Siemens/BenQ Proteste gegen die "Armenspeisung"


400 Mitarbeiter von BenQ haben am Freitag vor der Siemens-Zentrale in München protestiert - gegen Jobverlust, gegen den schmalen Hilfsfonds und für ihre Handy-Produktion. stern.de hat die Demonstranten begleitet.
Von Marko Belser

Zusammen mit 25 Kollegen hat sich Heike Deppner um 3 Uhr 30 früh in den Bus Richtung München gesetzt. Im Gepäck hunderte Widerspruchsschreiben von Beschäftigten des BenQ-Werks Kamp-Lindfort. Deppner will sie in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacherplatz übergeben, um gegen den drohenden Arbeitsplatzverlust zu protestieren. Am Donnerstag vergangener Woche, als Konzernchef Lee Kuen-Yao via Videoschaltung aus Taiwan die Mitarbeitern in Kamp-Lindfort über die bevorstehende Insolvenz informierte, stand die Belegschaft noch unter Schock. Doch mittlerweile ist das Gefühl der Ohnmacht einer Mischung aus Wut und Hoffnung gewichen.

Die Wut richtet sich weniger auf die BenQ-Führung als vielmehr auf den Vorstand des ehemaligen Mutterkonzerns. Für Michael Leppek Betriebsbetreuer der IG Metall München hat das auch praktische Gründe: "BenQ ist einfach kaum greifbar. Schließlich kann man schlecht nach Taiwan fliegen." Außerdem steht weiterhin die Vermutung im Raum, Siemens habe mit BenQ einen "schmutzigen Deal" abgeschlossen. Hatte man den Asiaten Know-How geschenkt, damit sie den Laden abwickeln?

Einsicht in Verträge gefordert

Noch ist nicht geklärt, wie viele der über 1700 Patente und Lizenzen in die Hände des taiwanesischen Mutterkonzerns gelangten. Nicht zuletzt deshalb übt sich Horst Lischka von der IG Metall München in Zurückhaltung, er will der Siemens-Geschäftsführung keine bösen Absichten unterstellen. Aus seiner Sicht gibt es nämlich noch eine andere mögliche Erklärung: Beim Vertragsabschluss mit BenQ habe sich der Siemens schlicht und einfach "dämlich" angestellt. Um das Rätsel zu lösen, will die IG Metall volle Einsicht in die Verträge. Außerdem fordert sie eine "qualifizierte Finanzierung" - sprich: die Suche nach einem neuen Investor, der die deutschen BenQ-Standorte übernimmt und weiterführt. Das Angebot von Siemens, BenQ-Mitarbeiter könnten in anderen Sparten des Konzerns unterkommen, ist für Lischka "nur der zweitbeste Weg".

Den bereits von Siemens zugesicherten Fond über 35 Millionen Euro bezeichnet Lischkas Kollege Leppek als "Armenspeisung". Daraus ergebe sich die Summe von zirka 10.000 Euro pro Mitarbeiter, was "nichts weiter ist als ein Tropfen auf den heißen Stein". Diese Summe hat für die Gewerkschafter obendrein ein besonderes Geschmäckle: 10 000 Euro entspricht in etwa den jährlichen Gehaltseinbußen, die Beschäftigte in Kamp-Lindfort und Bocholt hinnahmen, als sie von BenQ übernommen wurden.

16 Stunden im Bus - mit gutem Grund

Zur Wut gesellt sich allerdings auch Hoffnung. Sie speist sich aus den Vorgängen der vergangenen Woche. Denn als man sich vergangenen Freitag zur ersten IG Metall Kundgebung an selber Stelle traf, sahen die Aussichten noch ganz anders aus. Siemens plante, die Gehälter des Vorstands um 30 Prozent zu erhöhen, für die BenQ-Mitarbeiter fühlte man sich nicht verantwortlich. Aufgrund des öffentlichen Drucks wurde die Erhöhung der Vorstandsgehälter zumindest vorüber gehend ausgesetzt und damit ein Teil des Hilfsfonds für die deutsche BenQ-Belegschaft finanziert. Nun ist von einer bevorzugten Übernahme von BenQ-Mitarbeitern in den Siemens-Konzern die Rede. Genauso wie von der Prüfung rechtlicher Schritte gegen den Verhandlungspartner aus Taiwan. Kurz: Siemens hat sich zu seiner Verantwortung bekannt. Die erste Runde im Konflikt ging an die IG Metall.

Für die zweite Runde hält sich die IG Metall ein weiteres Druckmittel bereit: Die Gewerkschaft hat Klage gegen Siemens eingereicht - wegen arglistiger Täuschung seiner Mitarbeiter. Die Widerspruchsschreiben sind auch Teil der Kampagne. Für die BenQ-Mitarbeiter ist die Redewendung von der Hoffnung, die zuletzt stirbt, offenkundig keine Worthülse. "Wir würden uns kaum 16 Stunden in den Bus setzten", sagt ein Mitstreiter aus Kamp-Lindfort, "wenn wir die Hoffnung schon aufgegeben hätten."


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