HOME

stern-Logo Alles zum Coronavirus

Sozialunternehmen in der Corona-Krise: Dialog im Dunkeln: "Jetzt ist eine soziale Mission mit unternehmerischem Ansatz das Enfant terrible"

Wie schnell die Corona-Krise Unternehmen an ihre Existenzgrenzen bringt, hören wir seit Wochen aus unterschiedlichsten Branchen. Für viele fand die Regierung Hilfen und Erleichterungen. Für das Sozialunternehmen "Dialog im Dunkeln" passt jedoch kein Konzept, sagt der Gründer Andreas Heinecke.

Das rote Backsteingebäude in der Hamburger Speicherstadt

Wo vor der Corona-Pandemie Besuchergruppen auf Einlass warteten, herrscht nun Leere

Picture Alliance

Schlendert man aus der Hamburger Innenstadt in Richtung Elbe, kommt man zwangsfäufig durch die Hafencity, wo in der alten Speicherstadt im Freihafen neben der Elbphilharmonie in den vergangenen 20 Jahren ein ganzes Wohngebiet entstanden ist. Je nachdem welchen Weg man einschlägt, kann es sein, dass man am Alten Wandrahm vorbeikommt, einer kleinen Straße, in der sich vor einem der Häuser aus rotem Backstein normalerweise Pulks junger plaudernder Menschen versammeln, die ins Dialoghaus möchten. In den vergangenen Wochen allerdings wirkt es eher so, als hätte sich eine der Ausstellungsideen des Dialoghauses seltsam nach draußen verselbstständig. Vor der Tür herrscht Stille.

Andreas Heinecke steht mit verschränkten Armen auf einer Hamburger Brücke

Andreas Heinecke hat Inklusion zu seinem Lebensprojekt gemacht. Mittlerweile hat er die Dialog-Idee, die Menschen am Rande zu Menschen im Zentrum macht und sie mit anderen ins Gespräch bringt, in 45 Länder getragen.

Hamburgern ist der "Dialog im Dunkeln" ein Begriff. Auch wenn sie die Ausstellung vielleicht selbst noch nicht besucht haben, haben sie zumindest schon davon gehört. In den vergangenen 20 Jahren haben ca. 1,5 Millionen Menschen in Hamburg erfahren, wie es sich anfühlt, blind durchs Leben zu gehen – vor allem Schulklassen treten das Experiment an. Und wer nicht beim "Dialog im Dunkeln" war, hat womöglich eine andere Gesprächsform gewählt: den Dialog im Stillen, mit der Zeit oder mit dem Ende. Andreas Heinecke hat sich diese Arten der Kommunikation ausgedacht, nachdem der ehemalige Journalist einem blinden Kollegen beibringen sollte, wie man Radio macht. Das war vor mehr als 30 Jahren. Nicht nur der Kollege, sondern insbesondere der inzwischen 64-jährige Heinecke hat damals viel gelernt und erkannt: Defizite bergen Potenzial. Seither verfolgt er das Ziel, zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen Brücken zu schlagen.

Statt einer Geburtstagsparty kam Corona

Weltweit erlebten in den vergangenen zehn Jahren rund zehn Millionen Besucher die Ausstellungen, 12.000 Menschen, die sonst wohl kaum Arbeit gefunden hätten, wurden angestellt: Blinde, Gehörlose, über 70-Jährige und Menschen, deren Lebensende absehbar ist. Allein in Hamburg arbeiten 129 Menschen, die sich zurzeit in Kurzarbeit befinden. Sie erwirtschaften 87 Prozent des jährlichen 2,7-Millionen-Umsatzes selbst. Den restlichen Teil brachten Spenden oder die öffentliche Hand, die eine Beschäftigung von Menschen mit Beeinträchtigungen fördert. Die Hamburger hatten sich gerade darauf vorbereitet, am 1. April 2020 groß den 20. Geburtstag des Dialoghauses zu feiern. Dann kam Corona. Und jetzt steht womöglich die Schließung bevor.

"Wir fallen immer durchs Netz"

"Ich habe gerade heute Morgen in der Zeitung gelesen", sagt Heinecke in einem Telefonat mit dem stern am 23. April , "dass wieder neue Programme zur Erhaltung der Gastro und zum Digitalschub der Schulen verabschiedet wurden. Aber der Sektor, der dem Gemeinwohl dient, gemeinnützige Organisationen und Sozialunternehmen, fällt immer durchs Netz. Und da muss ich sagen: Das verstehe ich nicht."

