Edeka "Heute müssen wir nicht Hungrige satt, sondern Satte hungrig machen"


Vom Sohn eines Schweinehändlers zum Chef des Lebensmittelriesen Edeka: Alfons Frenk über seinen harten Aufstieg, zu üppiges Arbeitslosengeld und die fatale Discountmentalität.

Herr Frenk, mussten Sie kämpfen für Ihre Karriere?

Ja. Heute sagen viele zur mir: Du hast es gut, du hast eine tolle Position und verdienst auch ordentlich. Aber neidisch muss keiner sein oder mir gar Missgunst entgegenbringen. Mein Berufsweg war harte Arbeit, Engagement, Leistung (haut auf den Tisch) und Leistungsdruck (haut wieder auf den Tisch) und psychische Belastung (schlägt erneut auf den Tisch). Vielleicht gepaart mit ein bisschen Denkvermögen.

Viele Topmanager kommen aus großbürgerlichen Familien, wurden schon mit dem Golfschläger in der Hand geboren. Was unterscheidet Sie von denen?

Mein Vater war Viehhändler. Als ich zehn Jahre war, wurde er erwerbsunfähig. Er war vom Typ her ein Schnelldenker und Versorger. Seine plötzliche Untätigkeit hat er nicht ausgehalten - ein paar Jahre später ist er gestorben. Als Unternehmer besaß er keine Versorgung, keine Alterssicherung, nichts. Wir waren sechs Kinder im Alter zwischen zwölf und zwei Jahren. Ich habe damals mit meiner Familie um das Überleben gekämpft, von einem Tag zum anderen. Ein Telefon konnten wir uns nicht leisten, also bin ich mit dem Fahrrad zu den Ferkelzüchtern, habe die Zahl der Tiere notiert und dann an Viehhändler weitergegeben. Dafür gab es dann eine Provision. Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Darum widerstrebt mir jede Art von Verschwendung.

Sie drehen auch heute jeden Cent mehrfach um?

Geizig bin ich nicht, um das deutlich zu sagen. Aber wenn ich auf Dienstreise gehe und ein belegtes Brot mitnehme von zu Hause ...

Ihre Frau macht Ihnen Schnittchen?

Ja, und wenn ich sie am ersten Tag nicht esse, dann eben am zweiten.

Sie können nichts wegschmeißen.

Das fällt mir schwer. Auch beim Geldausgeben bin ich vorsichtig.

Wie ist das bei Ihren Kindern?

Meine Kinder wurden in Verhältnissen groß, die ein ganz normaler Mitarbeiter auch bieten kann.

Kein Auto als Geschenk zum 18. Geburtstag?

Nein. Keines meiner drei Kinder hat ein Auto bekommen. Eines fährt einen 13 Jahre alten Wagen, das andere einen acht Jahre alten, und das dritte hat gar keinen. Dafür ermögliche ich ihnen eine exzellente Ausbildung. Wobei mein Jüngster eine Menge Geld verschlingt! Nach dem Betriebswirtschaftsstudium hat er die Aufnahmeprüfung bei der Berliner EAP bestanden, einer internationalen Managementhochschule. Zuerst ging's ein Jahr nach Turin, dann ein Jahr nach London und nun nach Paris. Diese Städte sind nicht gerade billig. Aber immerhin ist er für 350 Euro von London nach Paris umgezogen.

Wie das denn?

Mit dem Flugzeug. Es gibt im Internet Last-Minute-Angebote der Fluggesellschaften für Umzüge. Er hat seine Umzugskartons für 350 Euro von London nach Paris geschickt und ist dann selbst mit dem Zug hinterhergefahren, 2. Klasse. Das ist doch schön!

Sie haben erzählt, wie hart es Ihre Familie traf, als Ihr Vater nicht mehr arbeiten konnte. Fällt es Ihnen heute schwer, Leute zu entlassen, etwa bei den Spar- oder Marktkauf-Läden?

Mit Spar haben wir ein Unternehmen gekauft, es umstrukturiert und rund 1500 Arbeitsplätze abgebaut, aber mehrere Tausend gerettet. Die Alternative wäre die Insolvenz gewesen - mit dem Verlust aller Arbeitsplätze. Unternehmer müssen jeden Tag (schlägt auf den Tisch) um jeden Euro kämpfen, um im nationalen und internationalen Wettbewerb stärker zu werden. Wenn sie da die Zügel schleifen lassen, werden sie vielleicht kurzfristig für soziale Unternehmensführung gefeiert. Ihr Verhalten ist aber im höchsten Maße unsozial, weil es das Unternehmen in Gefahr bringt. Wir haben in der Edeka-Gruppe im vergangenen Jahr die Zahl der Mitarbeiter von 220000 auf 250000 gesteigert. Unternehmerische Tätigkeit ist das sozialste, was man sich denken kann.

