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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Warum Keith Haring an seinem Todestag in unserer Familie sehr lebendig ist

Der Vater von Frank Behrendt war Kunstlehrer und hatte eine Marotte: An den Todestagen der von ihm besonders geschätzten Künstler, hielt er seiner Familie beim Abendbrot stets einen Vortrag über die kreativen Genies. Heute wäre ein unvergessener Graffiti-Star dran gewesen.

Ausschnitt aus Keith Harings Wandbild "We The Youth"

Ausschnitt aus Keith Harings Wandbild "We The Youth"

Picture Alliance

Als meine Mutter kürzlich anrief, erinnerte sie mich an einen Besuch meines verstorbenen Vaters in den 90er Jahren in Düsseldorf. Ich arbeitete dort bei einer Verkaufsförderungsagentur, die zum weltweiten Werbenetzwerk BBDO gehörte. In deren imposantem Foyer an der prächtigen Königsallee hing ein riesiges buntes Wandbild, das meinen Vater seinerzeit schwer begeisterte. Der amerikanische Künstler Keith Haring hatte es 1987 vor Ort erschaffen und es zog jeden Besucher beim Betreten der Agentur sofort in seinen Bann. "Kunst ist für jeden", hatte Haring einst gesagt.

Dieser Spruch wurde später von meinem Vater oft bei Ausstellungseröffnungen zitiert. Er avancierte sogar zu seiner persönlichen Key-Message, wenn er wieder einmal mit missionarischem Eifer versuchte, zweifelnde Besucher für die Kunst zu interessieren.

Keith Haring, der in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden wäre, hatte seine künstlerische Karriere mit weißen Kreidezeichnungen auf unvermieteten schwarzen Werbetafeln in New Yorker U-Bahnhöfen begonnen. Das war zwar nicht erlaubt, aber den jungen Künstler scherte das wenig. Im Gegenteil. Ihn faszinierte die Möglichkeit, auf diese Art und Weise Menschen zu erreichen, die wohl sonst nie ein Museum oder eine Galerie betreten hätten. Die Reisenden waren begeistert von den krabbelnden Babys und japsenden Hunden an den Wänden. Auch die Kunstszene wurde auf den Mann mit dem unverwechselbaren Stil aufmerksam, er wurde einer ihrer Pop-Stars.

Zu verdanken, so berichtete der Gefeierte später, hätte er sein Können vor allem seinem Vater. Dieser wollte, dass sein Sohn keine Comicfiguren abzeichnete, sondern lieber eigene entwickelte. Das tat er dann auch. Das "Radiant-Baby", ein Strichmännchen auf allen Vieren, umgeben von einem Strahlenkranz, eroberte die Welt. Seine unverwechselbaren bunten Graffiti-Figuren, schafften es ebenso simpel wie genial Lebensfreude zu vermitteln und trafen damit das Lebensgefühl der 80er. 1988 erkrankte Haring an Aids. Er revolutionierte die Gegenwartskunst in nur einer Dekade und starb heute vor 28 Jahren mit 31 Jahren an seiner HIV Infektion.

Als ich einmal zweifelte, ob ich ein neues Job-Angebot annehmen sollte, schickte mir mein Vater ein wunderbares Zitat des unvergessenen Kunstgenies. Ich habe es seinerzeit beherzigt, nie bereut und werde es auch meinen eigenen Kindern als motivierenden Leitspruch mit auf den Weg geben: "Nichts ist so erfrischend, wie ein beherzter Sprung über die eigenen Grenzen."