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Bauen und Wohnen: Weniger Geld verheizen

Mit dem Energieberater unterwegs: Begleiten Sie die Experten durch Häuser und Wohnungen, auf Dachböden und in Heizungskeller. Wahrscheinlich entdecken Sie danach auch bei sich zu Hause überraschend viele Schwachstellen, durch die Kälte ins Haus kriecht.

Frank Mühlhause ist ein erfahrener Energieberater, aber manche Situationen verblüffen auch ihn. "Das ist ja ein Hammer!", ruft er, als er über eine Leiter den Dachboden im Haus von Familie Reuter erklettert hat und eine etwa 150 Quadratmeter große Fläche nackten Betons vor sich sieht. "Na ja, eigentlich ist es ein Klassiker", murmelt er hinterher. Und dann geht der Energieexperte zur Tagesordnung über und erklärt den Hauseigentümern Jürgen und Renate Reuter, warum dieser Dachboden ein Wärmeleck erster Ordnung ist, wie sich mit einer vernünftigen Dämmschicht auf dem Beton der Ölverbrauch der Heizung um 750 Liter pro Jahr senken lässt und wie schnell sich das bezahlt macht.

Vor einem Jahr riefen der stern und der Energiekonzern RWE zum großen Energiespar- Check auf. Über 5000 Leser machten mit. 500 von ihnen haben eine professionelle Energieberatung gewonnen. Außerdem wurden sechs Objekte ausgwählt - vom Einfamilienhaus bis zum Kindergarten -, bei denen RWE in den nächsten Monaten die komplette Energiesanierung durchführt und auch bezahlt.

Der stern hat die Energieberater auf ihrer Inspektionstour durch Deutschland begleitet. 1000-mal, je einmal zur Datenaufnahme und dann zur Beratung und Übergabe des Energieausweises, rückten die Experten aus, begutachteten Heizungen, Außenwände und Kellerdecken, nahmen zugige Dachböden und undichte Fenster in Augenschein und errechneten, mit welchem Aufwand wie viel Energie und Kohlendioxidemissionen eingespart werden könnten. Das Potenzial: gewaltig! Wegen veralteter Heizungen und fehlender Dämmung verheizen Hausbesitzer jährlich unnötig Millionen von Kilowattstunden und Euro. Vier von fünf Wohnungen haben nicht annähernd den energetischen Standard, der durch heute übliche Baumaterialien und -methoden möglich ist.

Pro Jahr mehrere Hundert Kilowattstunden sparen

Zurück auf den Dachboden von Familie Reuter: Energieberater Mühlhause erklärt nun, was die Dämmung der obersten Geschossdecke des Hauses (Baujahr 1973) bringt. Der Hausherr glaubt es kaum: "750 Liter weniger Öl, indem man eine Schicht Mineralwolle auf den Dachboden aufbringt?" Es ist nicht der erste Raum, in dem die Reuters Erkenntnisse darüber gewinnen, wie ihr stattlicher Energieverbrauch zustande kommt: 5000 Liter Heizöl pro Jahr, mehr als das Dreifache des heute vorgeschriebenen Neubaustandards, ein Wert im tiefroten Bereich des Energieausweises. Schon der Besuch im Heizungskeller war aufschlussreich. Der Heizkessel, Baujahr 1986 und damit eine historische Energieschleuder, findet nicht mehr die Gnade des Experten. Ebenso wenig, dass eine Umwälzpumpe von morgens bis tief in die Nacht permanent warmes Wasser zu allen Wasserhähnen des Hauses transportiert - wo es nur einen Bruchteil der Zeit so fort gebraucht wird und den Rest des Tages auskühlt. "Hier können Sie pro Jahr mehrere Hundert Kilowattstunden sparen", erläutert Mühlhause, und wieder schauen Reuters höchst verblüfft. "Das hat mir noch nie jemand erzählt", sagt Reuter, "auch nicht der Heizungsbauer."

Nun referiert Mühlhause über Einsparmöglichkeiten und Preise. Und Renate Reuter unterbricht ihn gleich mit der entscheidenden Frage: "Rechnet sich das denn auch?" Das ist die zentrale Frage, die einem Energieberater immer gestellt wird. Dass jede Energiesparmaßname unser Klima von etlichen Kilogramm Kohlendioxid entlastet, dass Öl- und Gasvorräte weniger schnell aufgebraucht sind, wenn wir weniger heizen - alles gut und schön. Aber die Hürde der Wirtschaftlichkeit muss das Energiesparen eben auch nehmen.

Berater Mühlhause kann mit überzeugenden Zahlen aufwarten: Eine Dämmung der obersten Geschossdecke durch den Fachbetrieb macht sich bei einem Anstieg der Energiepreise um fünf Prozent pro Jahr nach weniger als sechs Jahren bezahlt. Kaufen Reuters einen neuen Heizkessel mit Solaranlage - der alte ist ohnehin fällig -, rechnet sich das nach dreieinhalb Jahren. Der Austausch der Fenster dagegen amortisiert sich frühestens nach 15 Jahren.

Dämmung, Heizung, Fenster - es sind vor allem diese Bauteile, die die Energieberater unter die Lupe nehmen. Und immer wieder können sie den Hausbesitzern versichern, dass sich mit relativ geringen Mitteln stattliche Einsparungen erreichen lassen. Eine Familie in Großrosseln im Saarland fuhr gleich nach der ersten Beratung zum örtlichen Baumarkt, kaufte Dämmstoff und legte damit an einem Nachmittag den Dachboden aus. Einsparpotenzial: 30 Prozent.

Einsparungen mit geringen Mitteln

Andere Hauseigentümer fragten ungläubig, wer denn nun recht habe: die Fenster-, die Heizungs- oder die Dämmstoffindustrie, die jeweils für ihr Produkt in Anspruch nehmen, die größte Wirkung zu erzielen. Antwort der Experten: Das kommt darauf an. Nur ein Ortstermin mit dem qualifizierten Energieberater kann wirklich Aufschluss geben.

Und so sind Antje Eberle und Thomas Born sehr neugierig, was ihr Berater Konrad Rebholz für ihre 95 Quadratmeter große Eigentumswohnung im Örtchen Affing bei Augsburg ermittelt hat. Drei Parteien wohnen in dem 1985 gebauten Mehrfamilienhaus, aber nur Eberle und Born nutzen ihre Eigentumswohnung selbst. Jetzt wollen es die beiden, stellvertretend auch für die anderen Eigentümer, wissen. Das Paar wohnt bereits energiebewusst. Über dem Esstisch leuchtet eine Energiesparlampe, das Thermostatventil der Heizung ist mit einer Zeitschaltuhr ausgestattet, in jedem Raum misst ein Hygrometer die Luftfeuchtigkeit. Aber mit der Energie, seufzt Antje Eberle, sei es wie mit Ärzten: "Drei Fragen, fünf Antworten." Für die Heizung zahlt das Paar pro Jahr 580 Euro, für Strom 960 Euro. Geheizt wird mit Öl, 4200 Liter wurden in der vergangenen Heizperiode im ganzen Haus verfeuert. Der Kessel ist noch derselbe, der beim Bau des Hauses installiert wurde - wie bei Reuters eine Altlast. Trotzdem liegt der Energieverbrauch auf der Farbleiste des Energieausweises, den Berater Konrad Rebholz den Eigentümern aushändigt, im grün-gelben Bereich. Nicht schlecht, lässt sich aber deutlich verbessern.

In anschaulichen Grafiken wird im Ausweis aufgeschlüsselt, wo und wie sich mithilfe der Dämmung Wärmeverluste reduzieren lassen: 50 Prozent beim Dach, 51 bei den Außenwänden, 47 Prozent im Keller. Wird zudem eine Wärmepumpe statt der alten Ölheizung eingebaut, summiert sich die Energieeinsparung des ganzen Hauses auf 54 Prozent. Kommentar von Frau Eberle: "Das ist ja Wahnsinn!"

Aber das Ganze kostet natürlich auch. Zwar hat die Eigentümergemeinschaft eine Instandhaltungsrücklage gebildet, aber reicht sie für die 15 000 Euro aus, die der Einbau einer Wärmepumpe kosten würde? Auch kleine Maßnahmen, rät Konrad Rebholz, bringen einiges. Schwachpunkte sind zum Beispiel auch die Rollladenkästen, durch die kalte Luft einströmt. Mit ein bisschen Geschick lassen sich in Eigenarbeit noch die oberste Geschossdecke, die Kellerdecke und die Heizungsrohre dämmen. Und schließlich ist da noch die Umwälzpumpe im Keller - ein übler Stromfresser. Sie treibt den Heizungskreislauf an und sorgt dafür, dass die Wärme für die drei Wohnungen gleichmäßig im Haus verteilt wird. "Ich habe mich über unsere Stromrechnung schon sehr gewundert", sagt Thomas Born. Der Grund: Ungeregelte Pumpen, wie sie bis vor 15 Jahren eingebaut wurden, drücken das Wasser ohne Rücksicht auf den tatsächlichen Wärmebedarf durch die Leitungen. Die Fachleute raten zu einem neuen Gerät für 350 Euro, das sich in drei Jahren amortisiert hat. Bereits eine Woche später hat Thomas Born auch bei den Rollladenkästen eine Lösung aufgetan: eine Gurtführungs- und eine Rollladenkastendämmung zum Nachrüsten. Kosten: 60 Euro pro Stück.

Montessori-Schule in Berlin

In Berlin-Köpenick ist Energieberater Lutz Badelt richtig gefordert. Das Objekt der Begutachtung ist die freie Montessori- Schule, 3000 Quadratmeter groß, Stromkosten pro Jahr 5700 Euro, Heizkosten 68 000 Euro. Aber welch Überraschung: Trotz der gewaltigen Heizkosten rangiert der Primärenergiebedarf des Gebäudekomplexes aus den 30er und 60er Jahren im grün-gelben Bereich. Wie kann das gehen?

Das liegt an dem Rechenmodell, auf dessen Basis ein Energieausweis ausgestellt wird. Es bewertet nicht nur den tatsächlichen Energiebedarf des Gebäudes, sondern auch die Art des Energieträgers, der für die Heizung genutzt wird: Öl, Gas, Strom, Fernwärme oder Holz. Für ihre Gewinnung wird unterschiedlich viel Energie benötigt, und deswegen haben sie unterschiedliche "Primärenergiefaktoren": Holz als nachwachsender Rohstoff 0,2, Fernwärme aus Stromerzeugung 0,7, Heizöl und Erdgas 1,1, Strom 2,7. So kommt die Montessori- Schule, die mit Fernwärme beheizt wird, auf einen guten Wert.

Die Atmosphäre in der Schule könnte behaglicher kaum sein, sonnig gestrichene Wände, gefühlte 25 Grad. Vieles, was die Schule von innen so freundlich macht, haben Eltern und Schüler in 12 000 Arbeitsstunden selbst geschaffen. Dass der Bedarfsausweis ein so positives Bild zeichnet, ist nicht zuletzt der Dämmung der obersten Geschossdecke zu verdanken. Zu fünft haben die Väter der Schüler an einem Wochenende Mineralwolle in 16 Zentimeter Dämmstärke auf 670 Quadratmeter Dachboden verlegt, Kosten: 3800 Euro. Baukoordinator Karsten Gläser war mit dabei. Er freut sich, dass die Aktion laut Energieausweis die Heizkosten um 5000 Euro jährlich senkt: "Sie hat sich also schon innerhalb einer Heizperiode amortisiert." In Cottbus kämpft die Luthergemeinde mit denselben Problemen wie die Montessori-Schule in Berlin: hohe Heizkosten für ihre Kindertagesstätte, zu wenig Geld für die Sanierung. Dabei wäre das schöne Haus von 1887 den Aufwand wert. Leider haben die solide gemauerten Wände eine hohe Wärmeleitfähigkeit - sie dämmen besonders schlecht. Und so hört sich Pfarrer Stefan Aegerter mit leicht gequältem Gesicht an, was der Energieberater Christoph Schilder so alles vorschlägt: den Austausch von Fenstern, eine neue Regelung für die Heizung, eine Dämmung der Kellerdecke, des Daches und der Außenwände von der Innenseite sowie sparsamere Leuchtmittel. Verblüffung erntet der Berater vor allem mit dem Rat, die Kellerdecke zu dämmen. "Was? Die ist doch so massiv", wundert sich Aegerter, "das hätte ich nicht gedacht." Aber das sind die Außenwände auch und trotzdem ein riesiges Wärmeleck. Mindestens 200.000 Euro würde eine Sanierung des Hauses ja wohl kosten. Ein Hauch von Verzweiflung liegt in der Stimme des Pfarrers: "Aber dazu reicht die Finanzkraft unserer Kirchengemeinde nicht. Vielleicht sollten wir das Haus verkaufen, der Käufer saniert es, und wir mieten es zurück. Wir hängen sehr an diesem Kindergarten und seiner großen Tradition." Ein paar Wochen später hat der Optimismus gesiegt: Die Kellerdecke soll gedämmt werden, der Handwerker war schon mal da.

Einsparpotenziale auch bei Neubauten

Verblüffend ist, dass sich selbst bei einem fast neuen Gebäude noch Einsparpotenziale entdecken lassen. So geht es Leonhard Kockelmann und seiner Firma Meikowe. Das Unternehmen mit Sitz in Fleringen in der Eifel bietet so gut wie alles, was mit Elektrizität und Elektronik zu tun hat, unter anderem Photovoltaik- Anlagen, die Sonnenenergie in Strom umwandeln. Das Geschäft läuft gut, ernährt 40 Mitarbeiter, darunter 9 Lehrlinge, das Firmengebäude wurde 1995 neu gebaut. Energieeffizienz ist Ehrensache für einen Elektromeister, an dessen Revers die goldene Nadel der Kreishandwerkerschaft Westeifel prangt. Und so hat der Energieberater Bernhard Becker für das Firmengebäude mit einer Grundfläche von 1247 Quadratmetern einen Primärenergiebedarf errechnet, der dem eines Neubaus entspricht. Es wird mit einer Wärmepumpe beheizt, sparsame Leuchtmittel sind Standard, im Bürogebäude saugt eine Lüftungsanlage die verbrauchte Luft ab und entzieht ihr die Wärme, die Fenster sind mit Wärmeschutzverglasung ausgestattet. Und dennoch: Es geht noch besser. Der Betonboden der Produktionshalle könnte gedämmt werden und eine Wand den Verkaufs- vom Reparaturbereich trennen. Vor allem aber gilt es, einen Bauschaden am Mauerwerk zu sanieren, den der Energieberater unterhalb der Dachkante entdeckt hat. Die Wärmebildkamera, mit der die Oberflächentemperatur der Bauteile sichtbar gemacht wird, bringt den Beweis: Die Mauer ist durchfeuchtet, hier suppt kostbare Wärme nach draußen. Klarer Fall für Meister Kockelmann: Das kann nicht so bleiben, da müssen Fachleute ran.

Und das ist durchaus ein guter Rat für die, die eine energetische Sanierung in Eigenhilfe erledigen wollen, aber davon keine Ahnung haben. Nicht selten stießen die Fachleute in den 500 untersuchten Gebäuden auf Bauschäden, die Hauseigentümer selbst verursacht hatten - mit schlecht eingepassten neuen Fenstern, gut gemeinter, aber dilettantisch ausgeführter Wärmedämmung, hinter der die Wand schimmelt, schließlich mürbe wird. Wer selbst dämmt, sollte wissen, wie. Oder es sich, noch besser, von einem Energieberater erklären lassen.

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