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Neuer Ausbildungsberuf: Lernen für den letzten Dienst

Auf dem in Europa einzigartigen Lehrfriedhof im unterfränkischen Münnerstadt bereiten sich derzeit Auszubildende auf ihre Prüfungen zum "fachgeprüften Bestatter" vor.

Mit gesenktem Kopf schaut Stephanie in das Erdloch auf dem Friedhof. Ihr Blick ist aufmerksam, doch keineswegs von Trauer erfüllt. In dem Grab, in dem gerade eine gelbe Baggerschaufel in die Tiefe sinkt, wird nie ein Mensch begraben werden. Stephanie ist 23 Jahre alt und angehende "fachgeprüfte Bestatterin". Mit praktischen und theoretischen Übungen bereitet sie sich zusammen anderen Kursteilnehmern auf die Prüfungen vor - auf dem in Europa einzigartigen Lehrfriedhof im unterfränkischen Münnerstadt im Landkreis Bad Kissingen.

Urnen aus Stahlblech, Holz, Ton oder Kupfer säumen auf zwei Seiten den Rand des "Klassenzimmers". In einer Kapelle nebenan ist ein Sarg aufgebahrt, wenige Schritte davon entfernt simulieren einige Kursteilnehmer eine Seebestattung - wenn auch im überdachten Raum. Am Ende der zweiwöchigen Fortbildung müssen die Prüflinge beispielsweise ein Grab ausheben oder einen Sarg für eine Auslandsüberführung zulöten können. Sie müssen den Prüfern der Handwerkskammer erklären, worauf man einen Verstorbenen betten kann oder wie Beratungsgespräche mit Hinterbliebenen geführt werden.

Quereinsteiger sind in diesem Beruf selten

Berührungsängste mit den Eigenheiten ihres Metiers lässt sich die 23-jährige Stephanie nicht anmerken. "Ich bin damit aufgewachsen, meine Mutter hat ein Bestattungsunternehmen - und unsere Männer müssen sich da reinfinden", sagt Stephanie selbstbewusst. Quereinsteiger sind in diesem Beruf selten, die meisten Bestatter kommen aus einem Familienbetrieb. Vielleicht wird sich das bald ändern. Seit August gibt es den gesetzlich geregelten Ausbildungsberuf "Bestattungsfachkraft".

62 Frauen und Männer im Alter zwischen 17 und 28 Jahren haben vor Kurzem ihre dreijährige Ausbildung aufgenommen. Die "Pioniere" aus dem Bundesgebiet werden überbetrieblich in der Staatlichen Berufsschule Bad Kissingen unterrichtet, die Praxis erlernen sie im Betrieb und - wie die Teilnehmer von Fortbildungen - auf dem Lehrfriedhof in Münnerstadt.

Der Beruf soll aus einer Tabu-Ecke geholt werden

Hartnäckig hat der Deutsche Bestatterverband, in dem rund 3.000 Unternehmen organisiert sind, um diese Ausbildungsordnung gekämpft. "Damit wollen wir insgesamt die Qualität im Bestattungsgewerbe steigern und eine Angleichung der Ausbildung an das übrige Handwerk erreichen", sagt Rolf Lichtner vom Bundesverband Deutscher Bestatter. Außerdem werde jungen Menschen der Weg in den Beruf erleichtert. "Wir haben einen gewissen Nachholbedarf", sagt Lichtner. Der Beruf soll damit auch aus einer Tabu-Ecke geholt werden. "Wir schaffen damit Transparenz und können verdeutlichen, welches Leistungspotenzial dieser Beruf hat". So stehen Recht und Betriebswirtschaft ebenso auf dem Lehrplan wie hygienische Versorgung und Trauerpsychologie.

Bislang reichte rechtlich gesehen ein Gewerbeschein aus, um als Bestatter arbeiten zu können. "Aber faktisch konnte man auch vorher nicht ohne qualifizierte Ausbildung Fuß fassen", sagt Lichtner. Nach der Lehre und zwei Berufsjahren kann man in Münnerstadt auch den Titel des "Funeral Master" erwerben, der einem Meistertitel vergleichbar ist.

"Die größte Gefahr ist, dass man abstumpft"

"Ich kann mir keinen besseren Beruf vorstellen. Wir kommen mit den verschiedensten Leuten zusammen - und immer in Ausnahmesituationen. Meist sind wir vor dem Pfarrer bei den Angehörigen", sagt Guido Vaupel, selbst seit etlichen Jahren Bestatter und einer der Dozenten in Münnerstadt. "Viele Hinterbliebene lassen ihre Wut und Aggression an uns aus. Es gibt Emotionen in jegliche Richtung. Manchmal fällt einem der Trauernde auch um den Hals", berichtet der 39-Jährige.

Eindrücke, die ein Bestatter verarbeiten können muss. "Man darf nicht zu viel an sich ranlassen, sonst geht man kaputt", sagt Vaupel und betont, dass man niemals den Respekt vor dem Verstorbenen verlieren dürfe. Das zeigt sich auch an seiner Wortwahl: Bei Vaupel gibt es keine Leichen und keine Sargdeckel, sondern Verstorbene und Sargoberteile. "Die größte Gefahr ist, dass man abstumpft", sagt er und sein Kollege Thomas Schmid, Bestatter aus Rothenburg ob der Tauber, meint: "Das wichtigste ist, dass man sich aussprechen kann".

Claudia Möbus, dpa