HOME

Kampf um Service-Geld: Kellner laufen Sturm - Harrods kassiert ihr Trinkgeld ein

Das Trinkgeld bekommen die Kellner? Das denken Sie. Ein Protest in London zeigt, dass Firmen wie Harrods den Angestellten das Geld einfach wieder abnehmen.

Die Arbeit in der Gastronomie ist anstrengend und wird meist schlecht bezahlt.

Die Arbeit in der Gastronomie ist anstrengend und wird meist schlecht bezahlt.

Geben Sie Trinkgeld? Ja? Dann wird Sie diese Nachricht vermutlich richtig wütend machen: In den Cafés und Restaurant von Londons Luxuskaufhaus Harrods nehmen die Eigentümer aus Katar den Kellern das Trinkgeld nämlich wieder weg.  Genau genommen behalten sie etwa 75 Prozent ein. Gibt der Kunde der Servicekraft 5 Pfund obendrauf, freuen sich die Scheichs über 3,75 Pfund Mehreinnahmen.

Kunden wussten nichts

Die Kunden sollen von der Masche natürlich nichts bekommen. Erst eine Protestaktion der Angestellten brachte diese Praxis ans Licht. Ihre Gewerkschaft meint, dass jedem der 483 Servicekräfte so bis zu 5000 Pfund im Jahr entgehen. Eine Frau griff bei dem Protest zu einem kleinen Trick. Lisa Mckenzie versteckte 500 kleine Zettel in den Waren von Harrods. Auf jeden einzelnen hatte sie Folgendes geschrieben: "Harrods zweigt 75 Prozent des Trinkgelds der Restaurantangestellten ab!!! Das Trinkgeld ist für die Kellner und NICHT für die Herrscherfamilie von Katar  gedacht! Hört auf eure Angestellten zu bestehlen!!!"


Wie funktioniert das Harrodssystem?

Das Trinkgeld bei Harrods ist nicht freiwillig - auf jede Rechnung wird eine Service-Pauschale  aufgeschlagen. Das Geld wandert dann automatisch in einen großen Topf. So ein System ist weder unüblich, noch unethisch. Es dient dazu, dass alle Angestellten eines Restaurants von dem Trinkgeld profitieren und nicht nur die Handvoll Kellner, die die Rechnung überreichen.

Abstimmung

Was sagen Sie dazu, wenn Firmen das Trinkgeld einbehalten?

Der große Trinkgeld-Topf weckt aber Begehrlichkeiten - nicht nur bei Harrods. Immer wieder gibt es Klagen, dass zu wenig Geld am Ende bei den einfachen Angestellten wie den Kellner ankomme. Häufig kommt es vor, dass die Gutverdiener besonders viel Trinkgeld zugeteilt bekommen. 

Erst kürzlich musste der in Britannien bekannte TV-Koch Michel Roux Jr. zugeben, dass er in seinem Restaurant Le Gavroche die Trinkgeldpauschale nicht an die Angestellten weitergibt, sondern das Geld einfach als Einnahme verbucht. Nach einem Sturm der Entrüstung musste er versprechen, bis Ende Januar ein neues, faires System einzuführen.

Hohe Lebenskosten in London

Gewerkschaftssekretär Petros Elia, sagte bei dem Protest vor Harrods: "Die Kunden erwarten, dass die Servicegebühr den Angestellten zugutekommt und so soll es auch sein. Wenn Harrods meint, einen Teil einbehalten zu müssen, muss erklärt werden, wofür das Geld verwendet wird." Elia fürchtet auch, dass das wenige Geld, was ausgeschüttet wird, nicht fair verteilt wird, sondern die Zuteilung vom Gutdünken der Vorgesetzten abhängt. "Dieses willkürliche System gibt der Firma sehr viel Macht über die Angestellten. Mit einem Kellnergehalt kann man in London nicht überleben, Kellner sind wirklich auf das Trinkgeld angewiesen."

Der Prostest hat offenbar Wirkung bei Harrods gezeigt, auch dort will man das bisherige System nun gründlich überarbeiten.

kra
Themen in diesem Artikel