Streit um Elbphilharmonie Der Hochtiefpunkt

Der Bau der Elbphilharmonie am Hamburger Hafen wird die Hansestadt doppelt so viel kosten wie geplant
Der Bau der Elbphilharmonie am Hamburger Hafen wird die Hansestadt doppelt so viel kosten wie geplant
© Philipp Guelland/DDP
Die Elbphilharmonie war einst ein großer Traum der Hamburger. Längst ist sie ein Albtraum - und ein Paradebeispiel für Großprojekte, die der öffentlichen Hand völlig entgleiten. Ein Ende des Dramas ist nicht in Sicht.
von Matthias Lambrecht und Ulf Brychcy

Das hat ihn wirklich getroffen. "Wir sind nicht irgendeine Heuschrecke, die hier reinhüpft", sagt Thomas Möller, und die Röte steigt ihm ins Gesicht. Für den Hochtief-Manager ist die Arbeit auf dem Bau Familientradition. Sein Vater war Bauunternehmer, führte den kleinen Thomas "am Patschehändchen" in diese Welt ein.

Er baut etwas ganz Großes: Draußen, vor seinem Büro in der Hafencity, wächst es aus einem alten Kakaospeicher. 110 Meter hoch, wellenförmiges Dach, darunter Luxuswohnungen, ein Hotel, eine Plaza im siebten Stock mit Blick über Hamburg und mittendrin der akustisch ausgeklügeltste Konzertsaal der Welt - die Elbphilharmonie. "Unser gemeinsames Ziel ist es, eines der besten Konzerthäuser der Welt zu bauen", sagt Möller und grinst. Es klingt fast sarkastisch.

Kosten für die öffentliche Hand haben sich verdoppelt

Denn richtig begeistert ist in Hamburg fast niemand mehr. Seit Monaten wird gestritten: über die Kosten, die explodieren, über Pläne und Fehlplanungen - und die Verantwortung für das Desaster. Einen Nachschlag von 137 Millionen Euro hat Hochtief bereits vor gut einem Jahr durchgesetzt. Die Summe, die ursprünglich die öffentliche Hand aufbringen sollte, hat sich damit glatt verdoppelt. Nun droht der Konzern mit einem Jahr längerer Bauzeit, fordert 22 Millionen Euro zusätzlich - und plötzlich kommt dieser Vorwurf aus der schwarz-grünen Koalition: "Heuschrecke". Das bringt Möller in Rage.

Längst ist der Prestigebau zu einem Problembau geworden, der den Hamburger Haushalt mit immer höheren Summen belastet, während die Stadt spart und die Steuern einbrechen. Bei den Verantwortlichen liegen die Nerven blank.

Zu lange haben sie es nicht geschafft, das Zusammenspiel zwischen dem Generalunternehmer Hochtief und dem Architektenbüro Herzog & de Meuron zu steuern. Zu selten haben sie die Schweizer Architekten in ihren Fantasien gebremst. Sie haben die Öffentlichkeit getäuscht und die Risiken des Projekts verschwiegen. Und sie haben sich mit einem Baukonzern eingelassen, dessen Finesse beim Aufstellen von Nachforderungen sie kaum gewachsen sind.

"Herausragende Kultur und Architektur haben ihren Preis"

Dabei hatte man mit der Elbphilharmonie alles anders machen wollen als bei den unzähligen Bauprojekten der öffentlichen Hand, deren Kosten aus dem Ruder laufen. Die Idee des Konzertsaals auf dem Kaispeicher A stammt vom Hamburger Projektentwickler Alexander Gérard. Schnell begeistern sich alle in der Hansestadt dafür. Nicht zuletzt, weil das neue Wahrzeichen die Hanseaten fast nichts kosten soll: Die Stadt bringt den 1966 errichteten Speicher ein, der als Fundament und Parkhaus dient. Darauf sollen Luxuswohnungen und ein Hotel entstehen, um die Konstruktion der Konzerthalle querzusubventionieren. Ganze 20 Millionen Euro Differenz wären nach der Kalkulation von Gérard noch geblieben. Mit Spenden und Sponsoren soll die Belastung für den Haushalt weiter sinken. Eine öffentlich-private Traumkonstellation. Eigentlich.

