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STARTUP-WERKSTATT: Auf die Plätze, fertig, Chef

Schule und Wirtschaft können Spaß bringen: Tausende Schüler nahmen schon an der StartUp-Werkstatt teil. Die Sieger aus diesem Jahr sind sogar auf dem Weg, echte Unternehmer zu werden. Jetzt startet das Spiel in eine neue Runde.

So ist das mit dem Erwachsenwerden. Erst ist alles Spielerei, dann folgt der bittere Ernst - und den können sieben Schüler des Marion-Dönhoff-Gymnasiums in Lahnstein kaum erwarten. Sie wollen endlich ihre GmbH gründen, ihre eigene Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Für das Stammkapital kratzen die 17-, 18-Jährigen ihr Taschengeld zusammen und betteln die Eltern an. »Wir haben eine echte Chance«, sagt selbstbewusst Katharina Karcher, 17, die ein Jahr vor dem Abitur steht. »Wir müssen nur rausfinden, was wirklich ein Trend werden kann. Dann vermarkten wir's, und die Jugendlichen reißen es uns aus der Hand.«

Jugendlicher Leichtsinn? Pubertärer Überschwang? Ein bisschen ist sicher dabei, doch der Rest ist gesundes Selbstvertrauen. Denn die Pennäler haben schon einiges geleistet und Erfolge vorzuweisen.

Die Idee überzeugte

Im Januar hatten sich Katharina und ihre Mitschüler bei der StartUp-Werkstatt angemeldet, dem Internetplanspiel vom stern, der Unternehmensberatung McKinsey, den Sparkassen und dem TV-Sender Viva. Sinn des Spiels: Drei bis sechs Schüler müssen als Team eine fiktive Firma gründen, indem sie innerhalb von fünf Monaten zwölf Aufgaben lösen, die per E-Mail ins Haus kommen - von der Erstellung eines Konzepts über den Finanzplan und eine Pressemeldung bis zur eigenen Webpage.

Die Lahnsteiner erdachten unter dem Firmennamen »@vertising« eine besonders clevere Form des Product-Placement: Sie wollten Trendprodukte in TV-Soaps wie »Unter uns« von RTL platzieren und diese dem Publikum dann übers Internet zum Kauf anbieten - von den Klamotten der Stars über Möbel bis zu Schmuck. Eingefleischte Fans sollten einen wöchentlichen Newsletter abonnieren und im Chat über die Daily-Soap tratschen können. Die Idee überzeugte: Zunächst fanden sie bei RTL New Media einen Unternehmenspaten, der ihnen mit Rat zur Seite stand. Und dann stimmte auch die Jury der StartUp-Werkstatt für die TV-Macher in spe: Die Gymnasiasten aus Rheinland-Pfalz wurden Bundessieger der Spielrunde 2001. Zur Belohnung gab es eine Einladung nach Hamburg zur Siegerehrung, einen Scheck über 1.500 Euro und (wie auch für vier weitere Teams) die Teilnahme am Future Camp, einem Managementtraining mit Workshops und einem Outdoor-Klettergarten.

Als Trendscout unterwegs

Ein schöner Erfolg für die frisch Prämierten, aber kein Grund, sich darauf auszuruhen. Katharina: »Wir hatten die Wahl: zu sagen, das war's, und zu warten, bis jemand anders unsere Idee verwirklicht. Oder es selbst zu machen«. Die Schüler legten los wie die Profis. Am Anfang stand Marktforschung auf dem Programm. Im Oktober reiste das Team nach Berlin zur Jugendmesse You - einem Festival der Zahnspangen mit 160.000 jungen Besuchern. Katharina klapperte die Messestände ab und stellte sich bei TV-Produzenten und Trendprodukt-Herstellern als Trendscout vor. Für ihre Mitschüler schleppte sie Visitenkarten wichtiger Leute an und sammelte Testprodukte wie Klebetatoos ein - »aber die sind für uns uninteressant, gibt's ja schon überall«. So verteilten die sieben auf der Messe tausend Fragebögen an die jungen Besucher, um den Trend von morgen zu erkunden. Als heiße Favoriten wurden genannt: normale Halbschuhe auf Rollen und Bellylights, kleine blinkende Teile, die man sich in den Bauchnabel steckt und damit in der Disco auf sich aufmerksam macht.

