Handel Weiter Schnäppchen im schwimmenden Supermarkt


Der Slogan "Billiger als in Polen" ist Geschichte. Mit Polens EU-Beitritt kam am 1. Mai das Aus für den Duty-Free-Einkauf auf den Butterschiffen entlang der Grenze. Eine Schar Unverbesserlicher macht weiter: der billigen Zigaretten wegen.

Trotz Duty-Free-Ende auf der Oder und dem Stettiner Haff - oder auf der Elbe in Tschechien: Ganz verschwunden sind die schwimmenden Supermärkte noch nicht. Noch immer fahren Reisebusse mit Schnäppchenjägern gen Ostgrenze, auch wenn der Einkauf nicht mehr so günstig ist wie früher. Aber die Zeiten, in denen die Busse im Minutentakt kamen, die Schiffe rund ums Jahr unterwegs waren und an Bord kaum ein Platz frei blieb, sind vorbei. Viele Schiffe gibt es nicht mehr, viele Beschäftigte verloren ihre Arbeit.

Schifffahrt kostet einen Euro

Geduldig wartet die Ticketverkäuferin im brandenburgischen Mescherin auf die Passagiere. Viermal täglich startet dort die "MS König Ludwig" der Reederei Peters zu einer 90-Minuten-Tour auf der Oder. Die "MS Mecklenburg" und die "MS Thüringen" gibt es seit dem 1. Mai nicht mehr. "Traurig ist das", sagt die Ticket-Frau, während der erwartete Reisebus den nun völlig überdimensionierten Parkplatz am Grenzfluss ansteuert. "Früher kamen massenweise Busse. Jetzt einer am Tag." Einen Euro kostet der Schiffstrip. 9,98 Euro zahlen die aus dem Bus steigenden Berliner - für die Fahrt mit Bus und Schiff.

"Ich fahre dreimal im Monat", berichtet der Berliner Reinhard Meinel. Der Raucher kauft sich an Bord Zigaretten. 14 Euro kostet die Stange hier, genau wie in Polen. Im "normalen" deutschen Geschäft sind es 36 Euro. Der 65-Jährige berichtet auch von einem Erlebnis auf einer seiner Busfahrten. "Auf der Rückfahrt hielt der Zoll an der Straße die Kelle raus, alle mussten aussteigen und die Beamten holten drei Müllsäcke voller Zigaretten aus dem Bus." Trotz EU-Erweiterung darf jeder Passagier nur eine Stange Zigaretten kaufen. Die mobilen Zöllner gehören seit Mai an den Straßen zum Alltag.

Zigaretten für 14 Euro jeStange

Die Ticketverkäuferin ist inzwischen auf der "MS König Ludwig" und erklärt das neue Billig-Kauf-Prozedere: Wenn das Schiff auf der polnischen Seite der Oder schippert, dürfen Zigaretten gekauft werden. Auf deutscher Seite gibt es Spirituosen. Die meisten Regale allerdings sind mit Vorhängen mit der Aufschrift "Hier zur Zeit kein Verkauf" verhüllt.

Wie viele Mitarbeiter bei der Reederei Peters ihren Job verloren haben, war von der Geschäftsführung nicht zu erfahren. Zum 1. Mai hatte diese zunächst alle Beschäftigten beim Arbeitsamt angemeldet. Beim Konkurrenzunternehmen, der Adler-Reederei, mussten 40 der 70 Mitarbeiter gehen. "Wenn die Saison vorbei ist, werden wir Schluss machen - bis zum kommenden Frühjahr", sagt Inge Bocklage, Betriebsleiterin der Insel- und Halligreederei, einer Adler-Tochter. Zu Duty-Free-Zeiten kamen auch im Winter genügend Schnäppchenjäger.

Einige kommen wegen der Landschaft

Die Adler-Butterfahrten auf Oder und Elbe und am Stettiner Haff zogen jährlich rund eine Million Menschen an. Die meist älteren Passagiere mussten oft in langen Schlangen ausharren, bevor sie die zoll- und steuerfreien Waren in die Einkaufskörbe legen konnten. Die Adler-Schiffe auf Oder und Elbe fahren schon jetzt nicht mehr. In Altwarp am Stettiner Haff sind von einst vier Butterschiffen noch zwei im Einsatz. "Wir haben nur noch 25 Prozent der Passagiere im Vergleich zu vorher", sagt Bocklage. Keine Sorgen mit dem Ende des Zollfrei-Einkaufs hat hingegen der Geschäftsführer der Sächsischen Dampfschifffahrt, Michael Lohnherr. Kein einziger Arbeitsplatz sei gestrichen worden. Die Mehrzahl der Gäste komme nicht wegen der Einkaufsmöglichkeiten. "Sie wollen auf einem historischen Dampfer sitzen und die Landschaft genießen", sagt Lohnherr. 30.000 Passagiere zählte die Duty-Free-Linie Königstein-Decin jährlich.

Sophia-Caroline Kosel, dpa DPA

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