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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Nostalgie – ein Gefühl, das jeder zulassen sollte. Weil es hilft

Frank Behrendts Nostalgie-Zimmer mit den Träumen seiner Kindheit
Frank Behrendts Nostalgie-Zimmer mit den Träumen seiner Kindheit
© privat
Vergangenen Samstag brachte "Wetten, dass..?" ein fast vergessenes Gefühl zurück: Wie eine Welle schwappte es übers Land, wärmte wie ein Frottee-Schlafanzug aus Kindertagen, sorgte für feuchte Augen und Erinnerungen. Natürlich ätzte der Twitter-Chor der Empörungsgesellschaft reflexartig los. Aber es gab auch die anderen, die ein Faible für Nostalgie haben, so wie ich. 

Wenn wir früher auf einem Wort herumkauten, dann riet meine Mutter dazu, es mal im Duden nachzuschlagen. Mach ich auch heute noch, inzwischen allerdings digital. Ich wollte die Bedeutung von Nostalgie ergründen und erhielt sekundenschnell Antwort: "Vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert, deren Mode, Kunst, Musik o. Ä. man wieder belebt."

Nun bin ich keiner, der über die Gegenwart lamentiert, auch wenn mir vieles an ihr missfällt. Aber ich sehe als Daueroptimist, dessen Glas immer halbvoll und nie halb leer ist, nach wie vor viel Gutes und Schönes am Wegesrand und zuweilen auch auf den Hauptstraßen des Lebens. Dennoch reise ich in Gedanken oft zurück, nicht als Flucht, eher als Wellness-Trip. Auf den ging ich auch am Fernseher, als die vertraute Intro-Melodie von "Wetten dass..?" erklang. Lange hatte ich sie nicht mehr gehört, aber sofort wieder erkannt. 

Frank Behrendt: Der Guru der Gelassenheit

Frank Behrendt (58) gehört zu den bekanntesten Kommunikationsberatern Deutschlands. Der Absolvent der Deutschen Journalistenschule war Top-Manager in der Musikindustrie, beim Fernsehen und in großen Agenturen. Sein Buch "Liebe dein Leben und NICHT deinen Job" avancierte direkt nach Veröffentlichung zum Wirtschafts-Bestseller. Die Deutsche Public Relations Gesellschaft zeichnete den Mann, der immer gute Laune hat, als "PR-Kopf des Jahres" aus. Weitere Infos: www.frankzdeluxe.de Direkter Dialog: frankzdeluxe@gmail.com

14 Millionen Nostalgiker

Als der große herbstblonde Showmaster Gottschalk den Saal in gewohnter Manier in Beschlag nahm, waren seine ausgebreiteten Arme für mich die Einladung zu einer Umarmung. Für die Show, für ein Stück heile Welt, für die einst im Familienkreis erlebte Unterhaltung mit Salzstangen, Kinderschokolade und köstlicher Coke. Auf die Idee, am Retro-Aufguss herumzukritisieren käme ich nicht, es macht für mich keinen Sinn, denn die Show stammt aus einer anderen Zeit. Ich wollte nur das alte Erlebnis zurück und ich bekam das alte Erlebnis. Wer es nicht wollte, musste nicht einschalten. Fast 14 Millionen wollten es. 

Für mich ist "Wetten dass..?" einfach nur ein Erinnerungstrip. Dabei gehöre ich beileibe nicht zur "Früher war alles besser" Fraktion. Denn ehrlich gesagt war auch früher vieles gar nicht so toll. Nur baut un­ser Ge­dächt­nis ger­ne ei­nen schillernden Fil­ter ein – ne­ga­ti­ve Er­in­ne­run­gen wer­den aus­sor­tiert, po­si­ti­ve rutschen hoch und set­zen sich fest.Der Blick zu­rück ge­rät da­mit oft ro­sig und wächst sich bei vie­len, ge­ra­de in der emotional aufgeladenen Vorweih­nachts­zeit, zu ei­ner glöckchenklingenden Sehn­sucht aus: Nost­al­gie eben. 

