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Pflegenotstand in UK: "Ich habe es nicht mehr ausgehalten" – Krankenpflegerin räumt jetzt lieber Lidl-Regale ein

Das Gesundheitswesen in Großbritannien hat ein Problem: Es fehlen 40.000 Leute im Pflegebereich. Viele geben ihren Beruf auf und arbeiten lieber im Supermarkt. Das bedeutet mehr Gehalt, mehr Freizeit und weniger Stress.

Eine junge Frau räumt ein Supermarkt-Regal ein

Bessere Abeitsbedingungen und -zeiten, mehr Gehalt und Freizeit: In Großbritannien geben Krankenpflegerinnen ihren Beruf auf, weil die Konditionen schlechter sind als bei einem ungelernten Job im Supermarkt (Symbolbild)

Getty Images

Der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) in Großbritannien bekommt bereits die Auswirkungen des Brexit zu spüren: Das britische Pfund ist gefallen und macht es dadurch für ausländische Ärzte und Schwestern weniger attraktiv, in das Vereinigte Königreich einzuwandern. Bereits im vergangenen Jahr warnten die NHS-Verantwortlichen, dass das Gesundheitswesen inzwischen so unterbesetzt sei, dass die Sicherheit der Patienten in Gefahr gerate. Der NHS Vorstandsvorsitzende Chris Hopson kommentierte: "Jahre der Lohnzurückhaltung und aufreibende Arbeitsbedingungen fordern ihren Tribut. Das Gehalt ist nicht mehr konkurrenzfähig. Eine erhebliche Anzahl von Stiftungen berichtet, dass die niedrigen Einkommensgruppen der Belegschaft im Gesundheitswesen abwandern und lieber Supermarkt-Regale einräumen als weiter für die NHS zu arbeiten." 

Dem "The London Economic" erzählte eine Krankenpflegerin, was sie dazu gebracht hat, ihren Traumberuf aufzugeben. Ihre persönliche Entscheidung steht für viele Betroffene im Land. Die 28-jährige Catherine* schildert ihre Situation eindrücklich: "Seit ich ein Kind war, wollte ich Krankenschwester sein und dabei helfen, Menschen zu pflegen", erinnert sich die Britin. "Direkt nach der Schule bin ich in die Pflege gegangen. Ich wusste, dass das nicht der bestbezahlte Beruf ist, aber ich dachte, es wäre sinnvoll und ich könnte etwas bewegen."

Von Idealen kann man nicht leben

Dann kam die Realität dazwischen. "Leider kam ich irgendwann der Punkt, dass ich einfach nicht mehr konnte", beginnt Catherine die Geschichte ihres Ausstiegs. "Viele meiner Kollegen gaben ihren Beruf auf, gingen in ihre Heimatländer zurück oder wechselten in private Pflegeunternehmen. Es gab nicht genug Krankenschwestern auf der Station, sodass wir unsere Arbeit nicht besonders gut machen konnten. Die Patienten beschwerten sich den ganzen Tag, dass sie nicht die Aufmerksamkeit bekämen, die sie bräuchten."

Zu dem Frust im Job kam die desolate finanzielle Situation von Catherine. "Alles wird immer teurer und es wird schwerer und schwerer, über die Runden zu kommen. Wir können uns nie etwas gönnen oder in den Urlaub fahren. Alles, was ich für meine Tochter kaufe, ist secondhand, auch ihre Schuluniform."

Dann tat sich eine Chance auf

"In der Nähe meiner Wohnung hat ein neuer Lidl eröffnet, da habe ich mich beworben und den Job bekommen. Ich muss jetzt nicht mehr zur Arbeit fahren, wo ich sogar für meinen Parkplatz zahlen musste", erzählt Catherine. "Das Beste daran ist, dass meine Arbeitszeiten viel sozialverträglicher sind. Das Gehalt ist etwa das gleiche, aber ich bekomme 10 Prozent auf meine Einkäufe und ich konnte mein Auto verkaufen, was uns viel Geld spart. Insgesamt bin ich nur ein bisschen besser dran, aber ich habe viel, viel weniger Stress."

Den Stressfaktor erkennt auch NHS-Vorstand Hopson als eine der Ursachen für den Personalabgang: "Wir erhalten dauernd Berichte von Mitarbeiterbindungsproblemen, weil die Arbeitsbelastung im Gesundheitswesen Stress und Burnout verursacht."

Als größte Fehleinschätzung hat sich aber wohl die Kampagnenidee herausgestellt, dass mit dem durch den Brexit gesparten Geld, das nicht mehr an Brüssel gezahlt werden muss, Millionen für Investitionen in Krankenhäuser und Pflege übrig blieben. Beim Personal scheint davon zumindest nichts anzukommen.

* Name von der Redaktion geändert

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn