HOME

Britische "Times" berichtet: In der Wohnung eines Mannes brach Feuer aus - und er packte erst mal seine Koffer

24 Stunden nach dem Inferno von London lodern im Grenfell Tower noch immer Flammen. Während die Ermittlungen laufen, berichten Medien von einem explodierten Kühlschrank in einer der 120 Wohnungen. Und von dessen Mieter, der anstatt Alarm zu schlagen, zuerst seine Koffer gepackt haben soll.

Das Londoner Hochhaus Grenfell Tower am Tag nach dem Inferno: Hier lebten 400 bis 600 Menschen

Das Londoner Hochhaus Grenfell Tower am Tag nach dem Inferno: Hier lebten 400 bis 600 Menschen

Vom 24-stöckigen Hochhaus im Westen Londons ist am Tag nach dem Inferno nur noch ein schwarzer löchriger Klumpen übrig. Es ist schwer vorstellbar, dass in den 120 Wohnungen bis vor Kurzem 400 bis 600 Menschen gelebt haben sollen. Vor wenigen Stunden fanden mindestens 17 den Tod, wahrscheinlich aber mehr.

Maryam Adam ist 41, schwanger und hat überlebt. Adam wohnte im vierten Stock des Grenfell Towers, es ist jener Stock, auf dem, einem Bericht der britischen "Times" zufolge, das Feuer in der Nacht auf Mittwoch losbrach. Gegen 0.50 Uhr klopfte, so berichtet die "Times", Adams' Nachbar an die Wohnungstür der Frau. "Er sagte, da sei Feuer in seiner Wohnung", wird Adam in dem Bericht zitiert. "Als wir aufstanden, sah ich, dass Gepäck vor seiner Tür stand, ein großer Sack mit seinen Klamotten. Er hat erst gepackt und dann seinen Nachbarn Bescheid gesagt."

Der erste Notruf bei der Londoner Feuerwehr sei um 0.54 Uhr eingegangen. Vier Minuten später.

"Mein Nachbar sagte, sein Kühlschrank sei explodiert"

16 Minuten danach stürmte Mahad Egal aus dem Gebäude. Auch er lebte mit seiner Familie im vierten Stock des Grenfell Hochhauses und auch er sagte der BBC: "Mein Nachbar sagte mir, sein Kühlschrank sei explodiert."

Egals Familie - Frau und zwei kleine Kinder - konnte sich aus dem Gebäude retten. Mit nassen Handtüchern ums Gesicht gewickelt, waren sie über das stark verrauchte Treppenhaus gerannt, sahen dabei nicht weiter als eine Armlänge. "Wir sind eine der zehn Familien, die es noch vor 1.10 Uhr aus dem Gebäude geschafft haben. Zuerst war das Feuer nur so groß wie ein Baum, der Brand schien kontrollierbar. Dann aber, als die Verkleidung Feuer fing, ging alles sehr schnell." Im Gespräch mit der BBC sagte Egal: "Überall herrschte große Verwirrung und normalerweise sollte der Feueralarm losgehen. Aber hier gab es keinen."

Schwere Vorwürfe: Brandschutz-Maßnahmen nicht eingehalten

Andere Bewohner des Grenfell Tower teilen Mahad Egals Vorwürfe. Einige Mieter seien erst durch Rauchmelder in den Wohnungen wach geworden, wird berichtet. Der britische Brandschutz-Experte Jon Hall nannte das Feuer einen Unfall, wie er in der "Dritten Welt" vorkomme. "Alle Bestandteile der Feuersicherheit und des Gebäudemanagements" müssten versagt haben, vermutete er auf Twitter.

Bei der Brandkatastrophe im Zentrum Londons starben mindestens 17 Menschen. Wie die Londoner Polizei am Donnerstag weiter sagte, wird mit noch höheren Opferzahlen gerechnet. Bei dem gewaltigen Brand wurden 65 Menschen von der Feuerwehr aus den Flammen gerettet, anderen gelang selbst die Flucht. Nach Angaben der Rettungskräfte wurden mindestens 78 Patienten in Kliniken behandelt, 18 von ihnen seien in einem kritischen Zustand. Wie viele Menschen noch vermisst werden, ist unklar.

Mieter warnten vor der Katastrophe

Der Grenfell Tower in der Nähe des Londoner Nobel-Stadtteils Kensington wurde 1974 erbaut und von 2014 bis 2016 saniert. Das Gebäude wurde als Sozialbau genutzt. Bereits in der Vergangenheit hatte es Beschwerden über unzureichenden Brandschutz in dem Hochhaus gegeben. Die Bewohner des Wohnturms beklagten seit Jahren den kläglichen Zustand ihres Hauses. Im Blog der "Grenfell Action Group" geht es an zahllosen Stellen um fehlende Fluchtwege, kaputte Wasser- und Stromleitungen. Und sehr oft um Brandgefahr.

Brandursache noch nicht geklärt

Die Ursache des Brands ist noch nicht geklärt. Der britische "The Telegraph" listete am Tag der Katastrophe vier mögliche Ursachen auf - eine Gas-Explosion, defekte Kabel, falsches Material in der Verkleidung - und den kaputten Kühlschrank. Bürgermeister Sadiq Khan versprach umfassende Aufklärung. "Es wird im Laufe der nächsten Tage viele Fragen zur Ursache dieser Tragödie geben, und ich möchte den Londonern versichern, dass wir dazu alle Antworten bekommen werden." Wie der Sender BBC am frühen Donnerstagmorgen meldete, loderten in einigen Wohnungen - mehr als 24 Stunden nach Ausbruch des Brandes - noch immer Flammen.


pg / DPA
Themen in diesem Artikel