ANALPHABETEN Lügen, Angst und Selbstzweifel


Fahrpläne und Speisekarten werden zu Buchstaben-Salat, Formulare und Anmeldungen zum Hindernis-Lauf: Rund vier Millionen Menschen in Deutschland können weder lesen noch schreiben.

Für die Betroffenen ist es ein Leben aus Lügen, Angst und ständigem Selbstzweifel. »Analphabetismus ist für die Betroffenen schlimmer als Alkoholismus«, sagt die 52-jährige Brigitte Kleine. In der Volkshochschule Kiel bringt die ausgebildete Sonderschullehrerin Erwachsenen Lesen und Schreiben bei. Nach Schätzungen der UNESCO können bundesweit rund vier Millionen Menschen nicht oder nur sehr schlecht lesen und schreiben. Rund 40 000 von ihnen leben in Schleswig-Holstein, schätzt Kleine. Der internationale Alphabetisierungstag an diesem Sonntag soll auf die Probleme dieser Menschen und deren sozialen Folgen aufmerksam machen.

Schüler sind zwischen 40 und 60 Jahren

Rund 50 Männern und Frauen ist Kleine in den vergangenen fünf Jahren eine geduldige Lehrerin gewesen. Das Lesen von Büchern, aber auch das Schreiben von Mitteilungen hat sie ihren Schülern beigebracht. Zwischen 40 und 60 Jahre sind ihre Studenten Schüler zumeist alt, einige aber auch deutlich jünger.

Haüfigste Ausrede: Die vergessene Brille

»Bei unserem Bildungsstand wird es einfach erwartet, dass sich jeder schriftlich ausdrücken kann«, sagt Kleine. Um dem Erwartungsdruck nicht öffentlich zu unterliegen und um ihre Schwäche zu überspielen, ließen sich Analphabeten daher unterschiedlichste Ausreden einfallen. »Ich hab? meine Brille vergessen«, kommt Kleine als eine der häufigsten Entschuldigungen in den Sinn. Viele hätten gelernt, dauerhaft mit ihrer Unfähigkeit zu leben. »Einer meiner Schüler hat sich im Restaurant immer nur Salami-Pizza bestellt«, sagt Kleine. Die Speisekarten hatte er nicht lesen können.

Schwächen nicht erkannt

Die Hemmschwelle, mit Grundschulmethoden noch im fortgeschrittenen Alter Lesen und Schreiben zu lernen, ist nach wie vor groß. Oft sei ein Anstoß von Familienangehörigen oder Betreuern nötig, damit erwachsene Analphabeten den Weg in einen Lese- und Schreibkursus fänden, berichtet Kleine. Dabei ist ihre Unfähigkeit nicht unbedingt selbst verschuldet. Schreib- und Leseschwächen sind laut Kleine vor mehr als drei Jahrzehnten nur sehr selten richtig erkannt worden. »Die Schüler wurden damals irgendwie mit durch die Schule gezogen«. Alleine kommt ein Schüler nach einer Anmeldung aber fast nie zum Unterricht. »Die meisten werden am Anfang von Angehörigen begleitet«, sagt die Lehrerin.

Lernen an praktischen Beispielen

Schwierig ist es, ansprechende Unterrichtstexte für Leseschüler zu finden. »Es gibt nur wenige Bücher für erwachsene Analphabeten.« Damit der Unterricht dennoch möglichst lebensnah erscheint, werden neben Zeitungstexten auch Fahrpläne und Öffnungszeiten von Institutionen gelesen. Das Schreiben von Texten wird unter anderem auch mit dem Ausfüllen von Telefonanmeldungen geübt.

Alphatelefon will helfen

»Für jeden einzelnen ist es ein schwieriger Schritt, sich zu outen«, beschreibt der Geschäftsführer des Bundesverbandes Alphabetisierung, Peter Hubertus (Münster), die Situation der Analphabeten. Bis Ende August hatte der ausgebildete Pädagoge über das bundesweite Alphatelefon mehr als 4000 Anfragen zu beantworten. »Wer bietet Schreib- und Lesekurse an?«, »Wer kann mir helfen?« - Fragen, die der 47-Jährige Tag für Tag hört. Ende Mai sei das Budget für das Alphatelefon bereits verbraucht gewesen, berichtet Hubertus. Ein Umschichten der zur Verfügung stehenden Gelder war nötig. »Sonst hätten wir das Alphatelefon sterben lassen müssen.«

Erfolg nach zwei Jahren

Die mangelhaften Schreib- und Lesekenntnisse drücken auf das Selbstbewusstsein der Betroffenen. »Analphabeten haben in der Regel relativ wenig Selbstwertgefühl«, berichtet Kleine von ihren Erfahrungen. Die 60 Unterrichtsstunden pro Semester hätten daher auch eine soziale Funktion, sagt sie. »Die Angst sitzt sehr tief. Aber das Selbstbewusstsein steigt mit dem Können.« Ein einziger Kursus reicht allerdings nicht aus, um Lesen und Schreiben zu lernen. Viele ihrer Schüler betreut Kleine über einen Zeitraum von zwei bis vier Jahren. Rund 70 Prozent, schätzt sie, halten langfristig durch.


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