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Prekariats-Tagebuch aus Holland: Pikante Enthüllungen eines Postboten

Kein Geld, kein Auftrag – da wurde der Schriftsteller Viktor Frölke eben Postbote - und hielt seine Erlebnisse schriftlich fest. Sein Tagebuch führt in den schlechtbezahlten Unterleib der Dienstleistungsgesellschaft. Das Buch elektrisiert die Niederlande. 

Die Scham, ganz unten bei den Billig-Jobbern zu sein, ist ein bestimmendes Gefühl des Buches (Symbolbild)

Die Scham, ganz unten bei den Billig-Jobbern zu sein, ist ein bestimmendes Gefühl des Buches (Symbolbild)

Viktor Frölke dachte, er sei Schriftsteller. Leider lief das mit der Literatur nicht so gut. Also versuchte sich der Holländer als Journalist. Nun war der Kopf mit den Themen des Tages voll, für die Literatur blieb kein Platz. Dann suchte er etwas Anspruchsloses, etwas ohne Nachdenken: Frölke wurde Postbote – für neun Euro die Stunde. Nicht zum Jux, denn er brauchte das Geld zum Leben. "Während meiner Arbeit hatte ich den Kopf frei und genug Zeit zu schreiben. Ich fand, dass ich schon immer Postbote sein wollte. Es ist ein literarischer Beruf, er schickt Texte zu den Menschen. Wie ein Schriftsteller, eigentlich", sagte er der niederländischen Zeitung "Het Parool".

Sympathischer Underdog

Sein "Dagboek van een postbode" (Tagebuch eines Briefträgers) hat die Niederlande elektrisiert.  Die Geschichte erinnert an Charles Bukowskis ersten Roman "Der Mann mit der Ledertasche" (1971; Post Office), in dem Bukowski seine Jahre im Postdienst verarbeitete. Aber anders als Bukowski ist Viktor Frölke einfach ein netter Kerl, der ohne Exzesse seinen Postler-Alltag schildert.   

Zuerst hat Frölke das Tagebuch nur für sich geführt. Jeden Abend nach der Schicht – daneben arbeitete er an seinen anspruchsvolleren Werken. "In einem Tagebuch gewichtet man anders. Jeder Tag, egal, was passiert, bekommt ein paar Zeilen. In einem Roman hätte ich vieles von vornherein weggelassen oder übertrieben", sagte er der "Welt".

Ein Leben unterhalb der Glaspaläste

Nur sein Verleger erkannte das Potential der Postler-Memoiren. Frölke zeigt die Welt des Prekariats. Eine Welt von unten, in die die schillernde Oberfläche der Logistikkonzerne nicht hineinreicht. Postboten, auf die immer mehr Druck ausgeübt wird und die doch immer weniger Briefe transportieren. In der alte Menschen auf den Postler warten, weil er der einzige Kontakt zur Außenwelt ist. Er erzählt vom Leben in einem Konzern, der sich für die Billig-Belegschaft keine Klobrille leisten will, so dass die ärmsten Mitarbeiter Geld für eine Brille sammeln müssen.

Dazu gibt es Regelübertretungen. Von Rebellion kann man kaum sprechen. Frölke ist kein Barrikadenstürmer. Einmal mopste er die Zeitungsausgabe einer Botschaft, häufiger entsorgte er Reklamebriefchen im Mülleimer und einmal onanierte er heimlich im dunklen Postzentrum. Ein alltägliches Leben ohne extreme Schwankungen. Scham ist ein zentrales Thema, die spürt Frölke, wenn er im Postler-Hemd den Schulhof seiner Tochter besucht. "Bei der Post wird man wie ein Kind behandelt. Man sitzt ganz unten in der sozialen Leiter."

Unerklärliche Zufriedenheit 

Das Besondere ist, dass Frölke kein Hater ist, der einen innerlichen Kreuzzug gegen "die da oben" führt.  So wie etwa in dem Besteller "Die Leiden einer jungen Kassiererin" von Anna Sam. Frölke war eigentlich ganz zufrieden mit der Welt da unten. Er selbst wollte gern nach dem Erscheinen des Buches weiterarbeiten, auch wenn er sich schämte, seine Kollegen heimlich portraitiert zu haben, sagte er "Het Parool". Aber aus der Post-Welt wurde er wegen seiner Pflichtverletzungen rüde hinausgeworfen, nachdem das Buch seine Geheimnisse verraten hatte. Abstreiten wollte Frölke vor seinem Chef nichts. "Als Romancier und Träumer kann man sich immer rausreden. Sagen, dass ich mir alles aus den Fingern gesaugt habe. Aber das stimmt ja nicht. Das wäre eine feige Verteidigung. Wer nicht die Wahrheit sagen will, darf kein Tagebuch schreiben. "

Nun versucht er einen Job als Streifenpolizist zu bekommen, obwohl er eigentlich zu alt für die Einstellung ist. Auch das wäre ein Beruf, mit einer interessanten Perspektive, meint Frölke. Außerdem muss er sich kaum umgewöhnen: Er würde die gleichen Straßen abgehen, nur mit anderer Uniform.