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Lieber Ruhe statt Geld Deutsche flüchten in die Frührente


Arbeiten bis 67? Von wegen! Jeder zweite Arbeitnehmer geht inzwischen vorzeitig in Rente. Ab 2012 jedoch drohen höhere Einbußen.
Von Tanja Vedder und Björn Erichsen

Sie hat es keinen Tag bereut. Mit knapp über 60 Jahren hat Jutta Erksen aufgehört zu arbeiten. Ihr Job als Verkäuferin in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein war knüppelhart. "Ich habe einfach gemerkt, dass mein Körper das nicht mehr mitmacht", erzählt Erksen. Das Arbeitsende war mit ihrem Arbeitgeber, einer großen Einzelhandelskette, abgesprochen: Erksen wurde nach über 20 Jahren Betriebszugehörigkeit gekündigt, damit sie sofort Anspruch auf Arbeitslosengeld hat.

De facto kommt das einem Renteneintritt gleich – denn in der strukturschwachen Region tendiert die Chance, wieder einen Job zu bekommen, gegen Null. "Meinem Arbeitgeber war das nur recht, als langjährige Kraft war ich natürlich viel teurer als die jungen, meist ungelernten Kolleginnen", so Erksen. Das Vorgehen mit der Kündigung und anschließender Rente sei in den Unternehmen schon lange "absolut üblich".

Die Zahl der Frührentner wächst sprunghaft

Tatsächlich gibt es in Deutschland immer mehr Menschen wie Jutta Erksen, die vorzeitig ihr Arbeitsleben hinter sich lassen. Laut Statistik der Deutschen Rentenversicherung geht inzwischen knapp jeder Zweite in Frührente - und ist dafür auch bereit, finanzielle Abschläge in Kauf zu nehmen. Und ihre Zahl steigt rasant an: So entschieden sich im Jahr 2000 gerade einmal 14,5 Prozent für diese Option. Im vergangenen Jahr waren es 47,5 Prozent.

Was ist passiert, warum dieser enorme Anstieg in den vergangenen zehn Jahren? Die Sozialverbände beklagen vor allem den erhöhten Druck am Arbeitsplatz. "Aus unseren Beratungsgesprächen wissen wir, dass viele Ältere den gestiegenen Anforderungen am Arbeitsplatz und der enormen Arbeitsverdichtung nicht mehr gewachsen sind", sagt Michael Pausder vom Sozialverband VdK Deutschland. Da liege die Schuld ein Stück weit auch bei den Arbeitgebern. Nur ein Fünftel der Betriebe würden sich um Gesundheitsförderung und Weiterbildung ihrer älteren Arbeitnehmer kümmern. Häufig seien Menschen, die in Frührente gehen müssen, in schlecht bezahlten Jobs tätig. "Damit wären sie durch die künftige Rente mit 67 doppelt belastet. Denn für ihre ohnehin nicht hohe spätere Rente müssen sie künftig noch größere Abschläge in Kauf nehmen. "Wir befürchten, dass immer mehr Menschen eine Rente in der Nähe der Armutsgrenze bekommen werden", so Pausder.

Freizeit steht im Vordergrund

Doch die Arbeitsbelastung ist nur ein Faktor, warum die Menschen heute früher in Rente gehen. Das Thema Zeit und Freizeit rückt für viele zunehmend in den Vordergrund. "Es ist nicht mehr so wie früher, man arbeitet, geht in Rente und stirbt auch bald. Die Lebenserwartung ist gestiegen, und die Menschen wissen, dass nach der beruflichen Phase noch mal locker 20 Jahre kommen. Und diese Zeit wollen sie nutzen ", sagt Ulrich Reinhardt, Leiter der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg.

Dabei geht es den meisten vorrangig um soziale Kontakte, wie die Stiftung in zahlreichen Befragungen herausgefunden hat: Mehr Zeit für den Ehepartner, für die Familie, für die Freunde – das soll im letzten Lebensabschnitt im Vordergrund stehen. Viele träumen davon, ihre Freizeit wieder abwechslungsreich gestalten zu können. Endlich wieder mehr unternehmen, reisen, sich ganz dem Hobby widmen können. Oder etwas tun, wozu sie Zeit ihres Arbeitslebens nie so richtig gekommen sind. Eine Sprache lernen zum Beispiel. "Die materiellen Dinge rücken in den Hintergrund", sagt Freizeitforscher Reinhardt.

"Wer weiß, wie viel Zeit einem noch bleibt"

Das sieht auch Jutta Erksen so, die ab September 2012 offiziell in Rente gehen wird. Knapp 670 Euro Rente stehen ihr laut Bescheid dann zu – abzüglich Krankenkassenbeiträgen. Hinzu kommen noch einmal 490 Euro Witwenrente. Unter dem Strich summieren sich ihre Einbußen durch den frühen Renteneintritt auf etwa 100 Euro. Damit liegt sie sogar noch unter dem bundesdeutschen Durchschnitt, der 2010 rund 113 Euro betrug.. "Die Abschläge habe ich aber in Kauf genommen", sagt die ehemalige Verkäuferin. "Mir ging es um mehr Lebensqualität. Wer weiß, wie viel Zeit einem noch bleibt."

Dabei ist es vor allem die Mitte der Gesellschaft, die sich die Frühverrentung gut vorstellen kann. "Empfänger von Niedrigeinkommen müssen meist bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter arbeiten, weil das Geld sonst nicht reicht. Und Spitzenverdiener arbeiten oft noch darüber hinaus, weil Arbeit für sie sinnstiftend ist", so Reinhardt. Dazwischen liegen etwa 75 Prozent der Bundesbürger mit mittleren Einkommen. "Und von diesen wiederum ist für zwei Drittel Arbeit lediglich Mittel zum Zweck." Diese Gruppe wäre bereit, früher in Rente zu gehen, auch wenn sie dabei Einbußen hinnehmen muss.

So geht der Trend in Deutschland dahin: Immer mehr Menschen gehen in Frührente – aber später als noch vor zehn Jahren. Lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter von Männern im Jahr 2000 im Schnitt noch bei 62,2 Jahren, ist es in den nächsten zehn Jahren auf 63,3 Jahre gestiegen. Dies wird sich künftig noch verstärken, wenn ab 2012 die Rente mit 67 eingeführt wird. Ein Renteneintritt ist dann frühestens mit 63 Jahren möglich. Doch wer diesen Zeitpunkt wählt, muss sich auf Einbußen von 9,9 Prozent einstellen. Kritikier sehen daher die staatlich verordente Rente mit 67 vor allem als eines: eine Rentenkürzung durch die Hintertür.

>>> Hintergrund: Die Rente mit 67 kommt


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