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Rentner: Die Steuerfahndung schnappt zu

Millionen Rentner könnten dieses Jahr unangenehme Post bekommen: Dank eines neuen Verfahrens ist es dem Finanzamt möglich zu überprüfen, ob sie in den vergangenen Jahren genug Steuern bezahlt haben. Finanzexperten raten daher zu einem wichtigen Schritt.

Unangenehme Nachrichten für Millionen Rentner: Seit Januar heftet sich der Staat an ihre Fersen und kontrolliert, ob sie bei der Steuer tricksen. Für den, der seit 2005 hohe Rentenbezüge oder mehrere Alterseinkünfte am Fiskus vorbei kassiert hat, schnappt dann nach der Bundestagswahl im Oktober die Steuerfalle zu. Säumige Senioren müssen nachzahlen und bekommen womöglich Ärger mit dem Finanzamt - unabhängig davon, ob sie von ihrer Steuerpflicht wussten oder nicht.

Experten raten, sich in den nächsten Monaten selbst um die Steuer zu kümmern und eventuell Versäumtes aus freien Stücken nachzuholen, bevor das Finanzamt einen blauen Brief schickt. "Am besten fällige Steuererklärungen kommentarlos nachreichen, auf keinen Fall etwas von Selbstanzeige" fallenlassen, empfiehlt Stephanie Zipp von der Zeitschrift "Finanztest". Brenzlig kann es werden, wenn ein Rentner bewusst in größerem Stil Steuern hinterzogen hat. Auf Tauchstation gehen nützt nichts.

Datenströme lückenlos erfasst

Ab diesem Jahr hätten die Ämter erstmals den Überblick über die Höhe der Einkünfte, sagt Andreas Dürre von der Deutschen Rentenversicherung (DRV). Mit Hilfe bundesweiter Datenströme wird seit Januar lückenlos erfasst, was deutsche Ruheständler so alles an Altersbezügen und Kapitalauszahlungen bekommen. Die Meldungen landen dann schließlich beim zuständigen Finanzamt. Die Beamten können damit gezielt prüfen, ob Rentner in die Besteuerung rutschen - und auf die Suche nach unversteuerten Einnahmen bis ins Jahr 2005 zurück gehen. Gleich nach der Bundestagswahl wird den ersten Senioren auf Abwegen die Aufforderung zur Abgabe einer Steuererklärung ins Haus flattern, wie Erich Nöll vom Bundesverband der Lohnsteuerhilfevereine erklärt. Die Aktion laufe "im letzten Quartal 2009 an", bestätigt Dürre.

Nöll erwartet "riesige Nachzahlungen" und einen enormen Ansturm verunsicherter Rentner auf die Lohnsteuerhilfevereine und Steuerberater ab Oktober. Der Steuerfachmann meint: "Da müssen notfalls auch noch 85- und 90-Jährige Greise im Pflegeheim Steuererklärungen abgeben, Verwandte sollten sich rechtzeitig kümmern." Wohlhabende Rentner und Pensionäre können der Besteuerung meist nicht entgehen. Zur Kasse gebeten wird in der Regel auch, wenn ein Ehepartner noch arbeitet. Die Steuerpflicht kann auch Senioren treffen, deren Einkünfte sich aus mehreren Quellen speisen. Wenn sie etwa eine niedrige gesetzliche Rente bekommen, dazu aber noch Zusatzeinkommen haben wie eine Betriebs- oder Privatrente, Miet- oder Kapitaleinkünfte wie Zinsen und Dividenden oder einen Nebenverdienst.

Nachzahlungen können hart treffen

Auch die Witwenrente ist wie die Altersrente steuerpflichtig. Beispiele: Seit 2004 bekommt eine Seniorin 700 Euro brutto an Witwenrente. Eine eigene Rente hat sie nicht. Ihr verstorbener Mann hinterließ ihr aber eine vermietete Wohnung mit monatlichen Mieteinkünften von 700 Euro. Damit hätte sie unterm Strich Steuern zahlen müssen, und zwar jährlich 732 Euro. Anders ein 69-jähriger, früherer Angestellter, der seit vier Jahren 1400 Euro Monatsrente bekommt, also so viel wie die Witwe, aber nach allen Abzügen dennoch steuerfrei davon kommt, wie "Finanztest" berechnet hat. Im Schnitt müssten steuerpflichtige Seniorenhaushalte etwa 500 Euro jährlich an den Fiskus abführen, schätzen Experten. "Schon Nachzahlungen von 200 Euro pro Jahr zurück bis 2005 können hart treffen", meint Nöll.

Wer nur eine kleine bis mittlere gesetzliche Rente bekommt und allerhöchstens noch Zinsen hat - wie ein Großteil der etwa 19 Millionen Ruheständler - bleibt voraussichtlich vom Fiskus verschont. Zusammenrechnen hilft erstmal weiter: Waren die Einkünfte höher als der steuerfreie Grundbetrag von 7664 Euro im Jahr (für Ehepaare 15.329 Euro), muss eine Abrechnung sein. Es kann auch passieren, dass das Finanzamt Steuererklärungen verlangt, trotz guter Renten aber keine Steuern kassiert wie bei dem oben genannten ehemaligen Angestellten. Mit Freibeträgen und Pauschalen können Senioren in jedem Fall ihre Steuerlast drücken. Sie sollten sie nutzen. Ob man auch im Ruhestand eine Steuererklärung abgeben muss oder nicht, kann jeder mit ein wenig Mühe überschlägig selbst ermitteln. Der Online-Rechner von "Finanztest" kann beim Abschätzen eine große Hilfe sein. Eine Alternative ist der Alterseinkünfte-Rechner des Bayerischen Landesamts für Steuern.

Berrit Gräber/AP / AP
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