WALL STREET Die Wirtschaft bringt Bush in Bedrängnis


Wie der Vater, so der Sohn? Die Vertrauenskrise an der Wall Street wird immer mehr zu einer Vertrauenskrise in den amtierenden Präsidenten - und lässt seinen Stuhl wackeln.

Kann die Vertrauenskrise an der Wall Street auch zu einer Krise des Vertrauens in George W. Bush führen? Wird dem 43. US-Präsidenten die Wirtschaftslage ähnlich zum Verhängnis wie dem 41. Präsidenten George Bush, der 1992 nach nur einer Amtszeit abgewählt wurde? »Wie der Vater, so der Sohn?« erkundigte sich das Nachrichtenmagazin »Newsweek« in großen Lettern auf der Titelseite.

»Daddys Sohn«

Diese Frage beschäftigt dreieinhalb Monate vor den Kongresswahlen nicht nur die oppositionellen Demokraten. Auch das Weiße Haus ist alarmiert genug, um Vergleiche zurückzuweisen. Seit ihn sein unterlegener Gegenspieler bei der Präsidentenwahl 2000, Al Gore, als »Daddys Sohn« hänselte, tut Bush alles, um als unabhängiger Mann dazustehen. Eine Laune der Geschichte will es, dass den Sohn nun eine ähnliche Szenerie umgibt, die den Vater zum Verlierer gegen Bill Clinton machte. Ob sich das Familiendrama wiederholt, ist indessen völlig offen.

Beginn als »Kriegspräsident«

Wie sein Vater ist George W. Bush als »Kriegspräsident« an die Spitze der Beliebtheitsskala gestürmt. Kurz nach den terroristischen Angriffen des 11. September 2001 stimmten 90 Prozent seiner Führung zu. Der Vater hatte solche Werte im März 1991 nach dem siegreich geführten Golfkrieg erreicht. Dort enden zunächst die Parallelen. Während der 41. Präsident im Sommer 1992 auf nur 29 Prozent abstürzte, stimmen dem jetzigen Präsidenten immer noch 67 Prozent zu.

Der Ton macht die Musik

Dem Senior wurde zum Verhängnis, dass er in wirtschaftlich schweren Zeiten als abgehobenes Mitglied der Oberklasse galt, das kein Herz für den kleinen Mann hatte. Zudem brach er sein Wort, keinesfalls Steuererhöhungen zuzustimmen. Der Junior läuft jetzt Gefahr, dass auch er nicht den richtigen Ton findet.

Klarer Kurs fehlt

Anders als im Anti-Terror-Krieg vermisst die Öffentlichkeit bei ihm in der Wirtschaftspolitik den klaren Kurs. Mitte Juli waren nur noch 52 Prozent mit ihm zufrieden. In der neuesten Umfrage ging die Zustimmung sogar auf 40 Prozent zurück. Wann immer er zu der Krise Stellung nahm, der Dow-Jones-Index setzte seine Talfahrt fort.

Vergangenheit als Manager belastet

Bushs Kritiker räumen ein, dass die Politik nur begrenzten Einfluss auf die Investorenlaune hat. Für die schlechten Noten der Wähler machen sie aber vor allem drei hausgemachte Gründe verantwortlich. Erstens hätten Bush und sein Vize Richard Cheney als ehemalige Industriemanager den Ruf, zu eng mit der gründlich diskreditierten Unternehmerschicht liiert zu sein. Zweitens habe der Präsident zwar drakonische Strafen für Übeltäter angedroht, dann aber mit eher vorsichtigen Plänen enttäuscht.

Beraterteam in Wirtschaftsfragen schwach

Drittens fehle ihm, anders als in der Außen- und Sicherheitspolitik, ein starkes Beraterteam. Weder Finanzminister Paul O?Neill noch Wirtschaftsberater Lawrence Lindsey hätten sich gegen das Desaster gestemmt und eine »feste, glaubwürdige Führung« bewiesen. O?Neill werden unbedachte Äußerungen und das starke Ansteigen staatlicher Defizite verargt. Als Zeichen seiner Entrücktheit galt, dass der Minister just dann durch Zentralasien reiste, als die Entwicklung an der Wall Street immer bedrohlicher wurde. Gerüchte über einen nahen Rücktritt O?Neills beantwortete Bush mit einer Vertrauenserklärung.

Aktionäre sind empört

Die Demokraten glauben, dass ihnen mit der Krise ein Instrument in die Hand gegeben wurde, bei der Kongresswahl am 5. November das Kommando in beiden Kammern das Parlaments zu übernehmen. Im Senat haben sie schon eine knappe Mehrheit von 50 zu 49 bei einem Unabhängigen, im Abgeordnetenhaus liegen sie nur um sechs Mandate zurück. Unter typischen Bush-Wählern, die ihre »goldenen Jahre« dank ihres Aktienpakets sorgenfrei verleben wollten, wächst die Empörung.

Unsichere Prognosen

Republikanische Wahlstrategen spielen dagegen auf Zeit. Sie hoffen, dass sich die ökonomische Front bis zur Kongresswahl wieder stabilisiert hat, weil die grundlegenden Daten positiv seien. Bis zur Präsidentenwahl im November 2004 ist es ohnehin noch so lang hin, dass Prognosen unmöglich sind. Bis dahin kann der »Kriegspräsident« im Kampf gegen den Terrorismus längst wieder die Oberhand gewinnen.

Herbert Winkler


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