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Arbeitsmarkt: Zynische Spinnereien

Der Bundeswirtschaftsminister hat einen Traum: Vollbeschäftigung in Deutschland. Nachdem in den vergangenen Jahren Millionen Jobs geschaffen wurden, sieht er den paradiesischen Zustand demnächst erreicht. Andere stimmen in Glos' Jubel ein. Dabei ist das Gerede von der Vollbeschäftigung gleich in mehrfacher Hinsicht makaber.

Ein Kommentar von Dirk Benninghoff

Am Dienstag stehen die neuen Arbeitslosenzahlen ins Haus, und die ein oder andere gute Nachricht vom Jobmarkt der Vergangenheit hat Politik und Tarifparteien offenbar kollektiv die Sinne vernebelt. In seltener Eintracht freuen sie sich auf die Vollbeschäftigung - einen Traumzustand, den Deutschland zuletzt in den frühen Sechzigern erlebt hat.

Wirtschaftsminister Michael Glos glaubt qua Amt daran und zwar "schon im nächsten Jahrzehnt". Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt stimmt in den Chor ein, warnt aber "Finger weg vom Mindestlohn", sonst könne es mit der Vollbeschäftigung nichts werden. DGB-Chef Michael Sommer fordert eine andere Politik, dann sei Vollbeschäftigung möglich. Wirtschaftsweiser Bert Rürup mahnt wie in seinen Kreisen üblich zu moderaten Tarifabschlüssen, um das Ziel nicht zu gefährden.

Dabei mutet der Begriff "VOLLbeschäftigung" doppelt zynisch an: Zum einen haben stattliche 3,6 Millionen erwerbsfähige Menschen in Deutschland derzeit keinen Job, und das sind nur die Registrierten. Bei vielen von ihnen wird das Sinnieren über das Jobparadies Deutschland wohl eher für Aggressionen als für Begeisterung sorgen.

Zum anderen steckt die Welt gerade in einer der größten Finanzkrisen aller Zeiten, dessen Auswirkungen sich bei weitem noch nicht abschätzen lassen. Die jüngsten Horror-Zahlen der BayernLB signalisieren, dass die milliardenschweren Negativmeldungen nicht abreißen werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Krise auch in Europa großflächig Jobs kosten wird. Die US-Banken haben krisenbedingt schon 34.000 Jobs abgebaut, die Zahl könnte laut Experten auf 100.000 steigen. Es grenzte aufgrund der Vernetzung der globalen Finanzbranche an ein Wunder, wenn der Trend - in kleineren Dimensionen - nicht auch nach Deutschland zöge.

Immerhin: Die Messlatte liegt niedriger

Vor diesem Hintergrund von bevorstehender Vollbeschäftigung zu schwärmen, ist taktlos, ja geradezu zynisch. Immerhin kommt den Verkündern des Job-Paradieses entgegen, dass in Zeiten steigender Sockelarbeitslosigkeit die Kritierien für den Zustand der Vollbeschäftigung gelockert wurden. Durften zu Wirtschaftswunderzeiten nur ein Prozent arbeitslos sein, so spricht man heute teilweise schon bei Marken von knapp fünf Prozent von Vollbeschäftigung.

Das hieße, wenn in diesem Land gut zwei Millionen Menschen arbeitslos wären, könnte Glos schon über Vollbeschäftigung jubilieren. Die Begriffsdefinition ist genauso absurd und zynisch wie das Posaune von Politik und Wirtschaft.