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Vorbereitung: Zehn Tipps für die Abgeltungssteuer

Es gibt kein Entkommen: Die neue Steuer, die ab Januar 2009 eingeführt wird, hat besonders für langfristige Sparer gravierende Auswirkungen. Dabei ist Vorbereitung alles: In zehn Schritten machen wir Sie fit für die Abgeltungssteuer - und bereiten Sie optimal auf deren Folgen vor.

Von Robert Kracht

Die Einführung der neuen Steuer auf Zinsgewinne und Kapitalerträge bringt ab Neujahr einen kompletten Systemwechsel mit sich. Hinzu kommt, dass die gesetzlichen Änderungen einen enormen Einfluss auf die Rendite haben. Nahezu alle Investments müssen neu kalkuliert werden - für die Kurz- und Langfristanlagen genauso, wie für die Altersvorsorge.

Bei jeder Wertpapierorder, Depotumstellung oder Eröffnung eines Sparvertrags muss ab sofort - anders als bisher gewohnt - gerechnet werden. Dabei muss das nicht unbedingt negativ sein. Grundsätzlich bringt die Abgeltungssteuer nämlich einen abgesenkten Steuertarif. stern.de zeigt in zehn Schritten, wie Sie sich fit für den Gezeitenwechsel machen und die Silvesterfeier 2008 gut aufgestellt genießen können.

1. Die Auswirkung des neuen Steuertarifs prüfen

Die neue Pauschalsteuer beträgt immer 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und möglicherweise Kirchensteuer. Selbst bei privaten Kapitaleinnahmen in Millionenhöhe verlangt der Fiskus künftig nur noch rund ein Viertel. Durch den fixen Satz mindern daher ab 2009 maximal 28 Prozent Abgaben die Rendite der Geldanlage. Dies bedeutet, dass bisher schon voll steuerpflichtige Produkte künftig netto mehr abwerfen.

Aber auch bei Einkommen deutlich unter dem Spitzensteuersatz kommt es zu einem entscheidenden Entlastungseffekt: Zinsen, Dividenden, Börsen- und Terminmarktgeschäfte tauchen nicht mehr im Steuerbescheid auf, Bürger machen sich damit fürs Finanzamt ab Neujahr 2009 ärmer. Das ergibt geringere Gesamteinkünfte und insgesamt eine schlankere Steuererklärung. Dadurch mindert sich auch der Steuersatz für das übrige Einkommen des Privatanlegers und es kommt nicht mehr zu einem plötzlichen Progressionssprung, wenn üppige Auszahlungssummen auf einen Schlag fällig werden.

2. Den Bestandsschutz ausnutzen

Wer sich in den kommenden Wochen auf die Suche nach den richtigen Wertpapieren macht oder vielleicht schon die optimalen Titel im Depot hält, profitiert von einer Übergangsregel. Die Kursgewinne mit Fonds, Aktien, Optionsscheinen oder Anleihen bleiben weiterhin nach einem Jahr Haltedauer steuerfrei. Dieses Privileg gilt zeitlich unbegrenzt und kann sogar vererbt werden. Damit das Börsenplus auch vom Fiskus unbehelligt lange auflaufen kann, muss jetzt nur die Wahl der richtigen Produkte erfolgreich sein. Denn sofern einzelnen Werte nach 2008 wegen mäßiger Rendite ausgetauscht werden müssen, gibt es für die Neuinvestitionen keinen Bestandsschutz mehr.

Für diese Strategie nicht in Frage kommen hingegen Zertifikate. Jetzt noch erworbene Titel können nicht mehr ohne Abgaben bleiben, da die Abgeltungssteuer schon ab Juli 2009 gilt und bis dahin kein ganzes Jahr mehr verstreicht. Die Spekulationsfrist lässt sich also nicht ausschöpfen.

3. Gewinne dauerhaft über Dachfonds sichern

Der Bestandsschutz vor der Abgeltungssteuer lässt sich optimal über Investmentfonds konservieren. Wer sich bis Silvester 2008 mit Anteilen eindeckt, kann die anschließend realisierten Kursgewinne auf Dauer steuerfrei genießen. Voraussetzung ist nur, dass der Sparer die einjährige Spekulationsfrist abwartet. Dann bleiben die im Fonds reinvestierten Gewinne selbst dann dauerhaft steuerfrei, wenn der Manager laufend die Favoriten wechselt und etwa Aktien in Rentenpapiere tauscht oder Gelder zwischenparkt. Das hebelt den Bestandsschutz für Sparer nicht aus. Mit der Direktanlage gelingt das bei Umschichtungen ab dem Jahreswechsel aber nicht mehr.

