VG-Wort Pixel

Gamestop & Co Der Börsen-Flashmob: Wie ein Heer von Kleinanlegern die Wall Street das Fürchten lehrt

Gamestop-Protest
Protest vor der New Yorker Börse: Seitdem der Online-Broker Robinhood den Kauf von Hype-Aktien wie Gamestop aussetzte, ist der Fall ein Politikum
© John Lamparski / Picture Alliance
Am Aktienmarkt tobt eine Revolution. Horden von Hobbyanlegern wetten gezielt gegen große Hedgefonds, um diese in Verluste zu stürzen. In den Kampf schaltet sich nun sogar die Politik ein. Wer sich als Anleger an der Börsenrebellion beteiligen will, könnte aber ziemlich auf die Nase fallen.

Die unheimliche Macht der sozialen Netzwerke liegt darin, dass sich viele Menschen zusammenschließen können, um mit eigentlich irrationalen Handlungen die Welt zu verändern. Sie können sich Eiswasser über den Kopf schütten, um Millionenspenden gegen eine Nervenkrankheit zu sammeln. Sie können sich in ihren Verschwörungstheorien bestärken, bis ein Mob das US-Kapitol stürmt. Oder sie können sich verabreden, massenweise Aktien einer Loser-Firma zu kaufen, um die Gesetze der Wall Street auszuhebeln.

Letzteres hat in den vergangenen Tagen einen Kulturkampf zwischen Hobbyanlegern und Profiinvestoren ausgelöst, in dem mächtige Hedgefonds viel Geld verlieren, Kleinanleger vorübergehend vom Aktienhandel ausgeschlossen wurden und US-Spitzenpolitiker vom linken bis zum rechten Rand empört Aufklärung fordern. 

Hobby-Zocker gegen Profis

Für alle, die noch nicht ganz im Bilde sind, was da eigentlich vor sich geht: Gamestop ist eine Einzelhandelskette, die Computerspiele verkauft, und eigentlich seit Jahren auf dem absteigenden Ast ist. Aus diesem Grund haben einige milliardenschwere Hedgefonds mit sogenannten Leerverkäufen (Shortselling) auf weitere Kursverluste des Unternehmens gewettet. Ein gängiges Mittel, mit dem Börsenprofis oft Erfolg haben und viel Geld verdienen. Diesmal aber nicht.

Um den mächtigen Hedgefonds eins auszuwischen, haben sich Tausende Nutzer der Internetplattform Reddit in dem Forum Wallstreetbets abgesprochen, Aktien der Firma zu kaufen und den Kurs künstlich nach oben zu treiben. Die dümpelnde Gamestop-Aktie stieg innerhalb weniger Tage um 1000 Prozent und mehr. Die Hedgefonds wiederum waren nun gezwungen, zu den horrenden Preisen weitere Gamestop-Aktien zu kaufen, um ihre Leerverkaufswetten einzulösen – was den Kurs noch weiter trieb. Nach dem gleichen Muster pushen die Reddit-Zocker auch andere Aktien, von denen bekannt ist, dass viele Leerverkaufswetten gegen sie laufen.

Das Heer der kleinen Zocker bringt einige Goliaths der Branche damit ernsthaft in Schwierigkeiten. Einer der beteiligten Shortseller, Melvin Capital, geriet derart in Not, dass er von anderen Hedgefonds mit einer Geldspritze von 2,75 Milliarden Dollar gerettet werden musste. Insgesamt sollen Hedgefonds mit ihren Shortwetten aktuell mit 70 Milliarden Dollar im Minus stehen. 

"Börsen Oma" und Aktien-Expertin Beate Sander

Vom Börsen-Flashmob zum Politikum

Das Ganze hat sich mittlerweile von einer Art Börsen-Flashmob zu einem Kulturkampf entwickelt. Die zockenden Massen feiern sich als Revolutionäre, die es schaffen, die großen Finanzkapitalisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Sie haben gezeigt, dass auf dem Börsenparkett nicht immer nur die Großen die Kleinen ausnehmen, wenn die Kleinen nur koordiniert genug vorgehen. Dass dies gelingt, liegt auch an einfachen Broker-Apps wie Robinhood, dank denen mittlerweile jeder Privatmensch kostengünstig via Smartphone an der Börse mitmischen kann.

Doch ausgerechnet die Anbieter, die dies möglich machen und damit offensiv werben, bekommen nun angesichts der Zocker, die sie riefen, kalte Füße. Robinhood, das deutsche Pendant Trade Republic und andere Onlinebroker blockierten am Donnerstag vorübergehend den Kauf von Gamestop-Papieren und einiger anderer Hype-Aktien. Trade Republic begründete dies mit den heftigen Kursschwankungen und der damit verbundenen Risiken sowie technischer Überlastung, der Verkauf der Flashmob-Aktien blieb aber erlaubt. Nun muss sich der Anbieter dem Vorwurf erwehren, dass er sich in dem Börsen-Machtkampf auf die Seite der Hedgefonds geschlagen hat. Robinhood warb in dieser Woche überstürzt eine Milliarde Dollar von Investoren ein, um das erhöhte Handelsvolumen bewältigen zu können. 

In den USA ist der Börsen-Machtkampf schon ein Fall für die große politische Bühne. Politiker von links bis rechts – von Alexandria Ocasio-Cortez bis Ted Cruz – verlangten Aufklärung, warum Robinhood kleine Anleger vom Handel ausschließe. Sherrod Brown, der neue Vorsitzende des Bankenausschusses im US-Senat kündigte eine Anhörung "zum aktuellen Zustand des Aktienmarkts" an. Das System Wall Street sei seit Jahren kaputt und die amerikanischen Arbeiter zahlten den Preis, sagte Brown. "Die Leute an der Wall Street scheren sich nur um die Regeln, wenn sie diejenigen sind, denen es wehtut."

Weh tun könnte es am Ende allerdings auch einigen kleinen Leuten, die sich jetzt euphorisiert der Börsenrebellion anschließen wollen. Wer Geld nur aus Prinzip in völlig überbewertete Aktien steckt, weil er sich als Teil einer Bewegung sieht, mag sich damit kurzzeitig stark fühlen. Er läuft aber große Gefahr, das Geld zu verlieren, sobald die Blase platzt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker