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Brennbare Wärmedämmung: Fassaden als Todes-Fackel - auch in Deutschland ein Risiko

Der verheerende Hochhausbrand in London wirft die Frage auf, wie gefährlich moderne Wärmedämmung im Fall eines Brandes ist. Auch in Deutschland werden massenhaft billige Kunststoffmaterialien eingesetzt.

Wie eine riesige Fackel brannte der Londoner Grenfell Tower, der für mindestens 17 Menschen zur tödlichen Falle wurde. Das Entsetzen ist auch am Tag danach groß. Vor allem fragen sich die Leute: Wie kann ein Gebäude, das gerade erst aufwendig saniert wurde, derart schnell in Flammen aufgehen? 2015 war die komplette Außenfassade für viel Geld modernisiert worden. Und genau diese Außendämmung steht nun im Verdacht, aus einem gewöhnlichen Wohnungsbrand ein flammendes Inferno gemacht zu haben. 

Die neue Fassade am Londoner Unglücksturm bestand aus einer dünnen Außenschicht aus Aluminium und Zink, die den Regen abhalten soll. Die dahinter liegenden Dämmplatten von etwa 15 Zentimeter Dicke bestanden aus , das sich bei sehr hohen Temperaturen entzünden kann. Dass diese kritischen Temperaturen erreicht wurden, ist offenbar einer Eigenheit der verbauten Dämmkonstruktion zuzuschreiben. Zwischen Außenschicht und Dämmplatte gibt es eine etwa fünf Zentimeter breite Lücke, die Luftzirkulation ermöglichen soll, um die Dämmung trocken zu halten. Diese Luftkanäle bergen allerdings das Risiko, bei Feuer einen Kamineffekt auszulösen, der wie ein Brandbeschleuniger wirkt. Um dem entgegen zu wirken, werden üblicherweise Brandsperren aus nicht entflammbarem Material verbaut, die ein Ausbreiten des Feuers verhindern sollen. Das hat - warum auch immer - am Grenfell Tower nicht funktioniert, wie auch der britische Brandschutz-Experte Jon Hall via Twitter kritisierte. 

 So groß ist die Brandgefahr in Deutschland

Entflammbare Dämmplatten als Brandbeschleuniger - droht diese Gefahr auch in Deutschland? Schließlich wurde hierzulande in den vergangenen Jahren - unterstützt von staatlichen Subventionen - ein riesiger Aufwand betrieben, um Gebäude energetisch zu sanieren. Die Meinungen der Experten, wie groß die Brand-Gefahr ist, gehen dabei auseinander.

Beruhigend ist zunächst einmal, dass der Brandschutz nach Ansicht von Experten in Deutschland so streng ist, wie kaum irgendwo sonst. "In Deutschland dürften brennbare Dämmplatten an Hochhäusern nicht verbaut werden", sagt etwa Brandschutz-Professorin Sylvia Heilmann von der TU Dresden. Dafür gebe es ein Prüfsystem mit einem ausführenden Ingenieurbüro sowie einem davon unabhängigen Prüfingenieur für die Kontrolle im sogenannten Vier-Augen-Prinzip.

Auch der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries betont, dass an Häusern über 22 Meter Höhe - so hoch reicht die Leiter der - keine brennbaren Fassaden verbaut werden dürfen. "Die Briten und die Franzosen haben das nicht. In Europa sind wir die einzigen", sagt Ries.

Brennbare Dämmung - bei normalen Häusern erlaubt

Unterhalb der ominösen 22 Meter sind die Anforderungen an Brandschutz und Dämmmaterial allerdings auch in Deutschland geringer. So warnen Kritiker schon seit längerem, dass auch in Deutschland vor allem billige Dämmstoffe wie Polystyrol verbaut werden, die sehr wohl brennbar sind. Schließlich besteht der Kunststoff aus Erdöl. Schon 2014 warnte etwa der NDR, auch Flammschutzmittel könnten nicht verhindern, dass ganze Fassaden in Flammen aufgehen. Dies sei das Ergebnis von Brandtests, die eine Arbeitsgruppe im Auftrag der Bauministerkonferenz durchgeführt habe. Demnach reiche ein einfacher Mülltonnenbrand, um die Styroporfassade in Flammen aufgehen zu lassen. So brannten etwa 2011 in Delmenhorst fünf gedämmte Mehrfamilienhäuser ab.

Nach dem Brand einer wärmegedämmten Fassade in Frankfurt 2012, begann die dortige Feuerwehr, ähnliche Fälle aus ganz Deutschland in einer Liste zu sammeln. Die sicherlich nicht vollständige Liste ist mittlerweile auf rund 100 Fälle angewachsen. 

Kritiker fordern Polystyrol-Verbot

Nach dem verheerenden Brand von werden die Stimmen der Kritiker lauter. Berlins Landesbranddirektor Wilfried Gräfling kritisierte im Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB), dass in Häusern von weniger als 22 Metern brennbares Dämmmaterial erlaubt sei. Das bemängle die Feuerwehr seit längerem, "weil wir da schon schlechte Erfahrungen gemacht haben", sagte Gräfling.

Der Hauseigentümerverband Haus & Grund fordert, die Verwendung von Polystyrol zur Dämmung von Gebäudefassaden sofort auszusetzen. Es gebe schon seit längerem Hinweise, dass polystyrolhaltige Dämmungen im Brandfall extrem gefährlich seien, erklärte Verbandspräsident Kai Warnecke in Berlin. Hier müsse schnellstens Klarheit geschaffen werden. "Hauseigentümer und Mieter dürfen nicht die Versuchskaninchen der Baustoffindustrie sein", warnte der Verbandschef. Im Zweifel müssten bereits montierte Polystyroldämmungen auf Kosten der Industrie entfernt und durch nicht brennbare Stoffe ersetzt werden.

mit Agenturmaterial

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