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Sozialer Brennpunkt: Die Leute vom Kölnberg

Hier leben 4000 Menschen aus 60 Nationen, und allein die Adresse ist ein Handicap: Der Wohnblock im Kölner Stadtteil Meschenich ist ein Ghetto der Verlierer. Eine Geschichte vom Rand der Gesellschaft und jenen, die nicht aufhören zu kämpfen.

Von Rolf-Herbert Peters

Eine miesere Büroadresse als Arbeitsvermittler Henning Dressel, 46, kann wohl kein Kölner vorweisen: "An der Fuhr 1". Wer sich ein bisschen in der Domstadt auskennt, weiß sofort: Das ist der "Kölnberg". Dieser graue Wohnklotz im Stadtteil Meschenich, in den Siebzigern als Bauherrenmodell auf den Rübenacker geklatscht. Heute die letzte Station der Gescheiterten, Rückzugsgebiet für Kriminelle, ein Ghetto der Unterschicht. Mehr als 4000 Männer, Frauen und Kinder aus etwa 60 Nationen leben hier. Rund ein Viertel von ihnen ist langzeitarbeitslos. Fast in allen Familien gibt es Hartz-IV-Fälle.

Dressel soll für diese "ganz harten Fälle", wie er sie nennt, Stellen finden. Seine Jobbörse befindet sich in einem ehemaligen Ladenlokal am Rand der Betonwüste, zwischen dem Imbiss Amore und dem Supermarkt Mevlana. Vor der Eingangstür riecht es nach Döner, Ayram und Felgenreiniger, den ein junger Türke gerade literweise auf die Radkränze seines Escorts spritzt. Im Vorraum hocken Menschen, die längst keinen strukturierten Tag mehr kennen. Für sie sucht Dressel. Er fragt beim Eisenwerk Brühl, bei der nahen Degussa-Fabrik, bei Zeitarbeitsfirmen, bei Garten- und Landschaftsbauern, bei Speditionen. Alle anderthalb Wochen ein halbwegs haltbarer Helferjob, mehr springt im Durchschnitt nicht heraus. Dabei würden über 90 Prozent seiner Klientel gern arbeiten, sagt er.

Kopfgeld für die Jobsuche

Der Mann mit dem gewinnenden Zivi-Charme ist nicht nur Menschenfreund, er sammelt auch Kopfgeld. Bis zu 2000 Euro überweist die Hartz-IV-Behörde an Dressels Arbeitgeber, die Jugendhilfe e.V., für jede gelungene Vermittlung. Das sichert auch seinen Arbeitsplatz.

Wer ihn im Alltag begleitet und mit den Menschen spricht, die am Kölnberg leben, merkt schnell, wie erschreckend falsch Politiker liegen, wenn sie vom grünen Tisch aus die Unterschicht scannen und Patentrezepte entwickeln. Die Überflüssigen im Arbeitsmarkt lassen sich nicht einfach durch mehr Bildung oder Geld ins bürgerliche Leben zurückbeamen. Die brutale Wahrheit ist: Sie sind die Verlierer eines tiefgreifenden sozialen und ökonomischen Wandels.

Mitte der Achtziger Jahre glaubte und lehrte der renommierte Soziologe Ulrich Beck, die Wohlstandsexplosion würde alle Schichten nach oben befördern, wie in einem Fahrstuhl. Viele schlossen sich dieser Vision an. Das war leider falsch. Jürgen Friedrichs, Leiter des Forschungsinstituts für Soziologie an der Universität Köln, fordert nun eine ehrliche Armutspolitik: "Wir werden auf unabsehbare Zeit ein Heer von 6 bis 7,5 Millionen Menschen aus den Mitteln der Gesellschaft finanzieren müssen."

Doch sich lediglich mehr kümmern nützt nichts. Keine Gruppe wird in Deutschland besser umsorgt als die der Bedürftigen. Vergangenes Jahr wurden 126 Milliarden Euro für Unterstützungen wie Arbeitslosengeld I und II, Sozial- oder Jugendhilfe ausgegeben. Allein in der Millionenstadt Köln gibt es 191 Anlaufstellen von 75 Trägern, die ständig fördern und fordern. Am Kölnberg arbeiten 38 öffentliche und private Institutionen für die Integration. Um nur einige zu nennen: Das Zentrum für Frühförderung bietet psychologische Hilfe für Kinder und Sprachtherapie an. Die Katholische Pfarrei betreut den Nachwuchs über Mittag. Das Kolpingwerk offeriert Bildungs- und Sprachkurse für Familien. Die Bezirksseniorenberatung kümmert sich um die Alten. Und ein Juraprofessor steht regelmäßig für Rechtsfragen zur Verfügung.