Ausweg Dachfonds

Damit haben Sparer jetzt letztmalig die Chance, sich vor der Abgeltungssteuer durch die richtige Fondswahl in Sicherheit zu bringen. Daher lohnt es ganz besonders, sich auf die Suche nach langfristig erfolgreichen Fonds zu machen. Der Vorteil des Bestandsschutzes wirkt unabhängig davon, ob der Fonds auf Aktien, Termingeschäfte oder Anleihen setzt. Ein Ausweg können Misch- oder Dachfonds sein, die als Vermögensverwaltung in einem Papier auf mehrere Asset-Klassen setzen. Der Fonds ordert und verkauft dabei wie ein Anleger, ohne auf Gewinne aus seinen Neuinvestitionen ab 2009 Abgeltungssteuer zahlen zu müssen. Während die Wertpapiere im Anlegerdepot nach und nach durch jede Umschichtung ihren Bestandsschutz verlieren, können Fonds munter neu strukturieren. Solange ihre Besitzer die Anteile nicht abstoßen, bleibt die Steuerfreiheit erhalten. Die Strategie klappt nur nicht mit Zertifikaten im Fondsmantel. Die hiermit erzielten Gewinne unterliegen ab 2009 der Abgeltungssteuer. Weiterer Fallstrick: Gerade bei neu aufgelegten Dachfonds ist nicht sicher, ob und wie lange sie sich am Markt halten können. Anleger sollten daher auf Fonds setzen, die bereits mindestens fünf Jahre am Markt sind, über mehr als 20 Millionen Euro Volumen verwalten und eine erfolgreiche Wertentwicklung nachweisen können.

4. Rentenfonds als Investment einbeziehen

Zinstitel sind ein Gewinner der Systemumstellung. Wer jetzt Renten- oder Geldmarktfonds wählt, die erst kurz nach Silvester ausschütten oder die Zinsen thesaurieren, kommt in den Genuss des moderaten Abgeltungssatzes. Während Sparer ihre 2008 kassierten Zinsen noch der individuellen Progression unterwerfen müssen, verschiebt der Fonds die eingesammelten Erträge auf die Zeit des günstigen Pauschalsatzes. Rentenfonds locken auch langfristig mit Steuervorteilen. Die seit Jahrzehnten bestehende Benachteiligung von Zinspapieren wandelt sich 2009, indem Zinsen wie Börsengewinne generell mit Abgeltungssteuer belegt werden. Besonders bei hoher Progression führt das zu einer besseren Nachsteuerrendite im Rentendepot.

Optimal aufgestellt sind vor allem Fonds, die in Anleihen mit geringer Verzinsung und Kursen unter dem Nennwert investieren. Die geringen Kupons unterliegen nur noch dem Abgeltungssatz und der Kursaufschlag bis zum Nennwert bleibt steuerfrei. Direktanlegern, die etwa auf Pfandbriefe oder Hypothekenanleihen mit Kursen unter 100 Prozent setzen, gelingt das zwar ebenfalls, werden die allerdings fällig, gibt es für die Reinvestition keinen Bestandsschutz mehr. Im Rentenfonds hingegen bleibt dieser Vorteil erhalten, die Umschichtung durch die Manager hebelt den Bestandsschutz nicht aus.

5. Aktienbesitzer sollten nicht ruhen

Aktionären beschert der Fiskus für 2009 eine schlechte Neujahrsbotschaft: Dividenden und Kursgewinne werden höher besteuert und Verluste lassen sich nicht effektiv verwerten. Das bedeutet ein Umdenken, denn derzeit können Aktienanleger noch sehr gut mit dem Finanzamt umgehen. Gewinne werden über die einjährige Spekulationsfrist hinaus laufen gelassen, Verluste rechtzeitig vor deren Ablauf realisiert und Dividenden sind nur zur Hälfte steuerpflichtig. Das alles entfällt für ab 2009 gekaufte Aktien und die Dividende wird generell voll besteuert. Das führt per Saldo zu dem Ergebnis, dass Investitionen in Unternehmensbeteiligungen künftig unattraktiver werden, da das eingegangene Risiko nicht mehr mit Steuerprivilegien belohnt wird. Da kann es sogar ratsam sein, sich nach anderen Anlageformen umzusehen.

