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Mobbing: Schikanen am Arbeitsplatz

Über eine Million Bundesbürger leiden unter ständigen Schikanen am Arbeitsplatz. Zu den häufigsten Formen gehören Hänseleien, ungerechtfertigte Kritik und die Vorenthaltung wichtiger Informationen.

Die Sekretärin kommt morgens an ihren Arbeitsplatz und entdeckt: Jemand hat ihr mit Kaugummi die Tastatur verschmiert. Sie kratzt ihn ab, startet den Computer und stellt fest, dass wichtige Dateien gelöscht wurden. Als sie sich einem Vorgesetzten anvertraut, äfft er ihre Stimme nach. Das ist nur eine von zahlreichen Formen von "Mobbing", über dessen Zunahme unter anderem eine Studie der Sozialforschungsstelle Dortmund berichtet.

Mehr als eine Million Bundesbürger leiden demnach unter Schikanen am Arbeitsplatz. Mobbing ist nichts Neues. "Das Phänomen ist so alt wie die Geschichte der Berufstätigen", sagt Bärbel Meschkutat, Leiterin der Studie mit 1.300 Mobbing-Betroffenen in Dortmund. Der Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet "jemanden anpöbeln" oder "über jemanden herfallen". Zu den häufigsten Formen gehören Hänseleien, ungerechtfertigte Kritik und die Vorenthaltung wichtiger Informationen. Die Auswirkungen der Schikane am Arbeitsplatz sind nicht selten gravierend: 98,7 Prozent der Befragten gaben der Studie zufolge an, die Intrigen hätten Demotivation, Nervosität und sozialen Rückzug zur Folge.

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Jedes vierte Mobbing-Opfer erkrankt

"Symptome von Krankheitswert sind Schlafstörungen, Depressionen und Erschöpfungszustände", sagt Josef Schwickerath, leitender Psychologe einer Klinik im saarländischen Berus, die seit 1999 eine Therapie gegen die Folgen des Mobbing anbietet. Mehr als 400 Patienten wurden dort seither therapiert. Dabei lernen Betroffene, ihren eigenen Anteil sowie den Anteil von Fremden an Konflikten zu erkennen. "Wir erstellen jedem Patienten einen persönlichen Behandlungsplan: Das Erlernen neuer Konfliktlösungsstrategien und die Bewältigung von Stress spielen dabei eine wichtige Rolle."

Erhöhter Druck und gesteigerte Anforderungen am Arbeitsplatz haben der Studie zufolge in den vergangenen zehn Jahren das Mobbing begünstigt. "Wenn heute ein Mitarbeiter zu spät kommt, dann regt sich der Chef darüber auf. Früher hätte er vielleicht gewusst, dass der Mitarbeiter aus dem Krankenhaus kommt, weil seine Mutter im Sterben liegt", sagt Meschkutat. Für Gespräche bleibe heute keine Zeit mehr.

Besonders brisant: In mehr als der Hälfte aller Mobbing-Fälle seien Vorgesetzte beteiligt

Mehr als elf Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland sind im Laufe des Berufslebens schon einmal von Mobbing betroffen gewesen. "Das Phänomen zieht sich quer durch alle Berufsgruppen, Branchen und Hierarchiestufen. Es gibt also keine 'Mobbing-freien Zonen'", sagt Meschkutat. Besonders betroffen seien Frauen in sozialen Berufen sowie jüngere Mitarbeiter bis 25 Jahre. Oftmals hätten gerade Menschen in sozialen Berufen den Anspruch, selbst keine Konflikte haben zu dürfen. Daher gebe es selten einen offenen Umgang mit dem Problem, erklärt Meschkutat. Besonders brisant: In mehr als der Hälfte aller Mobbing-Fälle seien Vorgesetzte beteiligt.

Inzwischen haben sich zahlreiche Selbsthilfegruppen zum Thema "Mobbing" in Deutschland gegründet. "Wenn Betroffene sich bei uns melden, sind sie randvoll mit Problemen", sagt Christiane Gerhardt, Vorsitzende des Fördervereins "Hilfe bei Mobbing e.V." in Mainz. Bis zu 45 Personen nehmen regelmäßig an den Treffen der Selbsthilfegruppe teil, Tendenz steigend. Die Formen der angebotenen Hilfe reichen von einem klärenden Gespräch bis hin zur Vermittlung von Therapeuten oder Rechtsanwälten.

Nicht jede Reiberei ist gleich Mobbing

Der Erhalt des Arbeitsplatzes ist das oberste Ziel des Netzwerkes "Mobbing-Hilfe" in Ludwigshafen. "Durch eine Kombination von Rechtsbeistand und psychotherapeutischer Betreuung sollen persönliche Gegenstrategien für die Angriffe entwickelt werden", sagt Hans-Otto Morgenthaler, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Mitbegründer der Mobbing-Hilfe.

Zwar könne nicht bei jeder Reiberei im Berufsleben von Mobbing gesprochen werden. Bei Härtefällen jedoch könnten Vorbeugemaßnahmen der Arbeitgeber nach Angaben der Sozialforschungsstelle Dortmund die Anzahl der Mobbing-Fälle reduzieren. Eine Sensibilisierung und Aufklärung der Führungskräfte sowie ein offener Umgang mit dem Thema seien angesichts des Ausmaßes des Phänomens dringend notwendig.

Tanja Trenz, dpa