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Gehälter: Was zahlt der Staat?

Nur im Öffentlichen Dienst sind die Jobs noch sicher. Eine verlockende Perspektive für viele junge Leute.

Eigentlich, findet Nicole Schalk, passe sie gar nicht in den öffentlichen Dienst. Die Informatikerin beschreibt sich selbst als "sehr quirlig und offen". "Mit meiner Art renne ich hier oft gegen Mauern, weil ich ausspreche, was schief läuft", sagt sie. Nicole Schalk arbeitet beim landeseigenen Betrieb für Informationstechnologie Bremerhaven. Sie verdient 2790 Euro brutto im Monat (netto, nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben: 1.500 Euro). Inklusive Urlaubsgeld und allen Zulagen kommt die Informatikerin auf ein Jahreseinkommen von 36.500 Euro - brutto (netto: 19.000 Euro). Damit verdiene sie zwar weniger als mit einer vergleichbaren Aufgabe in der freien Wirtschaft, aber "mein Job ist sicher", sagt sie.

Nicole Schalk ist eine von 50 Beamten, Angestellten und Arbeitern im öffentlichen Dienst, die bei einer Umfrage des stern-Sonderheftes Campus&Karriere ihr Einkommen offen gelegt haben.

Regelmäßig mehr Gehalt, sicherer Job, geregelte Arbeitszeiten - noch nie erschien der Job beim Staat so verlockend wie heute, und das Interesse wächst. "Der öffentliche Dienst kann seine Anforderungen hochschrauben, weil es genügend Bewerber gibt", sagt Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn. Juristen, die Staatsanwalt oder Richter werden wollen, brauchen inzwischen zwei Prädikatsexamen. Auch der Beruf des Lehrers wird wieder attraktiv: Von den 12.000 Bewerbungen auf freie Lehramtsstellen in Niedersachsen kamen ein Viertel von Quereinsteigern aus anderen Berufen.

Seit Jahren baut der Staat Personal ab

Doch auch im Öffentlichen Dienst wird gestrichen und gespart - wie sich am Rückgang der Stellenangebote zeigt: Von Januar bis Juli sank die Zahl der offenen Stellen im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres um 42 Prozent, so das Ergebnis einer Untersuchung von Personaldienstleister Adecco. Seit Jahren baut der Staat beim Personal ab: Waren 1991 noch 6,7 Millionen Angestellte, Arbeiter und Beamte im öffentlichen Dienst beschäftigt, sind es heute noch 4,8 Millionen. Im nächsten Jahr erhalten die knapp 1,7 Millionen Beamten in den meisten Bundesländern 30 Prozent weniger Weihnachtsgeld (statt bisher 86 Prozent dann 60 Prozent eines Monatsgehalts), und das Urlaubsgeld wird in den meisten Bundesländern ganz gestrichen. Automatisch steigende Gehälter, kostenlose Altersvorsorge, Zulagen für Ehepartner und Kinder - mit alldem soll nach dem Willen der Regierungskommission zur Reform des öffentlichen Dienstes von Nordrhein-Westfalen in Zukunft Schluss sein. Denn, so ihr niederschmetterndes Fazit: "Die deutsche öffentliche Verwaltung wird den aktuellen Herausforderungen nicht gerecht. Sie erbringt ihre Leistungen für die Gesellschaft nicht in der nötigen und möglichen Qualität. Sie arbeitet zu stark regel- und zu wenig ergebnisorientiert." In Zukunft soll sich das Gehalt nach der Leistung richten. "Dann könnte der Staat viel Geld sparen", findet Informatikerin Nicole Schalk. "In den meisten Bereichen sollte man das Beamtentum abschaffen", sagt sie. "Warum muss zum Beispiel ein Lehrer oder Müllmann verbeamtet werden?" Beamte solle es nur noch bei der Polizei, der Justiz, den Streitkräften und in der Finanzverwaltung geben.

Die Chancen für Reformen stehen gut: Denn nach den Einstiegswellen in den 60er und 70er Jahren gehen bis 2008 fast ein Drittel aller Staatsdiener in Pension oder Rente - und mit ihnen geht vielleicht auch das alte Denken. Bessere Aussichten für junge Leute? Christian Burgwinkel, 29, Steuerinspektor in Köln, sagt: "Dieses Von-oben-Herab, wie es das früher einmal gab, gibt es nicht mehr."

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Catrin Boldebuck / print