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Ostdeutschland: Wo bleiben die Frauen?

Von einer Frau, Familie und Kindern können viele junge Männer in Ostdeutschland nur träumen. Die meist gut ausgebildeten Frauen suchen im wahrsten Sinn des Wortes das Weite. Und die Angst vor einem "Männerprolertariat" wächst.

Die hohe Mobilität, die von Jobsuchenden gefordert wird, hat auch ihre Schattenseiten. So sind Bevölkerungsexperten wegen des Frauenmangels im Osten besorgt. Denn vergleichsweise viele junge Ostfrauen gehen der Arbeit wegen in den Westen und gründen später dort eine Familie. Etwa jeder sechste ostdeutsche Mann hat deshalb praktisch keine Chance mehr auf dem Heiratsmarkt. Der dramatische Frauenmangel wird nach Ansicht von Experten in den neuen Ländern noch schneller als im Westen zu einer Überalterung der Bevölkerung und Problemen bei der Rekrutierung von Arbeitskräften führen.

"Ungünstige Sexualproportion"

"Nirgendwo sonst auf der Welt ist die überproportionale Abwanderung von Frauen so groß wie in Ostdeutschland", berichtet der Migrationsforscher Wolfgang Weiß von der Uni Greifswald. "Entsprechend ungünstig ist die Sexualproportion." Vergleichbar sei diese in Europa nur noch mit Nordfinnland und Nordschweden. Tatsächlich kamen nach Angaben der Statistiker 2004 in den alten Ländern auf 100 Männer im Alter zwischen 20 und 29 Jahren 99,6 Frauen. In den neuen Ländern waren es dagegen im Schnitt nur 84,1. Unterm Strich gibt es in der Altersgruppe derzeit rund 120.000 Frauen zu wenig. Allein in Großstädten wie Potsdam oder Leipzig ist das Verhältnis der Geschlechter noch relativ ausgewogen.

Die Geburtenrate ist in ganz Deutschland schon nicht sonderlich hoch und liegt in Ost und West zwischen 1,3 und 1,4. Weil es im Osten zu wenig junge Frauen gibt, kommen dort nun jedoch noch einmal weniger Kinder auf die Welt - die Frauen, die wegziehen, nehmen gewissermaßen die nächste Generation mit. Die Folgen für den Altersaufbau der Bevölkerung sind gravierend. "Die Vergreisungs-Dynamik ist in Ostdeutschland deutlich höher als im Westen", sagt Weiß.

Frauen sind auch hochqualifizierte Kräfte

Den neuen Ländern gehen aber nicht nur junge Mütter, sondern auch gut qualifizierte Arbeitskräfte verloren. Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sagt, in den nächsten Jahren werde es große Probleme geben, geeignete Fachkräfte zu gewinnen. Der Frauenmangel verschärfe die Situation dabei noch, zumal sich das Nachwuchsproblem auch mittelfristig nicht in Luft auflöse. Insbesondere in Dienstleistungsberufen könnte es nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers künftig eng werden, bei der Pflege von Alten oder auch in der Gastronomie.

Hinzu kommt die Sorge vor steigender Kriminalität und einer Zunahme extremistischer Tendenzen, weil Frauen als Korrektiv fehlen. Weiß sagt, Männergesellschaften seien immer ein Problem. Partnerlose und eher ungebildete Männer würden beispielsweise eher dazu neigen, rechten Rattenfängern auf den Leim zu gehen. Soziologen fürchten bereits die Herausbildung eines so genannten Männerproletariats. Weiß sagt, wie instabil die Situation insgesamt im Osten sei, hätten die Massenproteste im Sommer 2004 wegen der Arbeitsmarktreform Hartz IV gezeigt. Der Frauenanteil wird nach Angaben des IWH zwar in den nächsten 15 Jahren wieder etwas nach oben gehen, grundsätzlich wird sich an der Misere aber auf lange Sicht nichts ändern.

Angst vor dem "Männerproletariat"

Als ein Grund für die hohe Abwanderungsbereitschaft von Frauen gilt das im Vergleich zu vielen westeuropäischen Ländern andere Rollenbild. Wie anderswo auch, haben junge ostdeutsche Frauen im Schnitt bessere Abschlüsse als ihre männlichen Altersgenossen und damit in anderen Regionen bessere Berufschancen. Sie gelten zudem aber als ausgesprochen wagemutig und mobil. Eine wichtige Rolle spielt dabei nach Meinung von Migrationsforschern, dass die meisten Frauen in der ehemaligen DDR berufstätig waren und nicht selten wegen der Arbeit umzogen. Dies wirkt nun nach. Weiß: "Solche Verhaltensmuster und die Emanzipiertheit wurden in vielen Familien weitergegeben an die nächste Generation."

Lars Rischke/Reuters / Reuters