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Glosse: Wer will neuer Bahnchef werden?

Sie sind durchsetzungsfähig, dynamisch und auch ein bisschen diplomatisch? Sie haben keine Scheu, einen großen Staatskonzern zu leiten? Dann bewerben Sie sich doch als neuer Bahnchef! Eine Stellenausschreibung.

Von Axel Hildebrand

Wir sind:

Kennen Sie Deutschlands größten Change-Prozess? Er findet gerade bei der Bahn statt. Wenn Sie daran mitarbeiten wollen, bieten wir Ihnen jede Menge herausfordernde Aufgaben. Und zwar vom ersten Tag an. So steht das auf unserer Homepage. Und das meinen wir auch so.

Wir sind eines des führenden Mobilitäts- und Logistikunternehmen weltweit - und im Staatsbesitz. Das heißt: Agieren wie ein Privater, aber bitte zum Wohle der Allgemeinheit. Da heißt es: Geschickt in der Öffentlichkeit agieren und im Zweifel: Finger weg von der Ticketgebühr! Am besten die Fahrpreise immer senken.

Ist ja kein Kleinschiff hier. Jeden Tag sind 27.000 Züge unter dem Logo der Bahn unterwegs. 240.000 Beschäftigte haben wir, verteilt auf 1500 Standorte in 150 Ländern. 179 Speisewagen sind noch im Betrieb und 76 Schlafwagen. 5700 Bahnhöfe gibt es in Deutschland und wenn in Klixbüll bei Klanxbüll der Fahrkartenautomat nicht funktioniert sind Sie im Zweifel verantwortlich. Das gleich vorab.

Sie bekommen ein Büro im 25. Stock des Bahn-Tower, zentrale Berliner Lage am Potsdamer Platz. Sie blicken über die Hauptstadt und für das Kanzleramt müssen Sie den Blick senken. Sie sind der König auf Schienen.

Auf unserer Homepage heißt es nicht umsonst: "Ein Einstieg ist die ideale Gelegenheit für alle, die weiter durchstarten wollen. Die vielfältigen Aufgaben schaffen die besten Bedingungen für ein spannendes Arbeitsleben."

Interessiert?

Zum nächstmöglichen Zeitpunkt suchen wir in Vollzeit einen

Vorsitzenden des Vorstands der Deutschen Bahn AG

Die Stelle ist nicht bis zur Bundestagswahl befristet!

Ihre Aufgaben:

Bei unserem Vorstandsposten haben sie die Wahl: Entweder ist das der Höhepunkt ihrer Karriere und sie gehen nach ein paar Jahren in den Ruhestand. Oder sie werden zum Buhmann dieser Republik, verantwortlich für jedes verstopfte Klosett zwischen Wanne-Eickel und Bischofswerda. Denken Sie dran: Jede verpasste "Tatort"-Folge im Zuge einer Zugverspätung behält ein Reisender auf Lebzeiten im Gedächtnis, den pünktlichen Zug zur Arbeit dagegen nicht.

Von einem exzellenten persönlichen und fachlichen Netzwerk (Kanzleramt! Verkehrsministerium!) gehen wir aus. Haben Sie keine Scheu, auf die Mächtigen zuzugehen. Aber bitte: Beschimpfen Sie keine Bundestagsabgeordneten als "so genannte Verkehrsexperten". Das rächt sich. Grundsätzlich gilt: Nutzen Sie die Möglichkeiten in einem wachsenden Unternehmen.

Dafür müssen Sie von Anfang an Druck auf die Schiene bringen. Die Bahn steckt mitten in der Wirtschaftskrise und es ist nicht auszuschließen, dass daraus erhebliche Belastungen für den DB-Konzern entstehen. Die Rezession trifft den Konzern "hart", sagte ihr Vorgänger, bevor er vom Eigentümer rausgeschmissen wurde.

Besonders gravierend sind die Auftragseinbrüche im Güterverkehr. Während die Bahn 2008 noch auf der Suche nach Güterwagen war, stehen heute 35.000 Wagen still. Das bitte ändern.

