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L. Karasek: Tippt die noch ganz richtig?: Der Krebs kuschelt immer mit

Wie es ist, wenn ein Familiemitglied den Kampf gegen den Krebs verliert, hat Rechtsanwältin Laura Karasek hautnah erlebt. Wie wir mit Krankheit und dem Tod umgehen. Und die ewige Frage, ob wir unsere Laster irgendwann bezahlen - oder gut davonkommen.

Laura Karasek

"Du schaffst das," feuerte Laura Karasek ihren krebskranken Vater an. Sie war sein Cheerleader.

Es ist schön und seltsam, Kranke zu umarmen.

Einerseits hat die Umarmung eine besondere Innigkeit, eine Festigkeit, man drückt wie beim Krafttraining, die Umarmung wird zum Liebessport, man krallt sich fest, klammert, presst, stemmt, als würde die Heftigkeit, die Stärke der Umarmung den Menschen auf der Erde halten oder die Liebe wiederspiegeln.

Andererseits ist die Umarmung auch schwer, erdrückend, erdrosselnd, die Glieder sind angespannt von der Schwere des kranken Körpers und vom Gewicht der Traurigkeit. Die Gebrechlichkeit des einen verdeutlicht die Asymmetrie, den Lebenssaft des andern.

Manchmal möchte ich kurz zurückweichen, einatmen, raus aus der Umschlingung, der eine Mensch riecht nach Verfall, warum ist seine Haut plötzlich so weiß, fast schuppig, warum ist alles voller Geschwüre, Tumore.

Es ist, als würde man den umarmen. Der Krebs kuschelt immer mit.

Ich schämte mich für meine anfänglichen Berührungsängste. Dass ich ihm und seinem Krebs nicht zu nah kommen wollte. Natürlich wusste ich, dass er nicht ansteckend war. Ich wusste, dass ich weder heilen noch schwächen konnte mit meiner Berührung. Aber mir war trotzdem seltsam, als ich zum ersten Mal einen todkranken Menschen in den Armen hielt. Und dieser Mensch war mein Vater, der stärkste Mann in meinem Tochterleben.

Wie fühlt sich jemand, der weiß, dass er gerade stirbt?

Diese Frage ging mir den ganzen Tag durch den Kopf.

Er atmete schon schwerer. Das Alter hatte ihn befallen wie ein Ausschlag, nein: überfallen. Überall sah man den Krebs, dabei wütete er doch unterirdisch in seinen Innereien, im Untergrund, er buddelte sich seine Bahnen, grub sich durch die Organe, ein Krebs, ein Maulwurf, ein Marder und Mörder.

Es ist komisch, denn der Krebs war so lange unsichtbar, bis er tödlich wurde, bis es zu spät war.

Und seit der Diagnose konnte man ihn sehen, hören, förmlich riechen, wie Ungeziefer wuchs er, wie ein Attentäter, so hinterhältig und heimtückisch hatte er sich in meinen Vater hineingeschlichen, war umher gewandert, hatte überall seine fiesen Minen versteckt und sprengte sich jetzt in die Luft.

Ich wollte ihm nah sein – ihm ohne den Krebs, nur ihm allein, ohne Mitläufer, Parasiten -, aber wir konnten uns kaum nah sein, wir sprachen nicht über das Offensichtliche. Das Sterben. Wir spielten. Ich spielte stark und ahnungslos. Und er spielte Genesung. Zurück in die Zukunft. Er schmiedete Pläne.

"Im Sommer schwimmen wir mit Deinen Kindern im Wörthersee", sagte er. Glaubte er selbst daran? Oder wollte er mir Hoffnung schenken? Mich täuschen, belügen, sich selbst trösten?

Ich konnte ihn nicht fragen. Ich konnte nur mild sein und vielleicht sogar ein bisschen verlogen oder naiv (ich glaubte ja, dass er gesunden könne) und sagte ihm, er solle kämpfen, kämpfen, nicht aufgeben.

"Du schaffst das," feuerte ich ihn an. Ich war sein Cheerleader.

Die letzten Wochen

Die erste Zeit, in der er gar nichts mehr trank – nur noch Apfelsaft – waren die letzten Wochen vor seinem . Nach der Diagnose hörte er mit dem Alkohol auf. Er betonte immer, dass sein "Leberkrebs" (eigentlich war es Gallengangkrebs – aber die Gallengänge führten durch die Leber. Der Krebs zählt also zu den Lebertumoren) nichts mit seinem Trinkverhalten zu tun habe. "Es liegt nicht am Alkohol! Das sagen auch die Ärzte!" erklärte er mir mehrfach am Telefon und auch, als ich ihn in Hamburg besuchte, kurz nach der Diagnose.

"Ha! Meine Leberwerte sind fabelhaft! Besser als die von Eurer Mutter. Und die trinkt ja keinen Schluck." Das hatte er früher immer gesagt, mit Stolz und Erstaunen. Wie ein Anwalt, der einen Ganoven überführt hatte er die Ärzte entlarvt: Alkohol könne einem nichts anhaben! Ihm jedenfalls nicht!

Siehe da, schwarz auf weiß und er wedelte mit den Laborwerten, seinem Dokument, das bestätigte, dass er und seine Leber unbesiegbar, unbetrinkbar waren. 

Ja, so erzählen wir uns selbst, dass unser Verhalten unschuldig, unsere Taten ohne Konsequenzen sind. Es wird schon gutgehen! Als ob uns all die Warnungen und Ratschläge nicht betreffen. Auch ich sagte als Teenager gern: "Wo früher meine Leber war – ist heute eine Minibar."

Vielleicht trinken wir immer gegen irgendetwas an, gegen die Zeit, gegen die Schmerzen, gegen das fette Essen - und alles, was uns schwer im Magen liegt, gegen den Hunger, gegen den Schlaf, gegen die Schlaflosigkeit. Manchmal trinken wir gegen uns selbst. Unser Lieblingstrinkspiel.

Wie gut wir uns selbst belügen! Wie gern wir spielen. Denn wir wollen leben! Und wir hoffen, dass unser Körper die Ausnahme ist. Niemand verdient den Krebs! Auch dieGesündesten werden krank, auch Sportler bekommen Krebs und Enthaltsame einen Herzinfarkt.

Es war der Krebs

"Ich habe keine Angst vorm Sterben - ich möchte nur nicht dabei sein, wenn es passiert." Woody Allen

Mein Vater war kein Trinker, kein Besoffener. ‎Er lebte einfach gern! Mir gefiel diese Lust am Genuss - sogar am Laster - und ich tat es ihm nach. Er hatte Glück- bis zu seinem 82. Lebensjahr ging alles gut.

In seinem letzten Sommer dachten wir immer, dass der Alkohol ihn so müde machte. Das Trinken in der flirrenden Hitze, die Mücken, der Weißwein, die Windstille. Aber es war nicht der Alkohol. Es war der Krebs.

"Hör nicht auf, ihn zu umarmen," sagte meine Tante damals zu mir. Auch wenn er sich nicht mehr anfühlte wie mein Papa, als ich klein war, als ich Kind war. Auf einmal hatte die Umarmung etwas Gruseliges. Und doch bin ich froh, dass ich ihn so fest gedrückt habe. So halte ich ihn immer noch – bei mir.


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