Heinecke wünschte, in Deutschland gäbe es den Sozialen Wirkungskredit, auf den Sozialunternehmen vor allem in Großbritannien zurückgreifen können, um durch eine Krise zu kommen. Denn die deutsche Alternative, eine Kreditsicherung durch die KfW, gilt nur für gewerbliche Unternehmen. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau ist eine Förderbank, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand und einen staatlichen Auftrag verfolgt. Sie könnte Heinecke die finanzielle Luft verschaffen, die er braucht, um die Corona-Krise durchzustehen. "Hätte ich die Möglichkeit, ein von der KfW abgesichertes Darlehen bei meiner Hausbank, der GLS, zu bekommen", sagt Heinecke, "würde die KfW im Falle einer Insolvenz einspringen und meine Bank nähme keinen Schaden, das ist der Mechanismus. So eine Gleichbehandlung brauchen wir."

Zu sozial für Deutschland?

Dass es diese Option für gemeinnützige Unternehmen nicht gibt, "ist ein Skandal, der noch nicht behoben ist", sagt Heinecke. Obwohl sich die Bundesregierung im Moment sehr kreativ zeigt, wie er lobt, und zum Beispiel auch Erleichterungen für Stiftungen beschlossen hat.

"Die gemeinnützigen Organisationen sind sehr missionsgetrieben, das steht im Vordergrund, weniger die Profitabilität", sieht Heinecke als den Grund, warum es für sie noch keine Hilfe gibt. "Wir sind Opfer unserer Gemeinnützigkeit und unserer mangelnden Kapitalkraft." Obwohl das Dialoghaus keine institutionelle Regelförderungen wie etwa Museen erhält und Spenden keine große Einnahmequelle sind, schafft es trotzdem meist eine schwarze Null zum Jahresende. Doch das hilft Heinecke derzeit nicht. "Was früher als eine Art Leuchtturm galt, dass es möglich ist, eine soziale Mission mit einem unternehmerischen Ansatz zu verbinden, ist jetzt das Enfant terrible", sagt er. Seit mehr als 20 Jahren erhält der Entrepreneur internationale Auszeichnungen und Preise für seine Visionskraft sowie für sein Unternehmertum – doch nun scheint sein Lebenswerk den Bach runterzugehen.

Ein bedrucktes Kissen rührt einen alten Herren zu Tränen.

SPD-Mann Bartke: "Inklusiver geht's gar nicht"

Der stern hat den Hamburger SPD-Mann Matthias Bartke gesprochen, MdB und Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Soziales, und ihn gefragt, wie das möglich ist. "Ich kenne das Dialoghaus sehr gut", sagt Bartke, "ich sitze im Beirat. Zu Anfang wurde es massiv von der Sozialbehörde unterstützt, ist dann aber auf eigene Füße gekommen – und ist wahrscheinlich die erfolgreichste Ausgründung, die wir je hatten. Sie haben 100.000 Besucher pro Jahr."

Bartke schildert begeistert seine eigene Erfahrung vom Gang durch den "Dialog im Dunkeln", wo "die Blinden die Sehenden sind und die Sehenden die Blinden". Die Ausstellung wird vor allem von Schulklassen besucht und die Schüler sind "noch zehn Jahre später nachhaltig beeindruckt", berichtet er. "Inklusiver geht's gar nicht. Die Blinden bekommen es hin, durch das Führen die Hemmschwelle gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen." Doch Schulklassen und Berührung sind zwei Stichworte, die sich gerade durch die Corona-Pandemie verbieten.

Bartke hofft auf Hilfe Anfang Mai

Freimütig erklärt Bartke, dass er selbst nicht gewusst habe, dass Sozialunternehmen nicht von KfW-gestützten Darlehen profitieren können. "Als ich das vor zwei Wochen zum ersten Mal gehört habe, habe ich das für einen Irrtum gehalten", sagt er. Und jeder, dem er davon erzählt habe, hätte gesagt, da müsse sich etwas ändern. Am 23. April habe Rolf Mützenich, Vorsitzender  der SPD-Bundestagsfraktion, dann in seiner Antwort auf die Regierungserklärung der Kanzlerin genau auf das Projekt "Dialog im Dunkeln" hingewiesen.

Nun sei er sehr optimistisch, sagt Bartke, dass Anfang Mai etwas passieren wird. Denn so viel sei klar: "Wenn die gemeinnützigen Unternehmen jetzt den Bach runtergehen, kriegen wir das nie wieder aufgebaut. Für den 'Dialog im Dunkeln' sind Blinde sogar extra nach Hamburg gezogen, der hat eine gewisse Magnetfunktion. Es darf nicht sein, dass die jetzt alle arbeitslos werden."

Wissenscommunity