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Griechenlands Wirtschaft Mehr als Feta und Oliven


Griechenland wird noch lange am Tropf von EU und IWf hängen und der Reformprozess schmerzhaft. Jetzt ist vor allem die Wirtschaft gefragt. Und es gibt sie, die Hoffnungsträger von Hellas.
Von Martin Kaelble und Hubert Beyerle

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat eine weitere Milliarden-Tranche für das krisengeschüttelte Griechenland freigegeben. Mit dem jüngsten Teilkredit über rund 3,2 Milliarden Euro belaufem sich die Hilfen des Fonds nun auf insgesamt 17,4 Milliarden Euro. Das Geld ist Teil des im vergangenen Jahr mit EU und IWF vereinbarten Hilfspakets über insgesamt 110 Milliarden Euro.

Die neue IWF-Chefin Christine Lagarde sagte, das mit dem Fonds vereinbarte Reformprogramm trage bereits Früchte: "Das Haushaltsdefizit wird reduziert, die Wirtschaft kommt wieder ins Gleichgewicht und die Wettbewerbsfähigkeit verbessert sich allmählich." Gleichwohl stehe Griechenland noch immer vor immensen Herausforderungen und müsse noch viele tiefgreifende Reformen angehen.

Lagarde rechnet für die erste Hälfte nächsten Jahres auch wieder mit Wirtschaftwachstum. Doch wo soll das eigentlich herkommen? Laut Experten verfügt Griechenland durchaus über Branchen mit Potenzial. Das sind die Hoffnungsträger der Hellenen:

Reedereien

Weltweit wächst die Schifffahrt langfristig mit Raten von drei bis vier Prozent - auch wenn die Frachtraten derzeit eher moderat sind. "Die Schifffahrt ist ein globaler Wachstumsmarkt. Hier sind griechische Unternehmen präsent und gut aufgestellt. Es würde sich für sie lohnen, hier ihre Möglichkeiten zu nutzen und das Geschäft auszubauen", sagt Eric Heymann, Volkswirt der Deutschen Bank. "In der Schifffahrt hat Griechenland Wettbewerbsvorteile", sagt auch Jens Bastian, Griechenland-Experte vom . Griechenland liegt laut Statistik des Verbands der deutschen Reeder als Reederei-Sitz bei der Flottengröße nach Japan auf Platz zwei weltweit.

Griechische Reeder besitzen 3091 Schiffe mit einer Bruttoraumzahl von 112,5 Millionen und damit mehr als deutsche Reeder. Bei den Tankern liegen griechische Eigner sogar mit 1165 Tankern auf Platz eins weltweit. Da in der Schifffahrt traditionell oft unter fremder Flagge gefahren wird, würde die Ausschöpfung dieses Potenzials nicht nur in Griechenland Steuereinkommen und Arbeitsplätze schaffen. Dennoch dürfte das Land stark profitieren. Und Vermögen aus Schifffahrt kann auch für Innovationen sorgen. Billigflieger Easyjet wurde zum Beispiel vom in London lebenden Reederspross Stelios Haji-Ioannou gegründet.

Transport

Enormes Potenzial liegt auch im Transportgewerbe insgesamt - Pipelines eingeschlossen. Das liegt auch an der geografisch günstigen Lage Griechenlands als EU-Außenposten zwischen dem Balkan und dem Nahen Osten. "Mit Ausbau und Privatisierung der Häfen ließe sich vermutlich auf Dauer viel verdienen", sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. "Piräus könnte ein noch besserer Umschlagplatz werden auf dem Weg vom Sueskanal und vom Schwarzen Meer zum größten Markt der Welt, der EU." Investitionen in die Infrastruktur haben zudem einen enormen Multiplikatoreffekt für das Wachstum insgesamt.

Tourismus

Schon jetzt ist der Tourismus eine der großen Stützen der griechischen Wirtschaft. Doch auch hier lässt sich noch einiges ausbauen: Für gehobene Ansprüche der europäischen und US-Touristen und für den bereits kräftig zunehmenden Tourismus aus Russland zum Beispiel. Hier könnten die Griechen Luxus- und High-End-Tourismus als Geschäftszweig stärker entwickeln und zudem gezielt chinesische Touristen ansprechen, die sich für Europas Altertümer interessieren. Kurzfristig bietet sich noch eine andere Chance: "Das Sommergeschäft läuft gut an", sagt Jens Bastian. Vor allem die Unsicherheit in Konkurrenzzielen wie Tunesien oder Ägypten könnte der griechischen Tourismus-Industrie helfen. "Der arabische Frühling ist ein griechischer Sommer", sagt Bastian.

Grüne Technologien

Jeder Griechenland-Tourist kann bestätigen, dass es dort eines im Überfluss gibt: Sonne. Nach Ansicht vieler Experten das offenkundigste, aber immer noch am wenigsten genutzte Potenzial. Griechenland könnte sich als Lieferant erneuerbarer Energie für die EU positionieren, aber auch für die eigene Versorgung durch Solarpanels auf dem Dach. "Noch gibt es in Griechenland keine nennenswerten Anreizprogramme für erneuerbare Energien", so Jens Bastian. Nur bei Neubauten gebe es solche, nicht aber bei bestehenden Häusern. "Hier steckt ein riesiges Potenzial, von dem vor allem die heimische Bauwirtschaft und das Handwerk profitieren würden", so Bastian.

Pharmaindustrie

Als wohl aussichtsreichsten Exportsektor der griechischen Wirtschaft bezeichnet die EU-Kommission die Pharmabranche. Griechische Pharmaprodukte erobern Marktanteile in einem global stark wachsenden Wirtschaftszweig - perfekte Voraussetzungen für weitere Investitionen. Die Präsenz multinationaler Konzerne vor Ort bietet die Möglichkeiten, um auch die Forschung und Entwicklung auszubauen. Hier könnten mehr Anreize für ausländische Direktinvestitionen geschaffen werden.

Schiffbau

Eine der traditionsreichsten griechischen Industrien hat noch nicht alle Chancen genutzt. "Griechenland hat im Schiffbau ein enormes Potenzial, das man ausbauen sollte", sagte Bastian. So verfügt Griechenlands größte Werft über die wohl modernste Fertigung konventioneller U-Boote im Mittelmeerraum. Doch viele Werften sind zu abhängig von staatlichen Aufträgen.

FTD

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