulich gerade bei ihr war. Beide sind kaufmännische Angestellte. Die Frau stockte ihre Arbeitszeit auf, während der Mann sie gleichzeitig reduzierte, um Zeit für die Kinderbetreuung zu haben. Arrangements und das Überdenken der Geschlechterrollen sind noch lange nicht die Regel, aber auch keine Ausnahme mehr. "Mediationspaaren gelingt es immer besser, beiden eine gute Mischung aus Elternsein und Beruftätigkeit zu ermöglichen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie gut Paare selbst in dieser sehr krisenhaften Situation gemeinsam ihre künftige Lebensgestaltung entwickeln können."

Erst kommt die Einigung, dann der Richter

Die Anwältin mit psychologischer Zusatzausbildung zur Ehe- und Lebensberaterin hat noch bei amerikanischen Mediatoren gelernt. In den vergangenen Jahren aber hat sich die konsens- und lösungsorientierte Beratung auch in Deutschland etabliert. Inzwischen weisen Beratungsstellen, Anwälte und Gerichte auf diese Möglichkeit hin. Denn das vermeidet lange Prozesse, und dass der großen Abrechung miteinander nicht auch noch die große Anwalts- und Gerichtskostenrechnung folgt. Denn zuerst kommt die Einigung - und dann der Richter. Oder auch gar nicht mehr. Denn der § 278 der Zivilprozessordnung empfiehlt es den Gerichten, bei friedfertigen Paaren auch eine außergerichtliche Streitschlichtung vorzuschlagen.

Themen in diesem Artikel