Bei anderen Wertpapierarten wie Aktienfonds, Zertifikaten oder Optionsscheinen auf Aktienkurse gibt es immerhin noch den Ausgleich, dass sich rote Zahlen besser verrechnen lassen, über die bisherige Jahresfrist hinaus und künftig sogar mit Zinsen, Dividenden oder Versicherungserträgen. Bei Aktien wirkt dieser positive Aspekt in schlechten Börsenzeiten nicht. Aktien im Privatdepot könnten daher bald zum Auslaufmodell werden. Als Ausweg bieten sich geschlossene Fondsbeteiligungen an. Die besitzen ebenfalls unternehmerisches Risiko, aber deutlich bessere Steuerchancen.

6. Der Zinsanteil im Depot kann größer werden

Sparguthaben, Anleihen und Festgelder gehören als solider Grundstock in jedes Depot. Das hat derzeit zur Folge, dass der Fiskus auf die eher mäßigen Erträge voll zugreift. Diese Benachteiligung wandelt sich 2009: Pfandbriefe stehen dann auf einer Stufe mit Termingeschäften, da Zinsen und Börsengewinne gleichermaßen und pauschal mit Abgeltungssteuer belegt werden. Besonders bei Bürgern mit hoher Progression führt das zu einer besseren Nachsteuerrendite im Rentendepot. Da das Risiko der Aktienanlage steuerlich nicht mehr belohnt wird, kommen wieder verstärkt Anleihen, Sparbriefe oder Sparkonten in Betracht. Dabei wirkt sich positiv aus, dass sich das allgemeine Marktzinsniveau in den vergangenen Monaten deutlich nach oben entwickelt hat.

Besonders profitieren abgezinste Bundesschatz- und Sparbriefe sowie Zerobonds. Hier kommt es durch die über Jahre aufgelaufenen Zinsen zu einem geballten Einnahmezufluss auf einen Termin, der ab 2009 nicht mehr zu einem Progressionssprung führt. Der zwischenzeitliche Zinseszinseffekt bleibt weiterhin unbelastet. Bei Fremdwährungsanleihen fallen Devisenverluste künftig nicht mehr auf der steuerlich irrelevanten Vermögensebene an, sondern mindern Kursgewinne, Zinsen und Dividenden. Hierdurch profitieren diese Papiere gleich zweifach: Die hohen Zinsen werden über den Abgeltungssatz geringer besteuert und am Wechselkursrisiko beteiligt sich das Finanzamt.

7. Zertifikate müssen keine Verlierertitel sein

Der allgemeine Bestandsschutz für Kursgewinne mit vor 2009 georderten Wertpapieren gilt nicht für Zertifikate. Die ab dem 15. März 2007 erworbenen Titel rutschen schneller und schon ab Juli 2009 in die Abgeltungssteuer. Dieser Sonderweg für ein Produkt muss aber nicht zwingend negativ sein, er bietet auch Vorteile. Durch den vorzeitigen Wegfall des Bestandsschutzes lassen sich ab dem zweiten Halbjahr 2009 realisierte Verluste mit Zinsen oder Dividenden verrechnen. Bei den anderen Wertpapieren gelingt diese Minderung nur mit nach 2008 erworbenen Titeln und bei Aktien unabhängig vom Ordertermin überhaupt nicht.

Zwei konservative Formen von Zertifikaten sind vom Bestandsschutz überhaupt nicht betroffen, hier wirkt sich die Systemumstellung zum Neujahr 2009 sofort positiv aus. Sofern der Emittent eine Rückzahlungsgarantie gibt oder sich die Zertifikate auf einen Rentenindex beziehen, liegen so genannte Finanzinnovationen vor. In diesem Fall werden realisierte Gewinne auch schon heute unabhängig von Haltefristen als Kapitaleinnahmen erfasst und unterliegen dem Zinsabschlag. Ab Neujahr 2009 sinkt lediglich der Tarif von der individuellen Progression in den moderaten Pauschaltarif. Sofern diese Papiere noch eine so lange Laufzeit ausweisen, lohnt daher aus Steuersicht das Abwarten auf die Silvesternacht. Anschließend belastet die Steuer auf den Kursgewinn auch nicht mehr die Progression des Sparers für sein übriges Einkommen. Garantie-Zertifikate bieten künftig also Sicherheit zum moderaten Pauschaltarif.