Ein 'ganz harter Fall' - und erst 39 Jahre alt

Heidelore Suhr ist für Dressel einer der "ganz harten Fälle". Sie ist zwar erst 39, aber alleinerziehend und schon deshalb einem Arbeitgeber eigentlich nicht vermittelbar. Frau Suhr stammt aus Brandenburg und hat zu DDR-Zeiten eine Lehre als Zerspanungsfacharbeiterin abgeschlossen. Ein gefragter Beruf im Industriezeitalter - überflüssig in der aufkommenden Informationsgesellschaft. Nach zwei gescheiterten Ehen wollte sie sich und Sohn Justin, neun, aus eigener Kraft durchbringen. Sie scheiterte zuletzt als Kneipenwirtin - und Justin in der Schule. Gerade muss er die zweite Klasse wiederholen. Vor kurzem beantragte Frau Suhr Hartz IV. Sie will ihren "Justin wieder auf die Spur bringen". Der Junge soll doch das Abitur schaffen. Sie selbst träumt von einem Halbtagsjob. 150 Bewerbungen hat sie abgeschickt - ohne Erfolg. Nicht einmal als Verkäuferin wird sie genommen. "Sie sind zeitlich viel zu unflexibel."

Das Schlimmste an der Langzeitarbeitslosigkeit, sagen die Leute vom Kölnberg, sind die psychischen Folgen. Erst raubt sie einem nur den Lohn, dann die Würde und am Ende den Verstand.

Ghulam Mohammad Afsar aus Haus 4 kämpft rastlos dagegen an, "fern zu sein von der Gesellschaft". Stolz zeigt der Afghane sein Journalisten-Diplom von der Lenin-Universität Usbekistan. Er war mal ein gemachter Mann, spricht vier Sprachen, dann musste er vor den Taliban fliehen. In Deutschland gibt niemand etwas auf seinen Abschluss. Die Chancen auf Arbeit bei den Medien sind gleich null. Dressel konnte ihm nur einen Job bei einer Zeitarbeitsfirma vermitteln.

Nun schuftet Afsar als Lagerist, Abteilung "Leergut". Fünf Stunden Busfahrt nimmt er täglich in Kauf, um pünktlich auf die andere Rheinseite nach Porz-Lind und zurück zu gelangen. 1183,11 Euro netto weist sein Lohnzettel für den vergangenen Monat aus, inklusive der Zuschläge für 162 Stunden Nachtschicht und Wochenendarbeit. Davon muss er seinen Sohn Maywand ernähren und 418 Euro Miete für seine winzige Wohnung im 15. Stock zahlen - der Kölnberg ist in privater Hand. Nebenbei hat er eine Grammatik "Persisch-Deutsch" geschrieben. 170 Seiten per Hand, um persischen Frauen beim Sprachunterricht zu helfen.

Nicht alle sind so engagiert wie Afsar. Der 24-jährige Deutsche zum Beispiel, der anonym bleiben will. Nennen wir ihn Joe. Er hängt beim Amore-Imbiss herum. Wie jeden Tag seit zehn Jahren. Die Jobbörse hat er noch nie von innen gesehen. Als Kind träumte er davon, Automechaniker zu werden. Einmal hatte er sogar einen Praktikumsplatz sicher. Dann las der Werkstattmeister auf dem Bewerbungsbogen seine Adresse. Da war der Platz gleich wieder weg.

Mittags lümmelt Joe gern in seinem Zimmer und guckt die Oliver-Geissen-Show. Durch sein Fenster kann er die MMC Studios sehen, wo RTL den Krawalltalk produziert. Fast in jeder Wohnung am Kölnberg flimmern die Bildschirme von morgens bis spät in die Nacht. "Der Geissen könnte mich ein paar Wochen durchbuchen", ätzt Joe gegen sich selbst. Sein Leben ist ein einziges Problem. Als seine Mutter durchbrannte, schmiss er die Hauptschule. Er nahm Drogen und wurde wegen versuchten Raubes verurteilt. Jetzt wolle ihm seine Ex auch noch ein Kind anhängen. Joe überlegt, bei Oliver Geissen einen Vaterschaftstest machen zu lassen.

Der Frust wächst

Auch Thilo Lotterer gehört zu den Leuten vom Kölnberg. Er ist Oberkommissar, die Wache liegt im Erdgeschoss von Haus 4. Lotterer und seine Kollegen spüren den wachsenden Frust. "Wer nichts zu tun hat, wird schnell kriminell", warnt er. Und erinnert daran, wie vor einem Jahr die Unterschicht in Frankreich auf die Straße ging und mehr als 9000 Autos abfackelte. Vor ihrer Wache knallte kürzlich eine Waschmaschine aufs Pflaster. Seine Ermittlungen ergaben: Das Geschoss stammte aus dem 26. Stock.

Einen Großteil des Tages verbringt Lotterer mit Sozialarbeit. Früher, als es Dressels Jobbörse noch nicht gab, hat er für Bewohner Bewerbungsschreiben verfasst. 80 Prozent der Bewohner am Kölnberg sind Ausländer. Am meisten ärgert Lotterer das ungelöste Sprachproblem. Einmal kam ein Pole zu ihm auf die Wache, reichte ihm stumm das Telefon, in das er eine Nummer eingetippt hatte. Mehr als "Cheffe rufe!" gaben seine Deutschkenntnisse nicht her. Lotterer rief an und erfuhr, dass der Pole deutscher Staatsbürger ist. "So etwas wie den Kölnberg darf man nicht zulassen", sagt Lotterer. "Die Leute müssen gezwungen sein, deutsch zu sprechen."

Haus 10, erste Etage. Hier arbeitet Birgit Thielen seit 16 Jahren. Die Leiterin der Caritas-Stelle organisiert unter anderem Frauentreffs, Sprachförderung und einen Mittagstisch für Kinder. Kürzlich hat sie gemeinsam mit sieben Musliminnen Spenden gesammelt, um die Kinderbibliothek zu retten, die aus Geld- und Interessenmangel geschlossen werden sollte. Zufrieden ist sie mit ihrer Arbeit dennoch nicht: "Momentan habe ich sogar das Gefühl, es bewegt sich alles rückwärts."

Vor allem ärgert sie die geistige und körperliche Immobilität der Bewohner: "Man kann am Kölnberg über Jahre einfach verharren. Es gibt keine sozialen Kontrollinstanzen wie in einer durchmischten Wohngegend." Das Stadtzentrum Kölns ist 45 Busminuten und eine teure Fahrkarte entfernt. Viele Kölnberger schaffen es gerade einmal über die Straße bis zum Aldi. Dabei sind Außenkontakte entscheidend, um wieder Arbeit zu finden. Soziologe Friedrichs hat herausgefunden, dass Türken am Kölnberg im Durchschnitt über ein Netzwerk aus 2,3 Personen verfügen, die fast immer aus der unmittelbaren trostlosen Umgebung stammen. Bewohner des feinen Kölner Stadtteils Marienburg können dagegen auf 5,5 Personen zurückgreifen, die in Krisenzeiten weiterhelfen können.

Mehr Chancen in der Türkei

Wie gut es tut, einmal rauszukommen, beweist Amira, 17. Sie ist heute der Stargast im Gemeinschaftsraum der Caritas. Gerade läuft ein Kurs zur Berufsfindung. "Ich bin jetzt Business-Frau geworden", jubelt Amira den Teilnehmerinnen zu und zückt zum Beweis eine EC-Karte. Dann erzählt sie von ihrer neuen Arbeitswelt im Kölner Hotel Park Inn. Die Mädchen vom Kurs hängen an ihren Lippen. Amira absolviert ein Jahrespraktikum.

Nach Amiras Auftritt will Kursleiterin Birgit Rollow die Chance nutzen und bittet die Teilnehmerinnen, allesamt Türkinnen, doch mal ein paar Symbole für ihre Zukunftspläne auf Din-A-5-Blätter zu malen. Sie selbst hat auf alle Malvorlagen ein großes "Ich" geschrieben. Aische, 14, zeichnet erst ihre Eltern und streicht diese dann fett mit einem roten Filzstift durch. Wie viele ihrer Altersgenossinnen hasst sie die Nähe zu ihrem Clan am Kölnberg. "Ich kann in der Türkei freier leben und habe bessere Chancen", sagt sie. Obwohl sie in Deutschland geboren sind, wollen die meisten aus dem Kurs in die Türkei umziehen. Die Chancen, mit oder ohne Hauptschulabschluss in Köln eine Lehrstelle zu bekommen, sind für die Leute vom Kölnberg nahe null.

Zurück in Dressels Jobbörse: Hier hockt und wartet auch Wilfried Pütz. Seit fünf Jahren ist er arbeitslos. Eigentlich hat er alles richtig gemacht: Feinmechaniker gelernt, Versorgungstechnik studiert, eine Familie gegründet. Beinahe wäre er sogar Beamter geworden. Doch als 1989 eine Prüfung zum Regierungsbauoberinspektoranwärter anstand, versagte sein Selbstbewusstsein. Der Körper rebellierte mit einem Hörsturz, acht weitere Attacken folgten. Seitdem hielt er es nie länger als einige Monate bei Firmen aus. "Ich befinde mich in einer Spirale, die mich ständig runtersaugt", sagt er. Mit 49 Jahren, zehn Arbeitgebern im Lebenslauf und einem Hörgerät, zählt auch er zu den Schwervermittelbaren.

Doch nun hat er endlich Glück gehabt: In Köln-Bickendorf wurde ein Parkplatzwächter gesucht. Pütz hat sofort angenommen. "Egal", sagt er, "Hauptsache, raus aus Hartz IV."

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