Sportlerkarrieren Olympiastar als Praktikant


Eben noch auf dem Siegertreppchen, nun in der Schlange im Arbeitsamt: Nach dem Ende der Karriere finden viele Spitzensportler keinen Job. Eine Zeitarbeitsfirma versucht nun, für sie Arbeit und Praktika zu finden.
Von Nicole Kohnert

Plötzlich ist alles vorbei. Jahrelang wurden sie in den Medien als Helden gefeiert, doch nach dem Ende ihrer Karriere will keiner mehr etwas von ihnen wissen. Zwar verschwinden Sport-Ikonen wie Michael Schumacher oder Boris Becker nicht so schnell von der Oberfläche und stehen auch nicht vor dem finanziellen Ruin. Doch nicht jeder ehemalige Superstar kann nach seiner Sportler-Karriere Geld durch Werbeverträge oder als Fernsehkommentator verdienen.

Die meisten Top-Athleten in nicht so bekannten Disziplinen wie Fechten oder Judo stehen mit dem Ende ihrer Laufbahn vor einem großen Problem: Sie haben sich ihr Leben lang nur auf den Sport konzentriert und konnten deshalb keine Berufserfahrung in ihrem erlernten Beruf sammeln - wenn sie überhaupt einen erlernt haben

"Mit Kugelstoßen kann man kein Appel und Ei verdienen"

Auch Julia Wiechmann, mehrfache deutsche Meisterin im Kugelstoßen, hatte Probleme. "Mit Kugelstoßen kann man kein Appel und Ei verdienen", sagt sie und ärgert sich über das geringe Gehalt in der Leichtathletik-Disziplin. Ihre berufliche Zukunft war unsicher. Deshalb habe sie sich zuerst eine Teilzeitstelle gesucht, um neben dem Training etwas Berufserfahrung zu sammeln. Als gelernte Kauffrau konnte sie bei der Brillen-Firma IC Berlin 20 Stunden die Woche arbeiten - 20 zusätzliche Stunden trainierte sie in der Woche weiter. Vermittelt hat ihr den Job die Zeitarbeitsfirma Adecco. "Ich hatte davor zwar auch Bewerbungen geschrieben, aber es hat einfach nicht geklappt", sagt Wiechmann.

Seit Anfang dieses Jahres kümmert sich die Zeitarbeitsfirma um die Athleten in Deutschland. Das neu gegründete Athleten-Programm soll den Sportlern helfen, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Der Personaldienstleister bietet Seminare an, hilft ihnen dabei, Bewerbungen zu schreiben, vermittelt sie an Firmen weiter - und das kostenlos für die Sportler. "Manche wissen nicht einmal, wie man eine Bewerbung schreibt", sagt Uwe Beyer, Deutschland-Chef von Adecco. "Sie mussten sich in den vergangenen Jahren auch nicht darum kümmern oder hatten einfach keine Zeit dafür."

Besonders um junge Sportler kümmert sich Adecco. Diese haben im Alter von 18 Jahren noch die Chance, in trainingsfreien Zeiten sich durch ein Praktikum weiter zu qualifizieren. "Junge Athleten wissen aber oft nicht, was sie beruflich machen wollen", sagt Janine Bischoff, Projektmanagerin für das Adecco-Athleten-Programm. "In Bewerbungsgesprächen wissen sie auf die Frage, was ihre Stärken und Schwächen sind, keine Antwort." Dabei seien die Stärken der Sportler gerade Ehrgeiz, Zielstrebigkeit und Disziplin - davon könnten alle Unternehmen nur profitieren.

Zwischen 30 und 40 gibts Probleme

Richtige Problemfälle seien Sportler zwischen 30 und 40 Jahren, wenn sie keine Berufserfahrung oder keine Ausbildung haben. "Da hilft der berühmte Sportlername auch nicht weiter", sagt Bischoff. Um mehr Praxiserfahrung zu sammeln, führt der Weg an einem Praktikum in einem Unternehmen dann für die Sportler nicht vorbei. Manche Athleten nehmen an Weiterbildungsseminaren teil und qualifizieren sich so für den Arbeitsmarkt weiter. Bisher wurden weltweit rund 1500 Sportler über das Adecco-Programm unterstützt. Davon werden 620 aktiv betreut - rund 120 davon in Deutschland. Adecco ist in 26 Ländern aktiv, an 13 Standorten werden die ehemaligen Olympiastars unterstützt. Langfristiges Ziel von Adecco sei es natürlich, dass in allen Ländern arbeitslosen Athleten geholfen werden kann, sagt Bischoff.

Adecco hat der Kugelstoßerin Julia Wiechmann mehr als geholfen: Vor zwei Monaten hat sie ihre Sportlerkarriere beendet, damit sie in ihrem neuen Job voll arbeiten kann. "Seitdem habe ich keine Kugel mehr in der Hand gehabt", sagt sie. "Natürlich fragt man sich immer, ob man bei Olympia nicht eine Goldmedaille bekommen hätte." Aber zu Olympia könne eben nicht jeder, irgendwann erreiche jeder seine Grenzen.

FTD

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker