VG-Wort Pixel

Bundessozialgericht Unfall im Homeoffice: Weg vom Bett zum häuslichen Arbeitsplatz ist versichert

Eine Frau arbeitet an einem Laptop
Wie sehr sind Arbeitnehmer im Homeoffice durch die gesetzliche Unfallversicherung geschützt? Das Bundessozialgericht entschied jetzt einen Fall, der sich vor der Corona-Pandemie ereignete.
© Finn Winkler / Picture Alliance
Im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Privatwohnung und Arbeitsplatz. Wann muss die gesetzliche Unfallversicherung zahlen? Dazu gibt es jetzt ein Aufsehen erregendes Gerichtsurteil.

Wer im Homeoffice arbeitet, ist vor Unfällen nicht gefeit – mit einem solchen Fall beschäftigte sich jetzt das Bundessozialgericht (BSG). Die Kasseler Richter entschieden in einem Urteil, dass ein Beschäftigter, der auf dem morgendlichen erstmaligen Weg vom Bett ins Homeoffice stürzt, durch die gesetzliche Unfallversicherung geschützt ist.

Der Kläger ist angestellter Gebietsverkaufsleiter im Außendienst. Üblich begann er seine Arbeit morgens zwischen 7 und 7.30 Uhr ohne Frühstück. Auf dem Weg vom Schlafzimmer zum häuslichen Arbeitszimmer ein Stockwerk tiefer war er 2018 auf der Wendeltreppe ausgerutscht und gestürzt. Dabei hatte er sich einen Brustwirbel gebrochen. Die Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik erkannte dies nicht als versicherten Wegeunfall an.

Das Bundessozialgericht sah das jetzt anders: Das Beschreiten der Treppe ins Homeoffice habe allein der erstmaligen Arbeitsaufnahme gedient und sei deshalb als Verrichtung im Interesse des Arbeitgebers als Betriebsweg versichert, entschied der 2. Senat am Mittwoch.

Wann beginnt der Arbeitsweg?

Die Berufsgenossenschaft hatte argumentiert, der Unfallversicherungsschutz beginne in einer Privatwohnung auf dem Weg zur erstmaligen Arbeitsaufnahme erst mit Erreichen des häuslichen Arbeitszimmers.

Während das Sozialgericht Aachen den erstmaligen morgendlichen Weg vom Bett ins Homeoffice als versicherten Betriebsweg ansah, beurteilte das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen ihn als eine unversicherte Vorbereitungshandlung, die der eigentlichen versicherten Tätigkeit nur vorausgehe. Die Kasseler Richter bestätigten nun die Entscheidung des Sozialgerichts.

Mit seiner Revision hatte der Kläger eine Verletzung des materiellen Rechts gerügt. Nicht zuletzt in Anbetracht der aktuellen Pandemielage arbeiteten viele Menschen von zu Hause aus. Diese dürften hinsichtlich des Schutzes der gesetzlichen Unfallversicherung nicht schlechter stehen als Arbeitnehmer im Betrieb. Es müsse sich daher beim Weg zur erstmaligen Aufnahme der Tätigkeit im Homeoffice in der Privatwohnung um einen versicherten Betriebsweg handeln, hatte er argumentiert.

Das BSG sprach dem Kläger nun Leistungen der Unfallversicherung zu. Dies können neben den Behandlungskosten je nach Unfallfolgen auch Rentenzahlungen sein.

Zur Begründung erklärte das BSG, der Weg auf der Treppe habe in einem engen Zusammenhang mit der Arbeit gestanden. Der Verkaufsleiter habe seine Arbeit aufnehmen wollen. Diese "objektive Handlungstendenz" sei entscheidend.

Arbeitnehmer sind auch im Homeoffice geschützt

Die Kasseler Richter betonten, dass dies unabhängig von einer Gesetzesänderung zum 18. Juni 2021 gilt und auch vorher galt. Nach der Neuregelung besteht Unfallschutz im Homeoffice "in gleichem Umfang wie bei Ausübung der Tätigkeit auf der Unternehmensstätte". Die Gesetzesänderung sichert die neuere BSG-Rechtsprechung ab, wonach auch betriebliche Wege innerhalb der Wohnung versichert sind, künftig zudem wohl auch Wege bis zur Küchentür, um zu essen oder zu trinken.

Auch im Streitfall habe es sich um einen solchen sogenannten Betriebsweg gehandelt. Das BSG stellte den Sturz damit einem Unfall gleich, wenn ein Arbeitnehmer den Betrieb erreicht hat, dann aber auf dem Weg zwischen Betriebseingang und Arbeitsplatz stürzt. Bei sogenannten Wegeunfällen halte das BSG dagegen daran fest, dass der Unfallschutz erst nach Durchschreiten der privaten Außentür beginnt. (Aktenzeichen B 2 U 4/21 R).

Probleme Privatleben und Berufliches zu trennen – So geht es den Menschen im Homeoffice

Sehen Sie im Video: Große Leidtragende des Homeoffices sind einer Bertelsmann-Studie zufolge Frauen. Sie stufen ihre Arbeitsbelastung zu Hause höher ein. 23 Prozent der Befragten fällt es zudem schwer, nach der Arbeit abzuschalten.

anb DPA AFP

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker