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Griechenland-Krise: Europas Einheit hängt nicht am Euro

Griechenland soll um jeden Preis in der Euro-Zone gehalten werden - aber warum? Die Sicherheit und Zukunft Europas hängen nicht an der gemeinsamen Währung. Zeit für den Grexit.

Ein Gastkommentar von Adriano B. Lucatelli

Der französische Währungsexperte Jacques Rueff schrieb 1949: "L’Europe se fera par la monnaie ou ne se fera pas." Er meinte damit, dass Europa als politische Einheit übers Geld (die Währungsunion) eingeführt werden müsste – oder dann eben gar nicht. Danach wäre der europäische Integrationsprozess irreversibel und Europa würde zur unauflöslichen Schicksalsgemeinschaft werden. Ist dem tatsächlich so? Ist ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, also der Grexit, undenkbar? Zweimal nein! 

Die Geschichte lehrt uns, dass Geld weder verbindet noch zusammenhält. Nationales Geld entstand üblicherweise erst nach der Entstehung eines Staates, und es konnte weder Bürgerkriege noch Zusammenbrüche von Staaten verhindern. Es sei nur an Ex-Jugoslawien oder an die Sowjetunion erinnert. Jacques Rueffs Behauptung deckt sich also nicht mit der historischen Erfahrung – und deshalb ist sie falsch.

Gemeinsames Geld verbindet nicht

Man erinnere sich: Bereits in der Vergangenheit erlitten in Europa zwei Gemeinschaftswährungen Schiffbruch. Sowohl die Lateinische Münzunion (1865–1914) als auch die Skandinavische Münzunion (1872–1924) zerbrachen, weil sich einzelne Mitglieder nicht an die Spielregeln hielten. Während im Fall der Lateinischen Währungsunion Griechenland wegen Schummeleien rausgeworfen wurde, begingen bei der späteren skandinavischen Version Dänemark und Norwegen Vertragsbruch.

Allein aus dem Bestehen einer Gemeinschaftswährung kann nicht per se die Erwartung eines politischen Zusammenhalts abgeleitet werden. Dazu fehlt ja auch der administrative und verfassungsmäßige Rahmen. Diese Ansicht ist unter Wirtschaftsexperten längst Allgemeingut, aber ungeachtet dessen scheint Rueffs Postulat weiterhin einen großen Einfluss auf die Politik der Europäischen Union auszuüben – so auch in der gegenwärtigen Diskussion um den Verbleib Griechenlands in der Europäischen Währungsunion (EWU).

Während in der EU-Zentrale und bei der Europäischen Zentralbank weiterhin unbeirrt das Mantra des unauflösbaren Euroraums wiederholt wird – auch nachdem inzwischen selbst der Internationale Währungsfonds entnervt das Handtuch geworfen hat –, geht vergessen, dass sich aus einem Austritt Griechenlands aus dem Euro hauptsächlich Vorteile ergeben würden.

Grexit hilft aus der Exportkrise

Ein Austritt würde eine neue (oder die alte) Währung nach Griechenland bringen, die gegenüber der europäischen Einheitswährung viel schwächer wäre. Die Gewinner wären griechische Unternehmer, die so günstiger exportieren könnten. Oliven, Wein, Tomaten, Käse und Urlaubsferien würden konkurrenzlos billig. Natürlich würden Ausfuhren allein das Land nicht aus der Krise holen. Dafür ist der Exportanteil mit etwas mehr als 13 Prozent des Bruttoinlandprodukts – vergleiche dazu Exportweltmeister Deutschland (knapp 43 Prozent) oder die Niederlande (rund 70 Prozent) – nicht genügend groß.

Auf der anderen Seite würden aber ausländische Produkte viel teurer, was deren Importe reduzieren würde, denn die schwache Währung würde wie eine Importsteuer wirken. Außerdem wären die Chancen, dass nach einer starken Abwertung ausländische Firmen in Hellas investieren würden, um ein Vielfaches größer, als wenn das Land in der Eurozone verbliebe. Neue, dringend benötigte Arbeitsplätze könnten so entstehen.

Nicht nur die Europäische Währungsunion würde also von einem Grexit profitieren, sondern ganz eindeutig auch Griechenland. Dies heißt im Endeffekt nichts anderes, als dass ein Grexit der Glaubwürdigkeit der Gemeinschaftswährung und der Europäischen Union zuträglicher wäre als ein im Euro gefangenes Griechenland. Geopfert werden müsste lediglich eines, nämlich das Mantra von der unauflösbaren Währungsunion.

Im Euro gefangen

Ohne eigene Währung kann Griechenland heute nur noch über schmerzhafte interne Abwertungen den Liquiditätsmangel zu entschärfen versuchen. Es ist jedoch kaum Raum vorhanden, die Löhne, Renten und Preise substanziell zu reduzieren. Hellas hat in der Vergangenheit gezeigt, dass es nicht bereit ist, wirklich harte Reformen durchzuboxen. Ginge man nun mit einem weiteren Hilfspaket zurück zur Tagesordnung, so würden die wirtschaftlichen Ungleichgewichte nur weiter zementiert, wenn nicht gar verschlimmert.

Als Ausweg bliebe der Eurozone bei diesem Szenario lediglich noch die Einführung einer Transferunion mit Zahlungsströmen von Norden nach Süden. Gleichzeitig würde aber die Gefahr steigen, dass die Eurozone zu einer Schuldenunion verkommt. Ob diese Transformation den anderen EWU-Mitgliedern politisch zuzumuten wäre, ist wohl eher eine rhetorische Frage.

Und was wären die Folgen eines Grexit für die verbleibende EWU? Mit einem Anteil Griechenlands von weniger als 2 Prozent am Euro-Bruttoinlandprodukt würden die verbleibenden Mitglieder neu 2 Prozent an der griechischen Währung halten. Dieser Anteil erscheint

verkraftbar. Auch der für diesen Fall zu erwartende Einbruch der Exporte nach Griechenland fällt kaum ins Gewicht. Zum Beispiel liegt der gegenwärtige Anteil Griechenlands an allen deutschen Exporten gerade noch bei einem halben Prozent.

Europas Irrtümer 

Trotz dieser stichhaltigen Argumente für einen Austritt wird in Brüssel und anderswo weiterhin alles versucht, Griechenland in der Währungsunion zu halten. Ein weiteres Mantra, das sich seit der Einführung des Euro in den Köpfen der Politiker eingebrannt hat – nämlich, dass Geld Identität stiften würde –, scheint ebenso unverrückbar zu sein wie jenes vom unauflösbaren Euroraum. Leider wird durch dieses Festhalten an Irrtümern in Europa eine große Chance für das langfristige Währungsprojekt verspielt. Denn: Ein nachhaltig funktionierendes monetäres (und politisches) Projekt kann nicht auf dem Fundament ökonomischer (und politischer) Irrtümer aufgebaut werden.


Dr. Adriano B. Lucatelli ist Schweizer Vermögensverwalter und Dozent an der Universität Zürich. Sie können dem Autor auf Twitter folgen.


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