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Scalable Capital Darf man Börsenanfänger mit einer Flatrate-App zum Zocken animieren?

Erik Podzuweit
Erik Podzuweit ist Gründer und Geschäftsführer des Münchener Start-ups Scalable Capital
© Scalable Capital
Der Gamestop-Hype hat Trading-Apps wie Scalable Capital in den Fokus gerückt, mit denen jeder Anfänger an der Börse zocken kann. Verbrennt sich da gerade eine junge Generation von Anlegern die Finger? Scalable-Chef Erik Podzuweit ist anderer Meinung.

Kleinanleger schlagen Hedgefonds mit ihren eigenen Waffen - so lautete die Story der vergangenen Woche, als private Zocker in Massen die Aktie des taumelnden Spielehändlers Gamestop hypten. Hedgefonds, die gegen Gamestop gewettet hatten, gerieten in Schwierigkeiten. Mittlerweile ist der Gamestop-Kurs wieder steil abgeschmiert.

Möglich wurde der Börsen-Flashmob durch Trading-Apps, die es jedem Amateur erlauben, auch mit kleinen Summen günstig oder sogar gebührenfrei Aktien zu kaufen. In den USA nutzen Millionen Menschen Robinhood, hierzulande zählt neben Trade Republic auch Scalable Capital zu den bekannten Anbietern. Das Münchener Start-up hat mehr als 150.000 Kunden, hauptsächlich in Deutschland, und verwaltet Kundengelder von rund drei Milliarden Euro. Der stern hat mit Gründer und Geschäftsführer Erik Podzuweit über das Zocken per Smartphone gesprochen.

Herr Podzuweit, vergangene Woche pushten Kleinanleger einzelne Aktien, allen voran Gamestop, in schwindelerregende Höhen. Diese Woche stürzen die Titel wieder dramatisch ab. Verbrennt sich gerade eine neue Generation von Anlegern die Finger, so wie es ihre Eltern mit der Telekom-Aktie getan haben?

Dieser Vergleich drängt sich auf, aber er hinkt. Tatsächlich waren auch bei uns letzte Woche Gamestop, AMC, Blackberry und Nokia die meistgehandelten Aktien. Aber: Dieser Handel ging von einer sehr aktiven kleinen Gruppe aus. Bei uns haben vier Prozent der Kunden Gamestop-Aktien gehandelt. Anders als damals bei der Telekom ist Gamestop keine Volksaktie. 

Freuen Sie sich über die kostenlose Aufmerksamkeit, die Neo-Broker wie Sie durch den Gamestop-Hype erhalten, oder fürchten Sie, dass die Turbulenzen Börsenanfänger abschrecken?

Ich glaube nicht, dass das schlecht für die Aktienkultur ist. Im Gegenteil: Wir hatten tausende Neukunden am Tag, so viele wie wir sonst in einem Monat haben. Natürlich ist Gamestop keine gute Altersvorsorge. Aber der Großteil der Community, die Gamestop getradet hat, wusste meines Erachtens genau, was sie macht. Viele sind bewusst das Risiko eingegangen, um den Hedgefonds eins auszuwischen und um Spaß zu haben.

Ihr deutscher Konkurrent Trade Republic und Robinhood in den USA waren einem Shitstorm der Anleger ausgesetzt, weil sie den Kauf von Gamestop-Aktien vorübergehend ausgesetzt hatten. Dürfen Neo-Broker ihre Kunden so bevormunden?

Ich denke nicht, dass irgendwer die Kleinanleger gezielt ausgebremst hat, um die großen Hedgefonds zu schützen. Bei Robinhood war es ein Liquiditätsproblem, die brauchten mehr Cash, um die vielen Aufträge abzuwickeln. Hier in Europa waren es Technikprobleme. Ich bin ganz klar der Meinung, dass Broker nicht aus Gründen des Anlegerschutzes den Handel mit einzelnen Aktien aussetzen dürfen. Wenn ich sage, ihr dürft die und die Aktie nicht mehr kaufen, fühlen sich die Leute schnell bevormundet. 

"Börsen Oma" und Aktien-Expertin Beate Sander

Bei Scalable Capital zahlen Nutzer 2,99 Euro Gebühr im Monat und dürfen dann so viel handeln, wie sie wollen. Fühlen Sie sich gar nicht schlecht dabei, Börsenanfänger mit einer Trading-Flatrate zum Zocken zu animieren?

Das erscheint mir weit hergeholt. Die Hälfte unserer Kundengelder ist ganz langweilig in ETF angelegt, die nutzen uns einfach als günstigen ETF-Broker. Die anderen investieren selbst in Aktien, viele auch langfristig. Nur 15 bis 20 Prozent der Kunden sind aktive Trader, die täglich handeln.

Mit denen verdienen Sie am meisten Geld, weil Sie an jedem Trade ein bisschen mitverdienen. Tagesaktuell Aktien zu kaufen und verkaufen - das hat aber mehr was von Sportwetten als von Geldanlage. Besteht bei Trading-Apps nicht die große Gefahr, dass der Spielreiz die Vernunft ausschaltet?

Natürlich gibt es immer Einzelfälle, wo sich jemand zu viel getraut hat und Geld verliert. Aber in Summe ist es total zu begrüßen, dass sich mehr Leute mit der Börse beschäftigen. Die größte Geldvernichtung passiert in Deutschland nicht, weil die Leute mal am Aktienmarkt rumexperimentieren, sondern weil sie ihr Geld gar nicht anlegen und es ohne Zinsen auf dem Konto liegen lassen.

Sie sehen sich also als guter Samariter, der den kleinen Mann an die Börse heranführt?

Dafür sorgen ja nicht nur die Neo-Broker, sondern auch andere Depotanbieter. Und es gibt Ratgeber-Webseiten, Youtube-Channels, Geldanlage-Podcasts von Einzelpersonen mit riesiger Reichweite, die einem die Börse schmackhaft machen. Die Leute haben generell so viel Interesse an Kapitalmarktthemen wie nie. Dazu kommt, dass viele Menschen im Lockdown auch die Zeit haben, sich damit zu beschäftigen. 

Es wird immer von den jungen Tradern gesprochen. Wie alt sind Ihre Kunden?

Wir haben zwei Arten von Kunden. In der Vermögensverwaltung, wo die Software für den Kunden ein Portfolio zusammenstellt, ist der Altersdurchschnitt 50 Jahre, die Kunden sind eher vermögend und legen im Schnitt 30.000 bis 40.000 Euro an. In unserem Broker ist der Altersdurchschnitt mit 34 deutlich niedriger. Die meisten sind Akademiker, stehen gut im Job und haben Spaß, sich mit Nachrichten rund um den Kapitalmarkt zu beschäftigen.

Zocken Sie selbst mit Ihrem eigenen Geld?

Ich habe das meiste meines Geldes langweilig in ETF angelegt für den langfristigen Vermögensaufbau. Dann habe ich aber auch ein überschaubares Portfolio, wo ich fast jeden Tag ein bisschen was hin- und hertrade. Wenn man sich Scalable Capital anschaut, liegt das ja beides nahe.


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