Doch die Pläne geraten immer ambitionierter, immer komplexer - und immer teurer. Aus 84.000 werden 120.000 Quadratmeter, aus zwei Konzertsälen drei. Schließlich liegen die Kosten für die Stadt bei 190 Mio. Euro - davon 138 Mio. Euro für den Bau -, als das Konsortium um Hochtief 2006 den Zuschlag bekommt. Spender übernehmen 58 Mio. Euro. "Herausragende Kultur und Architektur haben ihren Preis", wischt Bürgermeister Ole Von Beust alle Bedenken beiseite.

Der knallharte Verhandler, der keiner war

Der Chef der städtischen Realisierungsgesellschaft (ReGe) Hartmut Wegener gibt den knallharten Verhandler, der sich mit dem "Pauschalfestpreis" brüstet, den er Hochtief und Konsorten abgerungen habe: "Das Kostenrisiko im Bauprozess liegt nunmehr nach den abgeschlossenen Leistungsverträgen allein beim Bieterkonsortium", tönt Wegener Anfang 2007.

Wie weit entfernt Wegeners Darstellungen von der Wirklichkeit sind, zeigt sich schon im darauffolgenden Jahr. Von Beust tauscht den ReGe-Chef aus, nachdem Meldungen über Nachforderungen von Hochtief in dreistelliger Millionenhöhe die Runde machen. Den angeblichen Festpreis mit Hochtief hat es offenbar nie gegeben. Und noch schlimmer: Der Bauherr hat es versäumt, die vertraglich vereinbarten Liefertermine von Hochtief und Herzog & de Meuron zu synchronisieren. Mit anderen Worten: Generalplaner und Generalunternehmen stimmen sich nicht ab - zumindest nicht im Rahmen des Budgets.

"Solchen Gottheiten ist der öffentliche Bauherr nicht gewachsen"

Und so gibt es ein munteres Wechselspiel von Planungsänderungen, Nachforderungen und Fehlkalkulationen: Mal ist es nur ein zweites Notstromaggregat, mal die Gebäudekühlung mit Grundwasser, die doch nicht mithilfe der Elbe läuft, mal sind es 620 Pfähle für den Baugrund, dann die Glasfassade, die doppelt so teuer wird.

Überhaupt die Glasfassade. Sie soll oberhalb der roten Kaimauern bis auf 110 Meter Höhe montiert werden, 1089 Elemente, jeweils 1,5 Tonnen schwer. Die Architekten wollten jede dieser Scheiben mit unterschiedlichen Siebdruckpunkten versehen als Sicht- und Sonnenschutz. Hätten sich die Schweizer durchgesetzt, wäre die gesamte europäische Glassiebdruckbranche für ein Jahr lang ausgelastet gewesen.

"Solchen Gottheiten auf der Baustelle ist der öffentliche Bauherr regelmäßig nicht gewachsen", sagt der Projektsteuerer Franz-Josef Schlapka. "Und schließlich kommt ja der Steuerzahler für alles auf." Die Architekten halten sich im profanen Kostenstreit elegant zurück, auch auf Fragen der FTD wollen sie nicht antworten.

Saugt die Baufirma ihren Auftraggeber aus?

Bei Hochtief setzen Nachbesserungen und Versäumnisse eine eingespielte Maschinerie in Gang. Wo immer der Konzern anderen am Bau Beteiligten die Verantwortung zurechnen kann, werden Ansprüche geltend gemacht. Für Möller eine klare Sache: "Es muss immer der die Kosten tragen, der sie verursacht", sagt er. "Und für verspätete Planungslieferungen und Änderungswünsche des Architekten haftet der Bauherr."