Und das sagen Sie angesichts der Massenentlassungen bei VW, Allianz und Co.?

Es stehen keine qualifizierten Fachkräfte einfach so auf der Straße. Jemand, der seinen Beruf engagiert ausübt, sich fortbildet, mobil ist, engagiert ist, ganz egal, in welcher Branche, hat keine Arbeitsplatzsorgen.

Glauben Sie wirklich, dass die Leute, die Sie entlassen haben, wieder einen Arbeitsplatz finden, wenn sie nur mobil und flexibel genug sind?

Viele ehemalige Spar-Mitarbeiter sind inzwischen bei uns in Hamburg tätig. Das sind tolle Zugewinne für uns. Wir haben Bedarf an guten Mitarbeitern.

Wenn Sie Märkte schließen, dann hat eine 55-jährige Verkäuferin bei der Flaute auf unserem Arbeitsmarkt doch keine Chance mehr, eine Stelle zu bekommen.

Eine Verkäuferin im Einzelhandel ist von einem Tag zum anderen wieder im Job. Da gibt es überhaupt gar kein Arbeitsplatzproblem. Fleischfachverkäuferin, Käseverkäuferin oder Abteilungsleiterin Obst und Gemüse, das sind Mangelberufe. Wir können nicht mal alle freien Ausbildungsplätze besetzen.

Warum denn nicht?

Dem einen ist die Metzgerei zu nass, dem anderen die Bäckerei zu staubig. Außerdem muss man da ja so früh aufstehen! Das sind doch keine Argumente, um eine solide Ausbildung abzuschlagen. Wir sind viel zu bequem geworden in Deutschland. Wir sollten sehr vorsichtig sein bei unseren Ansprüchen an öffentliche Kassen. Weniger Arbeitslosengeld bedeutet auch weniger Arbeitslose.

Glauben Sie nicht, dass eine mittellose Mutter mit kleinen Kindern - so wie Ihre Mutter damals - vom Staat unterstützt werden sollte?

Die Gesellschaft muss stark genug sein, solche Extrem-fälle aufzufangen. Aber ich habe Ihnen beschrieben, dass dies in meinem persönlichen Beispiel nicht der Fall war.

Aber Sie haben doch Bafög bekommen, damit Sie studieren konnten, oder?

Ich habe Bafög bekommen, zwei Jahre lang - und dann war Schluss!

Was soll denn der 55-jährige gut ausgebildete arbeitslose Ingenieur tun, den niemand in deutschen Firmen mehr will? Bleibt dem nicht nur noch das soziale Netz?

Auch der gut ausgebildete Ingenieur muss sich fragen, ob er nicht eine Stufe zurückgeht und bereit ist, auch etwas anderes zu machen.

Würden Sie das auch tun? Würden Sie Grünanlagen harken?

Ich kann mich sicherlich über meine berufliche Laufbahn nicht beklagen. Da ist kein Knick drin. Aber ich habe in den Semesterferien Betonmischer gefahren. Wenn ich völlig mittellos wäre, würde ich wieder Lkw fahren oder auch Grünanlagen pflegen. Ich würde auch immer wieder umziehen für den Job.

Momentan pendeln Sie von Ihrem Büro in Hamburg zu Ihrem Haus in Osnabrück. Kauft der Edeka-Chef dort auch noch selbst ein?

Ich war zuletzt am Samstag einkaufen. Am liebsten gehe ich zu traditionellen Familienunternehmen, die ich schon lange kenne. Aus Solidarität. Für Schuhe habe ich zum Beispiel ein Fachgeschäft in Osnabrück.

Das klingt nicht so, als wären Sie der Typ, der gern zum Discounter geht. Seit letztem Jahr gehört zu Ihrer Unternehmensgruppe auch der Billigheimer Netto. Waren Sie da schon mal einkaufen?

ch habe bei Netto schon eingekauft.

Und was?

Waren rund um den Marktdurchgang. Im Trockensortimentsbereich. Ich war in der Obst- und Gemüseabteilung und am SB-Wurstregal.

Warum sind Sie überhaupt in das "Geiz ist geil"-Geschäft eingestiegen? Die Discounter galten doch immer als die Erzfeinde der feinen Edeka-Kaufleute?

