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Kategorie Aufsteiger: Reine Oberflächlichkeiten

Viele Unternehmen verbessern mit Hilfe der Nanotechnologie ihre Produkte. Die Nanogate AG verbessert auch noch die Herstellungsprozesse ihrer Kunden.

Von Philipp Eins

Auf dem Labortisch liegen Textilproben aus schwarzem Leder neben Pipetten und wissenschaftlichen Messinstrumenten. Popstar Madonna singt blechern aus einem Weckerradio, die Musik überspielt akademische Nüchternheit. Über 100 Flaschen stehen im Holzregal hinter dem gekachelten Tisch, mit chemischen Formeln auf vergilbten Etiketten. Ein einziges Buchstabengewirr. "Schreiben Sie bloß nichts davon ab", sagt Ralf-Michael Zastrau, Geschäftsführer der Firma Nanogate, der das Labor gehört. "Das ist unser Geschäftsgeheimnis." Der 41-jährige Kaufmann und Informatiker senkt die Stimme und rückt etwas näher, als verrate er einen Zaubertrick. "Wir beschichten Textilen mit chemischen Nano-Substanzen, die Oberfläche wird beständig gegen Schmutz und Feuchtigkeit." Zastrau zeigt auf einen Beistelltisch, Flaschen mit Ketschup, Wein, Senf und Cola stehen darauf. "Die Materialien werden dann getestet. Unter realen Bedingungen, wie bei Ihnen zu hause."

Auf dem 4000 Quadratmeter großen Gelände am Stadtrand von Saarbrücken werden die unterschiedlichsten Produkte mit chemischer Nanotechnologie behandelt. Die Wissenschaftler verbessern in ihren Labors zum Beispiel eine Spezialbeschichtung auf Windschutzscheiben von Autos auf. Regentropfen perlen danach an der glatten Oberfläche ab, ohne Hilfe von Scheibenwischern. "Unsere Produkte werden sicherlich keinen Nobelpreis gewinnen, haben aber einen hohen Nutzwert", sagt Zastrau. Daran ist auch die Industrie interessiert: Bis zu 1000 Aufträge erhält Nanogate pro Jahr. "Besonders interessant ist unser Angebot derzeit für Autohersteller." Durch eine Behandlung der Motoren mit Nanotechnologie können die Fahrzeuge effizienter laufen, da Ventile nicht mehr so leicht verkleben. "Eine Schmutz abweisende Beschichtung, die auch hohen Temperaturen standhält, konnten wir nur mit Hilfe der Nanotechnologie entwickeln."

Ein Haar, 50.000 Mal gespalten

Was aber ist Nanotechnologie? "Wenn Sie durch ein wissenschaftliches Mikroskop sehen, blicken Sie direkt in die Welt der Nanowissenschaft", erklärt Zastrau. Seit 15 Jahren ist es möglich, durch Mikroskope sogar einzelne Atome sichtbar zu machen. "Wir sprechen hier über Größenordnungen im Nanometer-Bereich. Diese Einheit bekommen Sie, wenn Sie ein menschliches Haar 50.000 Mal spalten." Im Labor können Zastrau und seine Wissenschaftler Materialen in einer Dimension behandeln, die dem menschlichen Auge verschlossen bleibt. "Wasserdichte Kleidung, die trotzdem luftdurchlässig ist - um solche Kundenwünsche zu erfüllen, müssen wir molekularer Ebene forschen." Zastrau spricht, als stände er selbst hinter dem Mikroskop. In Wirklichkeit kümmert sich der gelernte Industriekaufmann und Betriebswirt, der mit 15 Jahren seine erste eigene Firma für IT-Beratung gründete, um das ökonomischen Standbein von Nanogate. Nicht die Entwicklung ist seine Stärke, sondern die Vision dahinter.

Ein Grundsatz von Nanogate ist, dass die Firma keine eigenen Produkte herstellt. "Wir behandeln ausschließlich industrielle Erzeugnisse, die schon auf dem Markt sind", sagt Zastrau. In den ersten Jahren mussten daher für jedes Bauteil, das in den Labors behandelt wurde, neue Geräte entwickelt werden. "Inzwischen können wir auf Plattformen und Schablonen zurückgreifen. Für den Kunden ist das ein Zeit- und Preisvorteil." Dass die Industrie eigene Abteilungen einführt, die Nanoforschung betreiben, hält Zastrau für unwahrscheinlich. "Das ist wie mit Software und Computertechnologie. Als Industrieller kommen Sie auch nicht auf die Idee, Ihre eigenen Programme zu schreiben. Sie wollen produzieren." Momentan ist die Nanotechnologie noch ein Nischenprodukt. Doch der Markt wächst. "Und der globale Wettbewerb beginnt jetzt", so Zastrau.