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Kommentar: Recht auf Urlaub?

Auf Urlaub verzichten, um für die Rente vorzusorgen? Der Vorschlag von Finanzminister Steinbrück sorgt auch in unserer Redaktion für Kontroversen. "Stimmt", meint stern-Redakteurin Elke Schulze, "ich lebe jetzt", sagt stern.de-Redakteur Jens Maier.

Pro

"Er hat doch Recht"

Von Elke Schulze

Unter dieser Koalition scheint alles möglich: Die Mehrwertsteuer wird drastisch erhöht, die Krankenversicherung vermutlich teurer. Und jetzt soll der Bürger auch noch auf sein Liebstes verzichten: Auf die Wochen mit Goldrand im Jahr, die ihn seine finanziellen Sorgen vergessen lassen, seinen Urlaub. Eine Schreckensforderung, die Bundesfinanzminister Steinbrück nur noch dadurch toppen könnte, dass er mit sofortiger Wirkung die PKW-Maut auf deutschen Autobahnen einführt. Das erzürnte Volk schreit auf.

Aber was soll man sagen: Der Mann hat Recht. Natürlich werden wir künftig weniger Geld zur Verfügung haben. Seit der Amtszeit der rot-grünen Regierung wird es uns gebetsmühlenartig eingetrichtert: Die fetten Jahre sind vorbei.

Wer nicht spart, der konsumiert

Wir müssen stärker fürs Alter vorsorgen. Gerade wurde vermeldet, dass die Abschlusszahlen der Riester-Rente steil ansteigen, die Rürup-Rente ist da, wir sparen doch schon. Bestellen das Feld, damit wir auch im Winter nicht hungern müssen. Wir sind ein Volk von Ameisen geworden. Der Not gehorchend.

Die Volkswirtschaft erklärt es so: Wer nicht spart, der konsumiert, ein Haushalt kann nichts anderes. Wer fürs Alter eine Lebensversicherung abgeschlossen hat oder über seinen Arbeitgeber eine Direktversicherung, damit er später mehr hat, der konsumiert heute weniger und spart dafür.

Übel liegt tiefer

Und es wird noch schlimmer kommen: Die Pflegeversicherung steht vor großen Problemen, wir werden immer älter und haben immer weniger Kinder, die für uns sorgen. Man kann es manchmal nicht mehr hören.

Deshalb sind Verzichtsäußerungen von Politikern, die sich gerade im hoffentlich verdienten Sommerurlaub befinden, überflüssig wie eine Baustelle vorm Hotel. Unsere Probleme heute liegen tiefer, im Versagen Kohlscher Arbeits-und Sozialpolitik der 80er Jahre begründet. Leider sind die Schuldigen nicht mehr haftbar zu machen. Besser wäre das, zumindest für die Moral.

Griff in die Trickkiste

Einem Unternehmer, der in seinem Betrieb nötige Rückstellungen über Jahre wissentlich vernachlässigt, hätte sich mit einer solchen Unternehmensführung eines verschleppten Konkurses schuldig gemacht.

Nun baden wir aus, was die Generation vor uns versäumt hat. Das ist es doch, was Steinbrück eigentlich sagt. Nur damit die Wellen über seine Äußerung möglichst hoch schlagen, vergreift er sich an einem explosiven Aufhänger. Als traditionell unliebsame Überraschungen verkündender Finanzminister greift er tief in die Trickkiste, um für Schlagzeilen zusorgen.

Bitte kein billiger Populismus

Lächerlich ist nur, wie die CSU-Politiker auf den Zug aufspringen, um das Thema für eigene Belange zu nutzen. So fordert CSU-Wirtschaftsexperte Hans Michelbach gleich die Streichung von Urlaubstagen. Anstatt solche Forderungen zu stellen, sollte er lieber damit anfangen, in Bayern ein paar der Feiertage zu streichen, die in anderen Bundesländern ohnehin unbekannt sind. Die volkswirtschaftlichen Aspekte solcher Aktionen werden seit Jahren immer mal wieder diskutiert ("entlastet die Wirtschaft, sichert Arbeitsplätze"), das Resultat der Debatte ist immer gleich: Selbst wenn Weihnachten und Ostern beide auf ein Wochenende fallen, wirkt sich das nicht aufs Bruttosozialprodukt aus.

Deshalb, lieber Herr Steinbrück, Sie haben ja Recht, aber ersparen Sie uns diesen billigen Populismus und damit die üblichen absurden Forderungen der "Sich-zu-Wort-Melder".

Kontra

Reisende soll man nicht aufhalten

Von Jens Maier

Wenn es nach unserem Finanzminister ginge, müsste ich meinen lang geplanten New-York-Urlaub absagen. Ich müsste auf den Besuch der "Zauberflöte" in der Metropolitan-Opera, das Dinner im In-Restaurant "Tao" und eine ausgiebige Shopping-Tour mit meiner New Yorker Freundin verzichten. Ich werde im September trotzdem fliegen - für ganze drei Wochen. Raus aus dem Arbeitsalltag - hinein ins Vergnügen. Und vermutlich werde ich viel zu viel Geld ausgeben und die Kreditkarte bis zum Limit belasten. Unvernünftig würde Herr Steinbrück das wohl nennen, wo das Geld doch so viel besser in meiner Altersvorsorge angelegt wäre.

Und er hat sicher Recht. Doch wenn es danach ginge, dürfte ich mir auch keine teuren Klamotten kaufen, dürfte nicht mit Freunden abends Essen gehen und hätte auch sonst nicht viel Spaß im Leben. Das mag ignorant und überheblich klingen, sicherlich weil ich mir eine Altersvorsorge und einen Urlaub leisten kann. Urlaub darf aber nicht - wie früher - zum Privileg einer Elite werden. Für meine Großeltern war es noch vor 40 Jahren unvorstellbar, für mehrere Wochen ins Ausland zu fahren. Ganz einfach aus dem Grund, weil sie es sich nicht leisten konnten. Dank Massentourismus und Billigfliegern ist das Reisen mittlerweile für Kleinverdiener erschwinglich geworden. Einen kleinen Urlaub im Jahr kann sich fast jeder leisten. Und darauf soll Otto-Normal-Verdiener jetzt verzichten?

Urlaub erweitert den Horizont

Die schönsten Wochen des Jahres sollte man jedem Bürger gönnen und nicht vermiesen. Urlaub bedeutet Erholung. Im Übrigen gehört der Tourismus mit über sieben Prozent Anteil an der Bruttowertschöpfung zu den größten Wirtschaftsbereichen Deutschlands. Und reden wir nicht die ganze Zeit darüber, dass die Binnenkonjunktur in Deutschland schwächelt? Wenn keiner mehr in Urlaub fährt, wird's sicher nicht besser.

Und Urlaub erweitert den Horizont. "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen" sagt schon Goethe in Wilhelm Meisters Lehrjahre. Die Erfahrungen, die ich auf Reisen gemacht, die vielen Freunde, die ich auf der ganzen Welt kennen gelernt habe, kann mir keine Altersvorsorge ersetzen.

Sicherlich ist eine private Altersvorsorge richtig und wichtig - aber alles in Maßen. Urlaub oder Altervorsorge ist keine Frage des Entweder oder. Wer sein ganzes Leben aber darauf ausrichtet, es im Alter gut zu haben, der hat nicht gelebt. Das wäre genau so bescheuert, als würde man vor Angst vom Auto überfahren zu werden, nur noch zu Hause bleiben.

"Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist." (Jean Paul)

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