HOME

Beschäftigung: Arbeitswut als Sucht

Während in Deutschland die Arbeitgeber weniger Urlaub für Kranke fordern, schlagen in den USA die Psychologen Alarm: Amerikaner nehmen zu wenig frei und verschenken über 400 Millionen Urlaubstage.

Sommerzeit - Urlaubszeit: In vielen Firmen steigt die Stimmung, weil die Mitarbeiter in Ferienstimmung kommen. Zwei Wochen Meer, drei Wochen Wandern, Fünf-Sterne-Schick, Camping oder Balkonien - fast jeder lässt ausgiebig die Seele baumeln. Nicht so in den USA. Während in Deutschland Handwerkspräsident Otto Kentzler durch Verrechnung von Krankentagen den Urlaub kürzen will, schlagen in den USA die Psychologen Alarm, weil die Amerikaner zu wenig frei nehmen. 421 Millionen Urlaubstage verschenken sie in diesem Jahr, fand der Online-Reisedienst Expedia.com in einer repräsentativen Umfrage heraus.

Die Zeitschrift "Health" (Gesundheit) behandelt die Arbeitswut in ihrer Juni-Ausgabe wie ein Suchtproblem. "Entwöhnen sie sich vorsichtig", empfiehlt darin Psychologin Ilene Philipson: "Nehmen Sie sich zu Beginn zwei Stunden in der Woche für einen Park - oder Museumsbesuch - nur, um sich daran zu gewöhnen, mal vom Schreibtisch weg zu sein. Verlassen sie das Büro mindestens einmal in der Woche zu einer vernünftigen Zeit. Nehmen Sie ihren Urlaub auf einmal - dann müsse man nur einmal durch den Organisationsstress."

Fünf Tage Urlaub in zwei Jahren

Alle Urlaubstage auf einmal - das dürfte die Arbeitgeber in den USA kaum in die Bredouille bringen. 8,8 Tage bekommen Mitarbeiter im Schnitt nach einem Jahr in einem neuen Job, unabhängig vom Alter. Wer mehr als drei Jahre bei einer Firma ist, darf laut Arbeitsministerium mit 10,7 Tagen rechnen, und nach zehn Jahren Treue sind 16 Tage drin. Die Cornell-Universität fand heraus, dass es nur in Taiwan, Singapur und Japan ähnlich kurze bezahlte Ferien gibt. Dabei ist dort bezahlter Urlaub wenigstens gesetzlich vorgeschrieben - in den USA nicht.

Fünf Tage Urlaub hat Kathy Judd in den vergangenen zwei Jahren genommen. Sie leitet das Washingtoner Musikkonservatorium. "Unterrichten, Lehrer rekrutieren, Konzerte organisieren, Spenden eintreiben - das hält mich einfach das ganze Jahr auf Trab", sagt sie. Carol Laham ist Rechtsanwältin und hängt schon mal an ein Feiertagswochenende einen Urlaubstag dran, mehr nicht. "Ansonsten stapelt sich die Arbeit auf meinem Schreibtisch und es ist umso schwieriger, das alles abzubauen."

Ausgeruhte Menschen sind produktiver

Der Internet-Reisedienst Expedia gibt nicht ganz uneigennützig jedes Jahr eine "Urlaubsentzug-Studie" in Auftrag. Danach sind die Franzosen mit 39 Tagen die Urlaubsweltmeister, gefolgt von Deutschen mit 27 Tagen - die Amerikaner kamen im Schnitt auf 12. "Wir stellen fest, dass die Amerikaner immer weniger Urlaubstage nehmen", sagt Sprecherin Katie Deines. "Ein weiterer Trend sind weniger längere Ferien und mehr Kurzurlaube." Ein Drittel der gut 2000 Befragten sagten, sie würden regelmäßig nicht alle Urlaubstage nehmen.

"Studien belegen, dass zu viel Arbeit, zu wenig Schlaf und keine Zeit, vernünftiges Essen zuzubereiten, Gesundheitsprobleme verursachen", sagt Maureen Wilt, Dozentin für Sozialarbeit an der Missouri State-Universität in Warrensburg. "Autounfälle, Arbeitsunfälle und Herzanfälle. Zudem weist alles darauf hin, dass ausgeruhte Menschen produktiver sind als überarbeitete."

"Take back your Time"

Auch Krankfeiern ist in den USA verpönt. Sechs Tage fehlen Arbeitnehmer im Schnitt im Jahr, fand die Personalforschungsfirma CCH aus Illinois heraus. In Deutschland sind es 13. Kein Wunder: In den USA gibt es rund zehn bezahlte Krankentage im Jahr. Wer länger krank ist, muss Urlaub nehmen.

Für mehr gesetzlichen Urlaub kämpft die Initiative "Take back your Time" (etwa: Hol dir deine Zeit zurück) mit dem Argument "Wir arbeiten mehr als mittelalterliche Bauern!" - und Joe Robinson, der das Buch "Arbeite um zu Leben" geschrieben hat. Er mobilisiert Ärzte und Psychologen und bearbeitet Abgeordnete. Ende Juni war er allerdings im Urlaub und für ein Interview nicht zu erreichen.

Christiane Oelrich/DPA

Themen in diesem Artikel