Spötter bezeichnen deshalb den Konzern als "Anwaltskanzlei mit angeschlossener Bauabteilung", der sich derartige Aufträge mit allzu knapper Kalkulation sichere, um dann später zuzulangen. "Wir nehmen Hochtief als Vertragspartner wahr, der alles unternimmt, seinen Auftraggeber auszusaugen", schimpft Jens Kerstan, Fraktionschef der mitregierenden Grün-Alternativen Liste (GAL). Das knappe Dutzend Mitarbeiter der ReGe ist der Übermacht aufseiten der Auftragnehmer schlicht nicht gewachsen.

Dabei hätte die Stadt nach Einschätzung von Schlapka gute Chancen gehabt, sich zu wehren: "Was Hochtief verlangt, ist weitab von Gut und Böse", sagt der Berliner Bauexperte, der die Forderungen im Auftrag der oppositionellen SPD analysiert hat. "Diesen Umstand hätte man zur Abwehr der Ansprüche nutzen müssen." Nach langen Verhandlungen werden Hochtief im November 2008 die 137 Millionen Euro zugestanden. Für die Architekten und die personell aufgestockte ReGe werden weitere 30 Millionen Euro fällig.

"Hochtief hat hausgemachte Probleme"

Heribert Leutner soll dafür sorgen, dass es nicht noch einmal mehr wird. Leutner ist ein ehemaliger Mitarbeiter von Wegener, der die ReGe zwischenzeitlich verließ, um dann als neuer Chef zurückzukehren. Jetzt sitzt er in seinem Büro am Veritaskai im Harburger Binnenhafen, ziemlich weit von der umstrittenen Baustelle. Direkt vor seinem Büro im Flur steht das Modell, das die Hamburger einst so begeisterte.

"Wir haben das Projekt 2008 neu aufgestellt", sagt er. Mit dem Nachtrag seien die Abstimmungsmängel zwischen Architekten und Hochtief beseitigt worden. Dass der Konzern weitere 22,4 Millionen Euro verlangt, weil die Planer angeblich erneut nicht pünktlich geliefert haben, will er nicht gelten lassen: "Wir werden nachweisen, dass Hochtief hausgemachte Probleme hat und seinen Verpflichtungen selbst nicht rechtzeitig nachkommen konnte."

Bei der parteilosen Kultursenatorin Karin von Welck, auf die von Beust 2008 die politische Verantwortung für die einstige Chefsache abgewälzt hat, ist man da weniger optimistisch. "Im Moment kommen wir mit dem Budget aus", erklärt von Welcks Referatsleiter für Grundsatzangelegenheiten, Karl Olaf Petters. Es könne aber sein, "dass wir noch mal in die Bürgerschaft müssen, um mehr Geld zu verlangen".

Hochtief besteht auf seinen Renditeanteil

Franz-Josef Schlapka würde das nicht verwundern. Glaubt man dem Routinier, steht das dicke Ende an der Elbe noch bevor: "Während des Rohbaus ist alles relativ einfach", sagt er. "Der richtige Zirkus geht erst mit dem Ausbau los. Zumal es hier um den hochkomplexen Innenausbau eines Konzertsaales geht - und nicht darum, ein paar Decken abzuhängen."

Hochtief-Manager Möller ist fest entschlossen, sich mit dem Prestigebau in der Hafencity nicht die schöne Bilanz seiner Niederlassung zu verderben. Immerhin ist der Renditeanteil des Konzerns in der beim Notar hinterlegten Urkalkulation des Projekts vertraglich festgeschrieben. "Das ist auf alle Nachforderungen anzuwenden", sagt Möller bestimmt. "Die Elbphilharmonie endet für Hochtief wie jedes Hamburger Projekt: mit angemessenen schwarzen Zahlen."

FTD

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