Das Discountsegment wächst am stärksten in unserer Branche - in Zukunft werden rund die Hälfte der Einkäufe im Discounter getätigt werden. Wir waren bei diesem Boom bisher nicht dabei. Also blieb uns gar keine andere Wahl, als auch ins Discountgeschäft einzusteigen. Sonst können wir unsere Position als Nummer eins im deutschen Handel nicht halten.

Und jetzt sorgen Sie mit dafür, dass Lebensmittel immer billiger werden müssen und sich die Preisspirale nach unten immer schneller dreht.

Richtig. Mit allen Nachteilen. Wir haben zum Beispiel in einem Edeka-Fachmarkt bis zu 15000 Artikel, bei einem Discounter finden Sie nur 800 oder 1000 Artikel. Ein großes Sortiment kommt halt viel teurer. Wenn es immer mehr Discounter gibt, werden weniger Artikel in größeren Mengen produziert - mit der Folge, dass der Kunde weniger Auswahl an Waren hat und dass Produktionsbetriebe stillgelegt und Mitarbeiter freigestellt werden müssen. Das ist die Wahrheit.

Welche Einkaufstrends kommen noch auf uns zu?

Große Supermärkte mit riesigen Einkaufsflächen werden beliebter. Die Lebensmittelhändler müssen heute nicht mehr Hungrige satt machen, sondern Satte hungrig. Schön finde ich, dass Unternehmer, die in tolle Frischwarenabteile, in teure Ausstattung investieren, riesigen Erfolg haben.

Sie meinen Ihre Edel-Edekas?

Ja, wir haben zum Beispiel in Gladbeck solch ein Geschäft. Rundherum leben viele Arbeitslose. Dennoch ist die Bude voll - weil der Edeka eine riesige Magnetwirkung hat. Es gibt eben noch Menschen, die wollen mehr sehen und erleben als Kartons und Paletten.

Ist der Wunsch, möglichst billig zu kaufen, nicht verständlich? Ständig heißt es, die Deutschen sollen sparen für ihre Altersversorgung.

Das ist nicht verständlich. Das lässt sich nur durch unsere Kultur erklären und ist vielleicht immer noch eine Langzeitfolge der Entbehrungen in der Nachkriegszeit. Die Deutschen entscheiden zu oft nach dem Preis. Und dann erst kommt die Ware, die Qualität, die Frische. Wir richten unsere Wohnungen und Häuser mit teuren Küchen ein - und füllen die Kühlschränke am liebsten mit Schnäppchen! Die Franzosen, Spanier und Italiener, mit denen ich zu tun habe, schütteln nur den Kopf: Was ihr euch antut, wie ihr mit euch umgeht, das ist doch nicht normal! Essen und Trinken müssen doch Lebensfreude und Genuss vermitteln. Sparen ist ja gut - aber doch nicht beim Essen.

Können Sie Otto Endverbraucher erklären, wie die Ladenpreise entstehen?

Das entzieht sich völlig der eigenen Kalkulation. Was etwas kostet, entscheidet der Wettbewerb. Nehmen wir mal zum Beispiel den Kaffee "Jacobs Krönung": Wenn der bei der Konkurrenz für 3,99 Euro verkauft wird, glauben Sie, dass wir dann in der Lage sind, 4,10 Euro draufzuschreiben? Dass den dann noch irgendjemand bei uns kauft?

Der Verbraucher denkt ja, der Kaffee ist gerade teurer auf den Weltmärkten, dann wird er auch teurer im Geschäft.

Nein, der Preis ergibt sich aus der Wettbewerbssituation.

Aber Sie machen doch eine Mischkalkulation - also: Beim Kaffee verdiene ich kaum etwas, dann schlage ich bei der Banane noch was drauf.

Beim Obst- und Gemüsegeschäft können wir besser kalkulieren. Diese Waren werden nach Tagespreisen gehandelt.

Wissen Sie, was ein Kilo gute Äpfel kostet?

Da überfordern Sie mich jetzt. Milch wüsste ich, so 60 Cent der Liter. Aber Äpfel?

Drei Euro sind es. Sie haben also nicht alle Preise im Kopf?

Die Dinge, die mich erfreuen - Fahrrad fahren, Sauna, lesen -, kosten allesamt nicht viel. Und vielleicht ist das ja meine Form von Luxus oder auch Zeichen meines wachsenden Wohlstandes: dass ich irgendwann aufgehört habe, bei Lebensmitteln nach dem Preis zu gucken.

Interview: Rolf-Herbert Peters, Nikola Sellmair print

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