Darüber kann man den Kopf schütteln und die Augen verdrehen, aber diese schokoladensüße Gefühlslage ist trotz leichter Vergangenheitsverklärung wich­ti­g für die Gleichgewichtswaage der Seele. Stu­di­en der Uni­ver­si­tä­ten von Sout­hamp­ton und Mis­sou­ri haben herausgefunden, dass ­nost­algische Feelings so­gar We­ge aus emo­tio­na­len Kri­sen aufzeigen kön­nen. Ge­dan­ken an Happiness-Mo­men­ts oder nachhaltig prägende Be­geg­nun­gen sind kostenlose Stimmungsaufheller, Angstvertreiber und versteckte Kraftquellen.

Zentralheizung für die Seele

Die Wissenschaftler haben durch Experimente nachgewiesen, dass sich die Testpersonen bei Beschäftigung mit positiv triggernden Erinnerungsankern deutlich ent­spann­ter verhielten und viel positiver in die Zukunft blickten, ganz egal, wie die sonstigen Rahmenbedingungen in Alltag und Welt auch waren. Nost­al­gie wirkt wie der Download ei­nes Kor­rekturprogramms, wenn es mal wieder im see­li­schen Ge­trie­be hakt. 

Die sentimental journey sorgt aber nicht nur für eine Neujustierung des aktuellen Gefühlshaushalts, sie wärmt sogar körperlich. Glaubt ihr nicht? Ist aber so: For­scherInnen der chi­ne­si­schen Sun-Yat­sen-Uni­ver­si­tät haben herausgefunden, dass es Probanden, die im Kopf in nost­al­gi­sche Er­in­ne­run­gen eintauchten, sofort wär­mer zumute wur­de. Ih­re To­le­ranz ge­gen­über Käl­te stieg, sie schätz­ten die Raum­tem­pe­ra­tur bis zu vier Grad hö­her ein, als sie es in Wirklichkeit war. Verrückt, aber real. Nost­al­gie wirkt am Ende wie ei­ne Art Zentralheizung für die See­le. 

Die In­dus­trie macht übrigens schon lange richtig gu­te Ge­schäf­te mit der Nost­al­gie. Der Trick ist schließlich auch zu verlockend: Die cleveren Marketingstrategen packen Kon­su­men­tInnen genau da, wo sie fast komplett wehr­los sind – bei ihrer Sen­ti­men­ta­li­tät. Wer von einem Schuss Wehmut ins nostalgisch schlagende Herz getroffen wird, zahlt gerne, weil er sich ein Stück ewige Ju­gend zurückkauft. "Ge­mein­sa­me Er­in­ne­run­gen sind der Kleb­stoff, der die fra­gi­le Ge­mein­schaft zu­sam­men­hält", schreibt der Au­tor Da­ni­el Ret­tig in sei­nem lesenswerten Buch "Die gu­ten al­ten Zei­ten – War­um Nost­al­gie uns glück­lich macht". 

Damit trifft er das überraschende Phänomen des jüngsten Erfolges des ZDF-Show-Klassikers rund um kindische Wetten und seicht auf einer großen Couch palavernde Promis sehr gut. Millionen waren gemeinsam in einer Zeitkapsel unterwegs und entflohen mal für dreieinhalb Stunden dem Alltag mit seinen meist unerfreulichen News rund um Coronazahlen, Klimakrise und Streitigkeiten in aller Welt. Aber so erfolgreich das "Wetten dass..?" Revival auch war, als monatliche Flashback-Droge taugt sie nicht. Einmal im Jahr in der Vorweihnachtszeit, wenn wir ohnehin mit einer anderen Milde gesegnet sind und empfänglicher für nostalgisches Licht sind, dagegen schon. Schaun wir mal, ob es so kommt.

Entzugserscheinungen werde ich bis dahin keine haben. Wenn ich einen Schuss Nostalgie brauche, gehe ich zu Hause einfach die Treppe runter in den Keller. Dort habe ich in einem Raum alles zusammengetragen, was mir in meiner Kinder- und Jugendzeit etwas bedeutet hat. Ein kurzer Blick in den Raum macht mich glücklich, deshalb schaue ich täglich mindestens einmal rein.

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