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Unruhe in der Energiebranche: Wenn der Stromversorger pleitegeht

Nach kritischen Berichten über den Billigstrom-Anbieter Teldafax sind viele Verbraucher verunsichert: Was passiert bei einer Insolvenz? Sind die Vorauszahlungen der Kunden verloren?

Von Sönke Wiese

Billig kann ziemlich teuer werden: Das sagen Verbraucherschützer mit Blick auf den Strommarkt seit Jahren. Sie warnen nachdrücklich vor den Lockangeboten einiger Unternehmen, die mit Kampfpreisen auf Kundenfang gehen. "Von Tarifen mit Vorkasse, Kaution oder Bonus raten wir prinzipiell ab", sagt Thorsten Kasper, Energiereferent beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Der Grund für die Warnung: Geht der Stromlieferant in die Insolvenz, sind die Vorauszahlungen meistens weg.

Eines der Unternehmen, die den Strommarkt in den vergangenen Jahren mit extrem günstigen Tarifen aufgemischt haben, ist Teldafax aus Troisdorf bei Köln. Bei Preisvergleichen landet der Anbieter stets auf den vorderen Plätzen - dank niedriger Vorkasse-Tarife. Mit inzwischen rund 500.000 Strom- und mehr als 100.000 Gaskunden hat sich Teldafax innerhalb von vier Jahren zu einem der größten konzernunabhängigen Energieanbieter gemausert. Doch die Erfolgsgeschichte bekommt nun womöglich erste Kratzer.

Turbulenzen bei Teldafax

Das "Handelsblatt" schrieb Anfang der Woche, Teldafax stecke in einer "gravierenden finanziellen Schieflage". In internen Dokumenten sei immer wieder vor einer drohenden Überschuldung gewarnt worden, berichtete die Zeitung. Die letzte Konzernbilanz sei für das Jahr 2007 vorgelegt worden, seitdem hätten Wirtschaftsprüfer keine Bilanz mehr testiert - für Experten kein gutes Zeichen.

Teldafax wehrt sich massiv gegen die kritischen Berichte: Die "Vorwürfe einer angeblichen Überschuldung sind unhaltbar, falsch und geschäftsschädigend", teilte das Unternehmen mit. Tatsächlich habe es in der Vergangenheit "bilanzielle Drucksituationen" gegeben, aber nun setze der Vorstand ein Sanierungskonzept um. "Im kommenden Jahre werden wir erstmals schwarze Zahlen schreiben", gibt sich Teldafax zuversichtlich.

Dennoch dürfte die Berichterstattung viele Verbraucher stark verunsichern. Auch etliche Konkurrenten von Teldafax setzen auf das Vorkasse-Modell, wie beispielsweise Flexstrom, die ebenfalls mehrere hunderttausend Kunden haben. Was passiert, wenn tatsächlich ein Stromversorger von heute auf morgen in die Pleite rauscht?

Stromversorgung gesichert

"Die gute Nachricht: Die Stromversorgung bleibt bestehen", sagt Verbraucherschützer Kasper. Bei einer Insolvenz des Vertragspartners springt automatisch der örtliche Grundversorger ein. Der beliefert den betroffenen Haushalt allerdings gewöhnlich in einem teureren Tarif. Um einen erneuten Wechsel zu einem günstigeren Anbieter muss sich der Kunde selbst kümmern, laut Kasper sei das bis zum Ende des nächsten Monats möglich.

Die schlechte Nachricht: Die geleisteten Vorauszahlungen sehen die Kunden nicht wieder, wenn das hinterlegte Haftungskapital nicht ausreicht. "Als erstes müssen gewöhnlich andere Gläubiger bedient werden", sagt Kasper. So stehen meistens noch Steuerforderung oder die Gehälter der Angestellten aus. Betroffene Kunden sollten jedoch Rückforderungen in jedem Fall beim Insolvenzverwalter anmelden.

Glück im Unglück hätten die Kunden, wenn das insolvente Unternehmen von einem Wettbewerber geschluckt wird. "Der muss die Altverträge zunächst übernehmen", sagt Kasper. Wenn der neue Konzern dann die Vertragskonditionen ändern wolle, greife in der Regel ein Sonderkündigungsrecht.

Kritische Markt-Studie

Doch ist es wirklich denkbar, dass ein großer Energieversorger mit Hunderttausenden Kunden pleitegeht?

Branchenexperten würde das jedenfalls nicht überraschen. "Die Angebote der Billigstrom-Anbieter sind bereits seit geraumer Zeit aufgrund ihrer Preispositionierung oftmals kaum profitabel", sagt Hanjo Arms, Energieexperte bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney. "Bei einem Anbieter mit 100.000 Kunden fallen dabei jährlich Verluste von mehreren Millionen Euro an."

A.T. Kearney hat kürzlich eine Studie über die Geschäftsmodelle der neuen Wettbewerber auf dem Strommarkt veröffentlicht - mit alarmierenden Ergebnissen. "Billigstrom-Anbieter haben ein klares Margenproblem, was sie mit Vorkasse und Kautionen zu überdecken suchen. Das funktioniert nur, solange die Unternehmen wachsen", so Arms. Durch die Branche geistert ein böses Wort: Schneeballsystem.

Dagegen wehrt sich das ins Gerede gekommene Troisdorfer Unternehmen vehement: "Unwahr, falsch und geschäftsschädigend ist außerdem die Behauptung, dass Teldafax seinen Geschäftsbetrieb nur noch über Vorauszahlungen seiner Kunden aufrecht erhalten könne. Richtig ist vielmehr, dass 70 Prozent unserer Kunden ihre Rechnungen nicht per Vorauszahlung begleichen, sondern auf monatliche Zahlweise eingestellt sind." Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch, dass bei einer möglichen Insolvenz weit über 100.000 Kunden mit Vorkasse-Tarif zittern müssten, ob sie ihr Geld wieder sehen.

Mehr denn je empfiehlt Daniel Dodt vom Preisvergleichsportal Toptarif, bei einem Anbieter-Wechsel vor allem auf drei Punkte zu achten: "Kurze Vertragslaufzeit, lange Preisgarantie und kurze Kündigungsfrist." Denn die Zeiten in der Strombranche werden nicht unbedingt ruhiger. Die Unternehmensberater von A.T. Kearney erwarten, "dass sich der Markt deutlich bereinigen wird."