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Studie zu Führungsverhalten: Cholerische Anfälle und Pipi-Verbot - was Angestellte über ihre Chefs berichten

Choleriker, Tyrann – oder verständnisvoller Helfer? Eine Umfrage unter nicht-akademischen Fachkräften zeigt, welch unterschiedliche Erfahrungen Angestellte mit ihren Vorgesetzten machen.

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Empathisches Führungsverhalten ist nicht jedem Chef gegeben

Getty Images

Ich Chef, du nix? Der klassische autoritäre Führungsstil wird von vielen Experten heute als nicht mehr zeitgemäß angesehen. Vielerorts haben flachere Hierarchien und kooperativere Formen der Führung Einzug gehalten. Allerdings: Der verständnisvolle Chef aus dem Handbuch moderner Führung ist längst nicht überall angekommen. Gerade in nicht-akademisch geprägten Branchen sieht die Realität laut einer aktuellen Studie häufig ganz anders aus.

Das Marktforschungsinstitut Respondi hat im Auftrag des Stellenportals meinestadt.de 2085 Fachkräfte mit Berufsausbildung nach ihren Erfahrungen mit den Vorgesetzten gefragt. Das ernüchternde Fazit: "Während Akademiker-Deutschland lebhaft über 'New Work' und 'partizipative Führung' diskutiert, muss sich ein gut Teil der nicht-akademischen Fachkräfte mit Berufsausbildung mit cholerischen, zynischen oder anderweitig zur Führung ungeeigneten Chefs auseinandersetzen."

Sie haben selbst eine außergewöhnliche Erfahrung - ob gut oder schlecht - mit Ihrem Chef zu berichten? Schreiben Sie uns an leseraufruf@stern.de 

Unterschiede je nach Betrieb

Dabei ist das Ergebnis im Schnitt gar nicht so schlecht. Auf die Frage, welche Schulnote sie ihrem Vorgesetzten geben würden, antwortet mehr als jeder Zweite mit "Gut" oder "Sehr gut". Auf der anderen Seite der Skala bewertet jeder Fünfte seinen Chef nur mit "ausreichend" oder schlechter. Unterm Strich steht eine Durchschnittsnote von 2,67, also eine 3+.

Auffällig ist, dass das Verhältnis zwischen Vorgesetztem und Mitarbeiter umso besser ist, je kleiner der Betrieb ist. Und auch zwischen den Branchen gibt es Unterschiede: Am besten schnitten in der Umfrage die Chefs im Handwerk ab, am schlechtesten die Führungskräfte in Handel und Logistik. 

Die schlimmsten Verfehlungen

Gefragt nach den schlimmsten Erlebnissen mit dem Vorgesetzten kommen Horrorgeschichten zum Vorschein. "Einer meiner Vorgesetzten war beispielsweise Choleriker und verlor die Selbstkontrolle bis an den Rand der Gewalttätigkeit", schildert einer der Befragten. Auch andere berichten von Schreianfällen und nach Mitarbeitern geworfenen Gegenständen. "Cholerische Anfälle wegen Nichtigkeiten. Das rüttelt an den Nerven. Die Frauen sind am Weinen, die Männer ducken sich weg. Ganz miese Stimmung", fasst ein anderer zusammen.

Die Liste der Chef-Verfehlungen setzt sich fort mit Gemeinheiten bei der Aufstellung von Dienstplänen, systematischem Mobbing und "persönlichen Beleidigungen, weil ich schwul bin". Einer soll sogar die Toilettentür abgeschlossen haben, "weil ich angeblich zu oft auf die Toilette ging", was er auch noch vor der Kundschaft thematisierte. Immerhin drei von zehn befragten Fachkräften haben schon einmal wegen des Vorgesetzten den Job gekündigt. 

Vorbildliches Verhalten

Umgekehrt gibt es auch Chefs, die menschlich absolut vorbildliches Verhalten zeigen. So berichten Befragte von Vorgesetzten, die sie in gesundheitlich schwierigen Situationen unterstützt und Stress von ihnen ferngehalten hätten. Ein Mitarbeiter durfte spontan nach Hause fliegen, um die Geburt seines Sohnes zu erleben. Ein anderer durfte drei Wochen der Arbeit fernbleiben, um am Sterbebett seines Vaters zu weilen.

Um ein guter Chef zu sein, müssten Vorgesetzte sich aber nicht zwangsläufig an den Vorstellungen moderner, partizipativer Führung orientieren, schreiben die Studienautoren. Zwar wünschen sich manche der Befragten von ihren Chefs mehr Mitbestimmung, Empathie, Wertschätzung und Selbstkritik. Andere dagegen fordern mehr Konsequenz und Durchsetzungsfähigkeit, "eine klare Linie" und schnellere Entscheidungen – alles Eigenschaften, die klassischer, hierarchischer Führung zuzuordnen sind.

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