Doch bei aller erfolgreichen Marktforschung, ganz allein hätten es die Schüler wohl nicht gewagt, ein Unternehmen zu gründen. Da halfen ein wenig Glück und die richtigen Kontakte: die Mutter des Mitschülers Raphael Thörmer arbeitete als Steuerberaterin bei der Agentur ID Werbemittel. Sie erzählte ihrem Chef von dem preisgekrönten Schülerteam, und der war begeistert. »Ich finde die Idee klasse«, sagt Hans Fries, »die sprühen alle vor Ehrgeiz, sind hungrig und wollen ihre Idee unbedingt in die Tat umsetzen.«

Spielerisch selbstständig werden

Gemeinsam mit den Schülern gründet Fries nun die ID Atvertising GmbH. Er will den Vertrieb der Produkte übernehmen, die seine jungen Partner als besonders cool identifiziert haben. Selbst erfinden oder herstellen wollen sie diese nicht. »Es geht darum, Dinge aufzuspüren, die irgendwo in kleiner Stückzahl produziert werden, aber plötzlich so beliebt werden können, dass jeder sie will«, sagt Holger Herrmann. Der 17-Jährige will zehn Prozent seiner Firma kaufen, das Geld hat er schon zusammengespart.

Nicht jeder, der bei der StartUp-Werkstatt mitmacht, gründet am Ende tatsächlich eine Firma. Die allermeisten machen das nur virtuell - und lernen trotzdem oft mehr fürs praktische Leben als in einem ganzen Schuljahr. Spielerisch selbstständig werden, lautet das Motto für die Teilnehmer. Mehr als 4.000 Schüler zwischen 16 und 21 Jahren aus ganz Deutschland hatten sich dieses Jahr an dem Internetplanspiel beteiligt - doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Wer in der kommenden Spielrunde 2002 dabei sein will, kann sich ab sofort bei den Sparkassen registrieren lassen.

Für den Unternehmensberater Walter Bock bietet die StartUp-Werkstatt den Schülern die einmalige Gelegenheit, sich und ihre unternehmerischen Fähigkeiten zu erproben: »Die Menschen haben mehr Vertrauen in die Zukunft, wenn sie Klarheit über ihre Talente haben.« Beim Future Camp ermunterte er die Siegerteams, auf ihren Erfolgen aufzubauen: »Man lernt nicht durch Probleme, sondern durch positive Erfahrungen.«

Das Abi geht bei allen erst mal vor

Davon gibt es für die Siegerteams reichlich an den drei Tagen des Future Camps auf dem Schloss Kröchlendorff, dem 1848 erbauten Herrensitz des Barons Oskar von Arnim in der Nähe von Prenzlau in Brandenburg. Glanzpunkt ist der Klettergarten, bei dem auf sieben Meter Höhe, nur gesichert durch ein Seil, balanciert wird. Für den 18-jährigen Schüler Stephan Geuter an diesem Tag ein besonders krasses Erlebnis: Beim Sprung zur nächsten Stange greift er daneben und rutscht einen Meter ab - doch die Sicherung hält. »Mann«, keucht Stephan, als er später unten ist, »war das eine Überwindung, ins Leere zu springen.« Und Theresia Hofstetter, 18, sagt, als sie mit weichen Knien wieder auf dem Boden steht: »Im Hochseilgarten merkst du, was Teamfähigkeit wirklich heißt.«

Abends am Lagerfeuer im Park sitzt Viva-Moderator Mola Adebisi, 28, unter den Schülern. Mola, der vom Future Camp für den Musiksender berichtet, findet, dass die Schüler »etwas erreichen wollen und ein ganz klares Ziel vor Augen haben«. Er selbst sei in seiner Jugend nicht so »straight« gewesen. »Ich hab mein Ziel nicht erreicht«, gesteht Adebisi, »ich wollte eigentlich Steuerfachgehilfe werden.«

Ob das Gründerteam von ID Atvertising seine Ziele erreicht? Eins steht jedenfalls fest, Gründerfieber hin, Start-up-Euphorie her: Das Abi geht, wenn's hart auf hart kommt, bei allen erst mal vor.

Markus Grill