HOME

Bauen und Wohnen: Wir leben am Wasser

Großartig, dieser Blick! Viele Städte entdecken ihre Flüsse, Kanäle und Seen. Wo einst Kräne und Hafenschuppen vor sich hin gammelten, wird jetzt abgerissen, saniert und aufgebaut. Ein Hausbesuch bei den neuen Bewohnern

Von Christoph Wörle

Wenn Heike Isbaner von ihrem Zuhause spricht, streichelt sie es mit Worten: "Abends um fünf fängt hier das Wasser an zu funkeln. Das ist wie am Meer." Zusammen mit ihrem Mann Jürgen genießt sie ihren Logenplatz auf der hauseigenen Veranda in Leipzig. Sie schauen auf die Weiße Elster. Fünf Schritte neben dem kleinen Swimmingpool dümpelt ihr Boot, mit dem sie gern abends spazieren fahren. Wenn der Schwiegersohn zu Besuch ist, angelt er zuweilen einen Hecht. So nah am Wasser wollte das Paar eigentlich nie wohnen. Sie suchten den Wohnklassiker - ein freistehendes Haus mit großem Garten, möglichst auf 800 Quadratmetern. Jetzt wohnen sie ganz anders und viel spektakulärer.

Der Wohnraum misst nur 140 Quadratmeter. Ein Reihenhaus. Und wenn die Elster einmal Hochwasser führen sollte, wird das Wasser über die Grundstücksmauer schwappen. Trotzdem wollen sie hier nie wieder weg. Als die Eheleute das Haus an der Verbindung zum Karl-Heine-Kanal sahen, war es um sie geschehen. "Wir haben uns sofort verliebt und wussten: Das ist es", sagen sie einmütig.

Aber genug geschwärmt. Die beiden müssen los. Die Gondel hat schon angelegt. Direkt am Haus steigen sie ein und lassen sich zu "Da Vito" hinüberfahren. Freunde und Pasta warten. Unterwegs winkt ihnen ein Rentner mit seiner weißen Kapitänsmütze zu. Er hat sich im Edel-Altersheim am Ufer gegenüber das beste Appartement gesichert. "Ende Mai ist der immer schon knackig braun", sagt Jürgen Isbaner.

Das Wasser lockt. Leipzig, Bremen, Hamburg, Düsseldorf oder Freiburg - die Städte entdecken ihre Flüsse neu. Wo viele Jahre alte Kräne und Hafenschuppen vor sich hin gammelten, wird jetzt abgerissen, saniert und aufgebaut. Es entstehen Wohnungen, Büros und neue Touristenattraktionen. Ob jung, ob alt, ob gut betucht, ob bettelarm - überall wird an den Flüssen, Seen und Kanälen der Republik gebaut, gewohnt, gearbeitet. Drei Wochen reiste ein stern-Team durch Deutschland, immer am Wasser entlang (siehe Karte Seite 99). Studenten, Reeder, Werber, Gastronomen und Obdachlose zeigten ihr Leben am Fluss. Leipzig, die Heimatstadt von Ehepaar Isbaner, begann gleich nach dem Mauerfall, die Ufer von Weißer Elster und Pleiße aufzuwerten. Die Wasserwege der Stadt werden in einem ehrgeizigen Projekt verbunden. Manchmal paddeln die Isbaners zum Cospudener See im Süden der Stadt, einem gefluteten Braunkohle-Tagebauloch mit angrenzendem Neubaugebiet. Dort hat sich der Notar Holger Leukel einen Traum in Weiß erfüllt: eine dreistöckige Bauhausvilla. Im Erdgeschoss soll ein Café eröffnen, das war die Auflage der Stadt. Sonst hätte direkt am Strand gar nicht gebaut werden dürfen. Oben blickt Leukels Lebensgefährtin Isolde Haag durch ein Panoramafenster auf die sich kräuselnden Wellen. "Wo wollen Sie da noch Urlaub machen?", schwelgt sie. Oft drücken sich Schaulustige die Nase am Eingangsfenster der Villa platt. "Wir stehen hier im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit." Trotzdem wollen auch sie nie mehr weg. Drei weitere Braunkohle-Löcher werden in den kommenden Jahren zu Seen geflutet.

Bauprojekte in Bremen

Auch die alte Hansestadt Bremen ist "auf dem Weg zurück zum Fluss". Das sagt Jens Eckhoff, ehemaliger Bausenator und heute ein Pionier der Bewegung. In Europas derzeit größtem städtebaulichem Projekt wächst auf 220 Hektar die Überseestadt. Aus alten Hafengebäuden werden Wohnund Gewerbelofts. 2,5 Milliarden Euro privaten und öffentlichen Geldes sollen investiert werden. "Hier entsteht gerade ein neuer Mythos Hafen", sagt Eckhoff.

Aus dem Schuppen 1, heute noch Umschlagplatz für Stückgut aus Schiffsladungen, macht er für eine Investorengemeinschaft etwas ganz Neues. Ein Technikzentrum, Gastronomie- und Wellnesseinrichtungen. Wo früher weiträumig umzäunt Wolle, Tee und Kaffee gelöscht und gelagert wurden, sollen die Bremer flanieren, einkaufen und sich amüsieren.

Im Speicher 1 ist das bereits zu sehen: Der renovierte Backsteinriese ist voller Leben. Einzelhändler, Galeristen, Gastronomie. "Ich bin an der Weser geboren und liebe das Wasser. Das ist diese Sehnsucht nach Weite. Auch deshalb bin ich hier eingezogen", sagt Brigitte Brünjes, Inhaberin eines Geschäfts für Designermöbel. Auf den Dielen zeugen Ölflecken von der Vergangenheit der Lagerräume.

Einen Konflikt gibt es mit der Halbwelt: An der anliegenden Cuxhavener Straße befindet sich der Bremer Straßenstrich. Einigen Investoren behagt das gar nicht. Sie fürchten um den Wert der Grundstücke.

Im Hurenhaus an der Straße sitzt ein Lude mit Seehundschnauzer. Er ist außer sich: "So ein Quatsch. Wenn wir nicht wären, würden die Matrosen die kleinen Mädchen anquatschen, die hier irgendwann wohnen sollen." Der Mann ist Mitglied der Hells Angels, die im Bremer Rotlichtmilieu mitmischen. Seine Umgangsformen sind so herb wie Beck's Bier, das ein paar Steinwürfe weiter gebraut wird.

In der Stadt an der Weser wurde manches Großprojekt wie etwa der Space Park grandios in den Sand gesetzt. "Damals hat die Politik den Versprechungen einiger Investoren zu leichtfertig geglaubt. Diesmal hält sich die Stadt aus der Gebäudeplanung heraus - Gott sei Dank", sagt Michael Frenz, Präsident der Bremer Architektenkammer.

Projekt Hafencity

Es dauert oft Jahrzehnte, bis Stadtplaner und Politiker die Traumlagen entdecken und erschließen: In der benachbarten Hansestadt Hamburg lag einen Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt ein 100 Hektar großes Gelände brach. Hier entsteht jetzt die Hafencity mit rund 6000 Wohnungen, Büroflächen für 40.000 Arbeitsplätze und einem Konzerthaus der Superklasse - der Elbphilharmonie.

Dort startet die Elbfähre Nummer 62 der Hamburger Verkehrsbetriebe. Vorbei an den Landungsbrücken, nähert sie sich einem zweiten spektakulären "Wasserprojekt": der Perlenkette. Hier hat Architekt Hadi Teherani unter anderem das Dockland gebaut, einen siebengeschossigen Neubau aus Stahlbeton und Glas mit 6500 Quadratmeter Nutzfläche. In der Seitenansicht weist das Gebäude die Form eines Parallelogramms auf und ähnelt einem Schiff. Vor 20 Jahren galten die Grundstücke im Besitz von Stadt und Bund an der fünf Kilometer langen Uferpromenade als wertlos. "Heute sind diese Standorte eine Goldgrube. Wichtig war mir, mit der Aussichtsplattform die Öffentlichkeit einzubeziehen. Die Elbe gehört allen", sagt Teherani. Er trägt feinen Zwirn und hat sein lichtes Haar zurückgekämmt. Gemessenen Schrittes besteigt er sein Werk über eine Holztreppe bis aufs oberste Deck, zusammen mit vielen Neugierigen, die in Scharen winken, staunen, Schiffe gucken.

Nikolai Braun arbeitet als Schifffahrtskaufmann bei einer Reederei im dritten Stock. Zum Einzug haben ihm seine Chefs etwas für den Spieltrieb geschenkt: ein Fernglas. "Das ist definitiv das schönste Büro der Welt. Ich kann mit der Fähre zur Arbeit fahren." Von seinem Schreibtisch aus sieht er die Ozeanriesen in den Hafen gleiten, die er weltweit für Millionen vermietet.

Etwas weiter flussaufwärts ist die Veddel, eine Insel, wo keine teuren Parfüms von den Hälsen wehen. Um den Stadtteil aufzujazzen, hat sich die Politik etwas einfallen lassen: Studenten und Künstler können hier im Schmuddelbezirk subventioniert wohnen. Pro Zimmer zahlen sie maximal 178 Euro und keine Kaution. "Ich hab noch nie mit Elbblick gewohnt, das können sich Studis sonst nicht leisten", sagt Oliver Marquardt. Er sitzt in der rot getünchten Küche seiner WG und verdrückt ein Stück Pizza. Eine Tigerkatze stromert um seine Beine. Marquardt joggt gern an der Elbe entlang - direkt vor dem Haus.

Im Hof sitzen drei Jugendliche, die auch gleich über die Studenten herziehen. "Warum bekommen die hier die tollsten Wohnungen hinten reingeschoben? Das ist unsere Gegend", sagt ein 17-jähriger Maulheld. Mit seinen Freunden ist er sich einig: Die einfachen Leute würden vertrieben, und außerdem sei es nicht fair, dass die Studenten ein eigenes Café auf der Insel bekämen, sie aber keinen Jugendklub.

"Absurdistan" am Rheinufer

Noch härter treten die Unterschiede in Düsseldorf zutage. Nächster Haltepunkt auf der Flussreise sind hier die neuen Gehry-Bauten am Medienhafen. Der mittlere davon mutet futuristisch an, seine silberne Fassade blitzt im Sonnenlicht. 50 Kreative arbeiten in einer Kommunikationsagentur. An der Edel-Bude "Curry" nebenan wird die Currywurst mit Blattgold 18 Karat auf Ketchup für 4,20 Euro serviert. Der Wirt sagt, das sei der Verdauung dienlich, während sich zwei Kunden an der Theke blasiert unterhalten. "In Düsseldorf will eben alles schick sein. Auch der Rhein ist schick", findet Thomas Ullrich, Mitarbeiter bei der Agentur.

Der Kontrapunkt zu seinem Arbeitsplatz ist die Aussteigersiedlung "Absurdistan" am Rheinufer. Alles fing mit ein paar Zelten am Wasser an. Inzwischen wohnen zwölf Menschen hier in Bauwagen und selbst gebauten Hütten. Es riecht nach nassem Hund. "Es muss ja nicht jeder so leben. Aber wir sind auch Menschen", sagt Harald Vollmer. Der 49-Jährige schielt auf einem Auge stark nach außen. Sie haben sogar Strom, fließend Wasser und eine eigene Homepage. Wer in Absurdistan leben möchte, bekommt eine Chance. "Aber wer prügelt, Drogen nimmt oder Schnaps trinkt, fliegt raus." Heute gibt es ein scharfes Gulasch mit Kartoffeln. Geza Rozsa kaut bedächtig. Er ist mit 71 der älteste Bewohner. Nach einer Scheidung landete er auf der Straße. In seinem Häuschen flötet Elvis: "Are you lonesome tonight". Alles ist akkurat geputzt, keine Gerümpelwiese wie das restliche Gelände. "Wir bauen gerade um", sagt Vollmer. Knöpfchen macht einen Versuch zu lachen. Mit 16 ist sie die Jüngste. "Auf die passen wir auf. Wir sind eine Riesengemeinschaft", erzählt ein schrulliger Bewohner, der viele Schwielen an den Händen hat und wenig Zähne im Mund. Am Abend sehen alle auf der selbst gebauten Aussichtsplattform zu, wie die Strahlen der Abendsonne über dem Rhein Grimassen auf die Wolken zeichnen. "Ist das schön."

Freiburg auf dem Weg zum Fluss

Auf der letzten Station, ganz im Südwesten der Republik, in Freiburg, treffen wir auf einen Mann, der sagt: "Wir mussten erst lernen, dass der Mensch ans Wasser gehört." Seine Geschichte ist schön, weil es darin nur Gewinner gibt: die Planer, die Politik, die Bürger. Am Ende sind alle zufrieden. "Er ist schön, unser Fluss. Und ich wollte, dass das durch ein Gebäude für alle gewürdigt wird", sagt Lars Bargmann. Der Journalist joggte eines Tages am Ufer der Dreisam entlang und war durstig. "Da kam mir die Idee: Hier müsste ein Café stehen." Bargmann fläzt sich in einem Liegestuhl. Neben ihm sitzen zwei junge Frauen. Mit ihren übereinandergeschlagenen Beinen sehen sie aus wie Flussnixen. Es gibt gehobene Küche, aber auch ein täglich wechselndes Studentenmenü für 3,70 Euro. "Alle sollen an der Dreisam zusammenkommen", sagt Bargmann.

Vorher wurden die Grünflächen hier von wenigen okkupiert: Fixer nutzten die Wiese, um sich einen Schuss zu setzen. Nachts war der Ort ein Schwulentreff. Bargmann musste die Stadtverwaltung mühsam für seine Idee gewinnen. Ihr gehört eine Hälfte des Grundstücks, dem Land die andere. Am Ende wurde das Dreisam-Ufercafé gebaut. Stück um Stück rücken auch die Freiburger an ihren Fluss heran.

print