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After-Work-Fitness: Anwältinnen von der Stange

Wer beim Wort Stangentanz ausschließlich an halbseidene Tingeltangel-Bars denkt, war noch nie in einem Londoner Fitnessklub: Dort nutzen immer mehr Businessfrauen Pole-Dancing als umfassendes Fitnessprogramm.

Von Louise Brown, London

Da hängt sie! Kopf nach unten, nur mit ihren Beinen hält sie sich an der Stange fest - und kann dabei sogar noch sprechen: "Nicht jeder hat genügend Selbstbewusstsein, um an der Stange zu tanzen", sagt Tanya Vyas. Sie schwingt sich nach oben, greift mit den Händen an die Stange und rutscht langsam hinunter: "Vielleicht sind wir Mädels aus der Londoner City genau deshalb so gut im Pole Dancing, weil wir auch im Job oft sehr selbstbewusst auftreten müssen", sagt die junge Anwältin.

Pole-Dancing, zu Deutsch Stangentanz, wird in London immer beliebter. Und zwar nicht in den Striplokalen, sondern in den Fitnessklubs der City. Bankerinnen, Anwältinnen und Headhunterinnen, denen die Jazzdance-Stunden zu langweilig sind oder die keine Lust aufs Laufband haben, kommen zusammen, um an der Stange zu üben. "Alle unsere fünf Kurse sind belegt", sagt Trainerin Melissa Gray von der London Academy of Pole Dancing, die die Stunden beim Sportklub LA Fitness anbietet. 1500 Frauen wies ihre Pole-Dancing-Academy im vergangenen Jahr in den Stangentanz ein, zu Grays Überraschung viele High Professionals. Bei anderen Anbietern wie Pole Secrets ist es ähnlich: Rund 2000 Teilnehmer waren es letztes Jahr.

Im LA Fitness haben sich an diesem Abend acht Frauen eingefunden. Sie alle sind zwischen Anfang 20 und Ende 30. Zu Beginn der Stunde werden vermeintlich einfache Übungen geprobt: "Mädels! Vom Sonnenaufgang zum Sonnenuntergang!", ruft Gray und rutscht dabei langsam die Stange herunter - ein Bein mit spitzen Zehen nach vorne in die Luft gestreckt, das andere nach hinten geknickt. Dabei vollführt sie eine Armbewegung, die für den Außenseiter eher gefährlich aussieht. Jenny Liebert, eine Headhunterin aus Frankreich, schwingt sich an die Stange und macht die Bewegung nach, als täte sie das schon seit Jahren. Dabei ist sie erst seit zwölf Wochen dabei.

400 Kalorien pro Stunde

"Man muss beim Pole-Dancing hartnäckig und ehrgeizig sein - das steckt uns City-Frauen im Blut", sagt Liebert. "Beim Pole-Dancing spürt man am Anfang Muskelgruppen, die man vorher gar nicht kannte." Tatsächlich geht es für die meisten Hobby-Stangentänzer um den Fitnessaspekt: In der Stunde verbraucht man dabei um die 400 Kalorien, mehr als beim Schwimmen. Die langsamen Bewegungen, das Hochziehen an der Stange bis zur Decke, die Anspannung des Körpers, damit die Bewegungen geschmeidig sind: All dies braucht ungeheuere Kontrolle, so Trainerin Gray. Meist melden sich Frauen in ihren Kursen an, vereinzelte Männer lassen sich von ihr Privatstunden geben - Gray brachte sogar schon Armeeangehörige an die Stange.

Noch immer hafte ihrem Hobby das Stigma des Verruchten und Halbseidenen an, sagt Vyas. "Die Akzeptanz wird interessanterweise größer, je höher man sich auf der Karriereleiter befindet." Und seitdem Kate Moss in einem Musikvideo der Band "The White Stripes" einen Pole-Tanz hinlegte und Promis wie Angelina Jolie und Madonna aus Fitnessgründen an der Stange tanzen, wird der Sport immer beliebter. Die Academy bietet Unternehmen inzwischen sogar Kurse zum Teambuilding an - betont ganz unschmuddelig im Hotel Waldorf Hilton.

"Mädels! Wer macht mir das Kruzifix?", ruft Trainerin Gray zur nächsten Übung. Hin und wieder quietscht es, wenn die Haut zu nah an das Metall kommt. Zum Ende, wenn alle in Schwung sind, holen die Damen ihre High Heels heraus: glitzernde Pumps mit Hacken wie kleinen Türme. Hobbytänzerin Monique Dalton, eine Wissenschaftlerin, rutscht elegant an der Stange zu Boden und erzählt von einem gemeinsamen Ausflug in den berühmten Striptease-Klub Spearmint Rhino. Die Kursteilnehmer wollten überprüfen, was die Profitänzerinnen können. Zufrieden seien sie wieder gegangen: "Was die Damen dort an der Stange tun, ist nichts gegen das, was wir schon gelernt haben", sagt Dalton.

FTD