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Studiengang: So bestimmen Sie das richtige Fach

Sind Sie ein Jurist, ein Arzt - oder doch eher ein Philosoph? Die Entscheidung für ein Studienfach ist eine der wichtigsten Weichenstellungen im Leben. Hier lesen Sie, worauf Sie bei der Wahl Ihres Studiengangs achten sollten.

Von Nikola Sellmair

Auf der Suche nach dem richtigen Studienplatz sollten Schüler ihrem Herzen folgen

Auf der Suche nach dem richtigen Studienplatz sollten Schüler ihrem Herzen folgen

Wenn der Hamburger Abiturient Cornelius seine Zukunft plant, blickt er auf einen kleinen grünen Zettel, darauf stehen ordentlich durchnummeriert 22 Berufe.

Cornelius hat, seit er zwölf Jahre alt ist, jede seiner Berufsideen aufgeschrieben. Jetzt, kurz vor dem Abitur, hat er ganze 22 Studienwünsche beisammen.

22 von Abertausenden. Es gibt in Deutschland über 12.000 Studienvarianten und fast täglich kommen neue hinzu. Wie in diesem Wust von Angeboten das passende finden? Physiker oder Germanist, Uni, Fachhochschule oder Berufsakademie?

Erste Frage: Was mache ich gern?

Heinrich Wottawa, Psychologieprofessor an der Ruhr-Universität Bochum, erinnern berufssuchende Jugendliche an Singles in Torschlusspanik: "Sie glauben: Es muss den einen geben, der mich glücklich macht. Wenn ich ihn nicht finde, dann ist mein Leben verpfuscht." Aber genau wie bei der Partnerwahl gebe es auch bei der Berufswahl nicht nur einen geeigneten Kandidaten. Ungefähr 30 verschiedene Berufe passen zu einem Menschen, ohne dass er über- oder unterfordert wäre, sagt Wottawa. Seine Botschaft: Druck rausnehmen, die Entscheidung nicht überfrachten. Man muss am Anfang eines Studiums nicht unbedingt wissen, was genau man später damit machen will. Oft sind Praktika wichtiger für den Berufseinstieg als Fachwissen. Und man kann ein und denselben Beruf auf verschiedenen Wegen erreichen. In der Personalabteilung einer Firma etwa arbeiten Betriebswirtschaftler neben Psychologen und Juristen.

Wer wissen will, wie seine Zukunft aussieht, muss zuerst in die Vergangenheit blicken: Was hat mich immer interessiert, worin war ich gut? Erst wer weiß, was er gern macht, kann den passenden Studiengang dazu suchen. Bei der Auswahl der Hochschule sollte dann nicht nur das Fach eine Rolle spielen, sondern auch Fragen wie: Wie gut ist die Betreuung durch die Professoren? Gibt es Möglichkeiten, ins Ausland zu gehen? Welche Spezialisierungen gibt es am Lehrstuhl? Fühle ich mich in der Stadt und unter den Mitstudenten wohl?

Rausgehen und Erfahrungen sammeln

Wer nur zu Hause über Büchern hockt oder sich durch Internetseiten klickt, wird nie ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, in Volkswirtschafts-Seminaren zu sitzen oder was ein Arabistik-Studium ausmacht. Sybille Heintz, Studienberaterin an der Uni Regensburg, meint: "Abiturienten haben gelernt: Wenn ich lange genug über ein Problem nachdenke, finde ich eine Lösung. Für die Berufswahl ist das die falsche Strategie. Da muss ich rausgehen und Erfahrungen sammeln. Also Praktika machen, sich in Uni-Vorlesungen setzen, auf Job-Messen gehen".

Immer mehr Firmen bieten auch teure Interessen- und Fähigkeitstests an. Kostenlos werden Tests und Gespräche mit einem Psychologen von der Agentur für Arbeit angeboten. Auch im Internet finden sich seriöse Tests.

Thomas Lang-von Wins, Psychologieprofessor an der Bundeswehr-Uni München, hält viele Verfahren aber für zu "holzschnittartig": "Berufsbilder verändern sich permanent. Viele Tests bilden das nicht ab." Unseriös seien konkrete Empfehlungen - mache dies, studiere das. Eine gute Beratung helfe, sich selbst besser kennenzulernen, und seine eigene Entscheidungskompetenz zu stärken.

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, was "Helikopter-Eltern" sind, und warum diese manchmal gefährlich werden für Studienanfänger.

Übertriebene Fürsorge: Eltern sollten bei der Studienplatzwahl keinen Druck auf ihre Kinder ausüben

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Planlos oder über-informiert

Arbeitspsychologen erleben bei Schulabgängern zwei Extreme: einerseits die, die sich bis kurz vor Schulschluss "tot stellen" und dann ruck, zuck eine Entscheidung herbeizwingen, aber sehr schlecht informiert sind. Hans-Jörg Jacobsen, Biologie-Professor an der Uni Hannover, trifft Studenten in seinen Vorlesungen, "die denken, Biologie sei das Streicheln von Gorillas im Nebel - und wenn man eine Mathe-Formel erwähnt, bekommen sie glasige Augen". Die zweite Gruppe sind die Überinformierten, die jeden Lehrberuf kennen und jedes Studienfach. Nur ihren eigenen Weg, den kennen sie leider nicht. Gerade gute Schüler sind oft planlos. Studienberater berichten von weinenden 1,1-Abiturienten, die sich für alles interessieren. Aber alles kann man nicht studieren.

Die Psychologin Sibylle Bräuer empfiehlt, ein "Studienentscheidungsheft" anzulegen: In einem Schnellhefter können Hochschulrankings, interessante Artikel, aber auch Wünsche und Träume oder Gedanken nach einem Beratungsgespräch gesammelt werden. Für alle Gesprächspartner gilt: Sie erzählen immer nur die halbe Wahrheit. Der Professor will sein Fach gut darstellen; die Rechtsanwältin ist gerade frustriert von ihrem Job und malt den Berufsalltag in düsteren Farben.

Der Lehrer behauptet, man könne kein Mathe - stimmt das wirklich oder hat er einem das Fach nur immer vermiest? Auch die eigenen Ideen müssen überprüft werden: Was sind Klischees und Vorurteile, was Wunschbilder? Mit der besten Freundin plant man die gemeinsame Zukunft in einer Forschungsstation in der Antarktis -und verleugnet, dass man eigentlich ein häuslicher Typ ist, der von einem geregelten Leben in einer Kleinstadt träumt. Irgendwann hat man dann den Mut, sich aus tausend Optionen die eine rauszusuchen und loszulegen.

Dem Herzen folgen

Studien zeigen, dass die Meinung der Eltern nach wie vor eine große Rolle bei der Studienentscheidung spielt. In die Sprechstunden von Hans-Werner Rückert, Studienberater an der FU Berlin, kommen immer häufiger Kinder zusammen mit ihren Eltern. "Die ‚helicopter parents‘ sind im Anflug", sagt Rückert und meint damit Eltern, die wie Hubschrauber im Dauereinsatz über ihren Kindern kreisen. Universitäten bieten neuerdings "Elterninformationstage", Unternehmen laden jetzt auch Mama und Papa zur Betriebsbesichtigung ein. "Viele Eltern machen bei der Studienwahl einen enormen Druck, Jugendliche müssen schon sehr stabil sein, um sich dagegen durchzusetzen", meint Frauke Isenberg, Studienberaterin an der Uni Heidelberg. Sie kenne viele Fälle, "wo die Leute auf die Eltern gehört haben und nicht auf ihr Herz. Das geht immer schief."

Maja Storch, Psychologin an der Universität Zürich, glaubt, dass die Zeiten für junge Menschen gar nicht so schlecht sind: "Die Finanzkrise hat etwas enorm Entlastendes. Allen, die diese Lebenslauf-Hysterie gepredigt haben - studiere turbo-schnell, lerne drei Sprachen, trainiere die Soft Skills -, wird jetzt die Maske vom Gesicht gerissen." Große, sichere Firmen - Banken, Autokonzerne, Unternehmensberatungen - haben ihren Nimbus verloren, glaubt Maja Storch: "Es gibt nicht mehr die eine tolle Firma, wo ich mein Leben lang arbeiten kann. Jetzt kann ich nur mir selbst trauen und dem folgen, was ich wirklich will."

Cornelius hat von den 22 Berufen auf seinem Zettel 17 durchgestrichen und seinen Favoriten leuchtend rot angemarkert: Pilot. "Das ist mein Herzenswunsch", sagt er. Das Fliegen.