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Plus 1000 Prozent Irrer Kampf um Gamestop-Aktie: Reddit-Nutzer hypen Spielehändler, Hedgefonds verlieren Milliarden

Gamestop betreibt rund 7500 Filialen in 18 Ländern
Gamestop betreibt rund 7500 Filialen in 18 Ländern
© Spencer Platt / AFP
An der Wall Street läuft ein bizarres Börsenduell: Große Hedgefonds haben auf einen Absturz des Computerspielehändlers Gamestop gewettet, doch ein Heer von Kleinanlegern hält dagegen. Die Profis verlieren Milliarden.

Obwohl Computerspiele in der Pandemie angesagt sind, läuft es für die Firma Gamestop eigentlich nicht so prickelnd. Das US-Unternehmen ist nach eigenen Angaben die weltweit größte Einzelhandelskette für Computerspiele – und damit ein Dinosaurier in einer Branche, die zunehmend online funktioniert. Seit 2016 ist der Unternehmenswert kontinuierlich gesunken, nun sorgte auch noch Corona dafür, dass viele Filialen zeitweise dichtmachen mussten.

Doch trotz aller Probleme erlebt Gamestop an der Wall Street gerade einen irrwitzigen Höhenflug. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs um rund 1000 Prozent gestiegen, allein in dieser Woche hat sich der Wert der Aktie versechsfacht. Auf Sicht von sechs Monaten liegt das Plus bei fast 6000 Prozent. Verrückte Zahlen für einen Konzern, der weder einen Corona-Impfstoff erfunden hat noch eine andere aktuelle Großleistung vorweisen kann. 

Hedgefonds gegen Aktien-Aktivisten

Getrieben ist die Aktie allein von einem epischen Spekulantenkampf, der da lautet: Hedgefonds gegen Kleinanleger. Und die Kleinen haben im Moment die Nase vorn. Milliardenschwere Hedgefonds haben in den vergangenen Monaten bei Gamestop auf fallende Kurse gewettet, wie sie das nun mal bei strauchelnden Unternehmen tun. Doch die Kurse fallen diesmal nicht, weil sich im Netz eine Community von Kleinanlegern formiert hat, die aus Prinzip Aktien von Gamestop kaufen, um die Kurse nach oben zu treiben und den Börsenprofis eins auszuwischen. Als Keimzelle der Gamestop-Fans gilt das Reddit-Forum "r/wallstreetbets", in der sich die Börsen-Aktivisten gegenseitig anfeuern.

Angeführt wird die Börsen-Guerilla von dem prominenten Investor Ryan Cohen. Der junge Ecommerce-Unternehmer und Apple-Investor enthüllte im September, das er zehn Prozent an Gamestop halte und stockte seinen Anteil bis Mitte Dezember auf knapp 13 Prozent auf. Er hat vollmundig angekündigt, aus Gamestop das Amazon der Gaming-Industrie machen zu wollen. Der Gamestop-Hype entwickelte eine derartige Dynamik, dass der Handel zwischenzeitlich mehrfach ausgesetzt werden musste, weil zu viel in zu kurzer Zeit gehandelt wurde. 

Einige Hedgefonds kommt das unkonventionelle Vorgehen der Spielefans nun teuer zu stehen. Sie haben per Leerverkauf auf fallende Kurse gesetzt. Das heißt, sie haben sich verpflichtet, zu einem bestimmten Zeitpunkt Gamestop-Aktien zu kaufen, natürlich in der Hoffnung, diese günstiger zu bekommen. Nun müssen sie dafür horrende Preise zahlen - während ihr Kauf den Kurs noch weiter in die Höhe schießen lässt.

Hedgefonds in finanziellen Schwierigkeiten

Der milliardenschwere Hedgefonds Melvin Capital geriet durch seine Gamestop-Wetten derart in die Bedrouille, dass er sich von anderen Hedgefonds retten lassen musste. Die Hedgefonds Citadel und Point72 Asset Management gaben am Montag bekannt, dass sie 2,75 Milliarden Dollar in Melvin Capital investieren, wofür sie im Gegenzug am künftigen Umsatz des Fonds beteiligt werden. Andernfalls hätte Melvin Capital, das eigentlich als extrem renditestark gilt, womöglich der Ruin gedroht. 

Ob die Gamestop-Fans wirklich den Aktienkurs künstlich hochhalten können oder schon bald ein Einbruch kommt, ist derzeit nicht abzusehen. Klar ist nur, dass die übliche Börsen-Logik, wonach sich der Aktienkurs an der Unternehmensentwicklung ausrichtet, bei dem Spielehändler derzeit außer Kraft gesetzt ist. 

Gamestop ist dabei nur das extremste Beispiel für eine David-gegen-Goliath-Strategie, mit der online organisierten Aktien-Aktivisten auch an anderer Stelle vorgehen. Weitere Unternehmen, bei denen bekannt ist, dass viele Short-Wetten auf fallende Kurse laufen, stiegen in den letzten Tagen sprunghaft im Wert. Und bereits im vergangenen Jahr hatten etwa Shortseller, die auf fallende Kurse bei Tesla wetteten, viel Geld verloren, weil Tesla-Fans einen Absturz verhinderten. Vielleicht auch deshalb beobachtet Tesla-Chef Elon Musk das Treiben der Gamestop-Guerilla mit unverhohlenem Vergnügen. Am Dienstag twitterte er einen Link zum Reddit-Forum wallstreetbets, versehen mit dem Ausruf: "Gamestonk!!".


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