8. Neue Justierung für Lebensversicherungen

Wer jetzt eine Kapitallebensversicherung abschließt, muss bereits mit der Abgeltungssteuer kalkulieren. Denn die Einnahmen werden erst bei Fälligkeit oder vorzeitiger Kündigung erfasst, was in der Regel erst in einigen Jahren und nach der Systemumstellung der Fall ist. Also ist Umdenken angesagt. Steuerlich maßgebend ist generell die Differenz zwischen dem späteren Auszahlungsbetrag und der Summe der bis dahin überwiesenen Beiträge. Davon muss die Hälfte versteuert werden, wenn die Police mindestens zwölf Jahre läuft und der Versicherte bei Auszahlung bereits seinen 60. Geburtstag gefeiert hat. Der Ertrag unterliegt nach altem und neuem Recht ab 2009 dem individuellen Steuersatz, insoweit ändert sich nichts.

Sofern eine der beiden Bedingungen (Alter oder Laufzeit) nicht eingehalten wird, unterliegt die Differenz zwischen Auszahlung und Summe der Prämien bei Fälligkeit oder Kündigung dem pauschalen Abgeltungssatz - unabhängig von der eigenen Progression. Dies ist im Gewinnfall positiv, denn hohe Auszahlungssummen belasten nicht mehr den Steuersatz für das übrige Einkommen. Das kann sogar günstiger als die halbierte Besteuerung mit der Progression sein.

9. Kosten der Geldanlage reduzieren

Die pauschalen Regelungen der Abgeltungssteuer bedeuten leider auch, dass Privilegien unter den Tisch fallen: So auch für die Werbungskosten, die ab 2009 grundsätzlich nicht mehr abzugsfähig sind. Damit wird sich künftig in jedem Fall der Umgang mit dem Finanzierungsaufwand für die Geldanlage ändern. Denn die steuerliche Berücksichtigung der Zinsen als Werbungskosten entfällt hier, sowohl beim Steuerabzug durch die Bank als auch über die Erklärung. Das gilt neben Schuldzinsen auch für Depot-, Beratungs- und Verwaltungsgebühren sowie die Aufwendungen für Fahrten zur Hauptversammlung oder zu einem Anlegerseminar. Da lohnt es sich, den Berater noch in diesem Jahr zu bezahlen, generell auf kostengünstigere Banken zu setzen und vor allem Kredite für Wertpapiere abzubauen. Die fremdfinanzierte Geldanlage wird im Privatbereich zum Minusgeschäft. Das bedeutet also für die Praxis, Kredite ab sofort eher für Immobilien oder die eigene Firma einzusetzen und Börsengeschäfte oder die Beteiligung an einer GmbH mit Eigenmitteln zu betreiben.

10. Ordentlich Verluste produzieren

Realisierte Spekulationsverluste lassen sich steuerlich derzeit nur mit innerhalb eines Jahres erzielten Börsengewinnen verrechnen. Jetzt gibt es die einmalige Chance, mit dem nicht ausgenutzten Minus bis Ende 2013 unter die Abgeltungssteuer fallende Gewinne zu mindern. Sparer haben also fünf Jahre Zeit und können jetzt aktiv werden. Wertpapiere mit roten Zahlen, die noch kein Jahr im Depot liegen, sollten noch vor Ablauf der Spekulationsfrist abgestoßen werden. Das passt aktuell besonders gut, da die Kurse durch die Hypothekenkrise eher im Keller sind.

In Höhe des produzierten Minusbetrags fällt auf Gewinne, die ab 2009 produziert werden, keine Abgeltungssteuer an. Sofern anschließend nicht ausreichend Kurserträge in Sicht sind, lässt sich also gezielt Verrechnungspotential produzieren. Das gelingt etwa mit dem Verkauf von Anleihen kurz vor dem Ausschüttungstermin: Dann gibt es Stückzinsen mit verrechenbarem Ertrag. Lukrativ ist auch der Einsatz von Zerobonds, die 2013 fällig oder verkauft werden. Dann kann der bis dahin im Kurs aufgelaufene Zinsertrag steuerfrei kassiert werden.