Kümmern Sie sich bei der Gelegenheit auch um die Achsen der Züge. Zur Erinnerung: Im Juli 2008 war ein ICE nach der Ausfahrt aus dem Kölner Hauptbahnhof aus dem Gleis gelaufen, weil eine Radsatzwelle gebrochen war. Hier bitte regelmäßigere Kontrollen anstoßen. Auf Bilder eines Zuges neben den Schienen können wir in Zukunft verzichten.

Seien Sie ein Diplomat! Einen poltrigen Kleinkrieg mit einem Vorsitzenden der Lokführergewerkschaft gilt es zu vermeiden. Tarifkonflikte mit der GDL bitte zügig bereinigen. Grundsätzlich sollten die Lokführer natürlich nach Ihrer Pfeife tanzen (gibt´s z.B. im Bahn-Shop: "Schlüsselanhänger Pfeife, aktuelles Design, kombiniert mit einem bahntypischen Geräusch", 5,50 Euro). Aber bitte: Streiks erstmal vermeiden. Unter uns: Die Bahnen kommen oft genug zu spät.

Eine grundsätzliche Affinität zu den Finanzmärkten kann nicht schaden. Seien Sie offen für Neues! Zwar mussten wir den Börsengang aus temporärer Erwägungen (s.o.) erst einmal verschieben: Aber wenn die Wogen geglättet sind und FDP und Union eine Regierung bilden, wird das sicher wieder ein Thema.

Wir erwarten:

Erfahrung in der zielorientierten Mitarbeiterführung; Bereitschaft zur Projektumsetzung; hohe Verantwortungsbereitschaft, Durchsetzungsfähigkeit und Konfliktfähigkeit. So steht das auf unserer Homepage, und so ist das auch gemeint.

Sie müssen zwar keine Märklin-Modellbahnen im Keller gehortet haben, aber ein gewisser Stallgeruch ist sicher von Vorteil. Greifen Sie doch vor dem Vorstellungsgespräch mal im örtlichen Bahnshop beherzt zu. Und dann: den USB-Stick im ICE-Design am Gürtel? Die klassische Bahnhofsuhr am Handgelenk? ("Präzision mit Quarzuhrwerk im traditionellen Look", 51,50 Euro). Schon klappt´s mit dem Bordpersonal!

Was nun wirklich auch nicht schlecht wäre: eine erhöhte Sensibilität beim Themenkomplex "Datenschutz". Auch wir wissen: Die Bahn ist anfällig für Korruption. Schließlich vergeben wir jährlich Aufträge im zweistelligen Milliardenbereich. Besonders Großprojekte und langfristige Investitionen sind gefährdet. Aber: bitte keine massenhafte Datenabgleiche mehr. Kein grundsätzliches Misstrauen gegenüber jedem Beschäftigten. Kein System, in dem Kritiker in Angst leben müssen. Ein modernes Unternehmen ist das Ziel. Wobei das nicht mit der massenhaften Errichtung von Ticket-Schaltern für erlesene "Bahn-Comfort"-Kunden zu verwechseln ist, an die sich eine Handvoll verirren, während sich vor den normalen Schaltern s-förmige Schlangen bilden.

Unser Angebot:

Anspruchsvolle, herausfordernde, abwechslungsreiche, vielseitige und verantwortungsvolle Tätigkeit in einem Verkehrsunternehmen mit einem breiten Leistungsspektrum. Selbstständiges Arbeiten bei übertariflicher Bezahlung. Eine Bahncard 100 1. Klasse? Geschenkt!

Ihre aussagefähigen Bewerbungsunterlagen mailen Sie bitte zügigst, denn die Zeit drängt. An:

Angela Merkel
Kanzleramt
Willy-Brandt-Str. 1
10557 Berlin

Frank-Walter Steinmeier
Willy-Brandt-Haus
Wilhelmstraße 140 / Stresemannstraße 28
10963 Berlin-Kreuzberg

Auch hier will man das Gefühl haben, beteiligt zu sein:
Wolfgang Tiefensee
Bundesministerium für Verkehr
Invalidenstraße 44
10115 Berlin