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Uniabsolventen: Japans brutaler Bewerbungsmarathon

Ganz Japan freut sich auf die Kirschblüte. Ganz Japan? Nicht ganz! Denn für 200.000 künftige Uni-Absolventen laufen gerade die drei entscheidenden Monate, die über ihr weiteres Arbeitsschicksal entscheiden.

Von Karl Stubbe

Es ist Ende Februar, und Tokios Straßenbild ändert sich langsam vom tristen, grauen Winter zum sich anbahnenden Meer aus rosa Kirschblüten. Allmählich füllen sich an lauen Nachmittagen und Wochenenden die Parks mit Menschen, die es sich unter den blühenden Bäumen gemütlich machen und den Wochenstress vergessen wollen. Doch nicht alle Japaner haben gerade dafür den Kopf frei: Für 200.000 künftige Absolventen japanischer Universitäten beginnt jetzt ein zwei- bis dreimonatiger Bewerbungsmarathon. Gleichzeitig enden mit dieser Zäsur die vier Studienjahre, die als eine letzte Verschnaufpause vor dem uniformierten Arbeitsleben gelten.

50 Bewerbungen, zwei Zusagen

Dies trifft auch auf Akane Suzuki (22) zu, die gerade von einem Vortrag kommt, den ihr zukünftiger Arbeitgeber für neue Mitarbeiter organisiert hat. Sie trägt noch immer dasselbe Kostüm wie bei ihrem ersten Bewerbungsgespräch vor knapp einem Jahr, denn für ein neues fehlt ihr das Geld. Dieses investiert sie seit einem Jahr vorwiegend in Bahntickets, weil sie ständig für eine Jobeinführung oder Fortbildung quer durch Japan reisen muss.

Während sie ihren Café Latte umrührt, berichtet sie: "Von älteren Mitschülern habe ich schon gehört, dass es nicht einfach werden würde. Manche hatten innerhalb dieser zwei Monate bis zu 60 Bewerbungen. Auch bei mir wurden es dann gut 50 Firmen. Um an diesen immergleichen Firmenvorträgen teilzunehmen, musste ich von Tokio aus manchmal sieben Stunden durch Japan fahren. Am Ende bekam ich dann ganze zwei Zusagen." Diese kamen - unerwarteterweise - aus der Textilbranche. Suziki jedoch hatte die letzten vier Jahre an der Waseda-Universität Deutsch studiert und in dieser Zeit versucht Goethe und Brecht zu verstehen.

Die Uhr tickt

"Während meines Austauschjahres in Bonn war ich eigentlich fest entschlossen, mich in Japan nicht nach einem Job umzuschauen", erzählt Suzuki. Leider konnte sie diese Entschlossenheit dann doch nicht aufrecht erhalten. Einerseits musste sie auf ihre Eltern Rücksicht nehmen, andererseits waren Rückzahlungen für ihr Stipendium fällig. "Ein Job in einem fremden Land hätte mir nicht die nötige Sicherheit gegeben, um diesen Verpflichtungen nachzukommen." Was folgte, war also der traditionelle Bewerbungsmarathon. Doch nicht nur die Intensität der Bewerbungsgespräche, Prüfungen und Vorträge zerrt bei den jungen Japanern an den Nerven, zusätzlich stresst noch eine sehr konkrete Zeitbegrenzung.

Da der japanische Alltag immer noch sehr stark durch Traditionen bestimmt wird, beginnen alle neuen Firmenmitarbeiter zeitgleich am 1. April - dem Semesterbeginn der Universtitäten. Gleichzeitig endet die Bewerbungsfrist für neue Stellen im Folgejahr. Wer also bis Ende Mai noch keine Jobzusage für das nächste Jahr hat, verliert ein ganzes Jahr - und muss sich erneut durch den Marathon quälen. Damit erhält die Zeit von Februar bis April einen schicksalhaften Charakter, auch wenn sie eigentlich nur aus hochgradig formalisierten Bewerbungsabschnitten besteht.

Drei Stufen - und noch nicht am Ziel

Diese von Japaner etwas beschönigend "Bewerbungsaktivität" genannte Zeit ist eine ständige Wiederholung der gleichen Schritte: Zuerst kommt die Anmeldung zu einem Orientierungsvortrag, welcher meistens in gesichtslosen Hotels oder Veranstaltungsräumen abgehalten wird. Hier wird den Bewerbern die Firma noch einmal vorgestellt. Als nächstes folgt die schriftliche Bewerbung - häufig auf identischen Vordrucken - bei der alles von persönlichen Stärken und Schwächen, bis zum Familienstammbaum abgefragt werden kann. In einer dritten Stufe wird durch einen umfangreichen Test das Allgemeinwissen geprüft - dieser ist im Grunde nichts anderes als eine zweite Abi-Prüfung, Mathe-Fragen inklusive. "Wer dies alles geschafft hat, ist noch lange nicht am Ziel", bedauert Suzuki. Bis zu vier Bewerbungsgespräche bei der gleichen Firma sind keine Seltenheit.

Kein Wunder, dass sich deshalb ein gut funktionierender Nachhilfemarkt entwickelt hat, der die frustrierten Jobsuchenden mit allem versorgt, was die glauben zu brauchen. - Das dann von Schriftzeichentraining bis zum konkreten Vorstellungsgespräch reichen. So quälen sich jedes Jahr zigtausende japanische Studenten während und außerhalb ihrer Vorlesungszeiten durch Japans Firmennetz, meist mit mehreren Terminen pro Tag. Wem es dann nach zahllosen uniformen Vorstellungsrunden gelungen ist, einen Job zu ergattern, bleiben trotzdem die eigentlichen Auswahlkriterien verborgen.

Flucht in Teilzeitjobs

Gleichzeitig hat dieses Auswahlsystem natürlich Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Viele der erfolglosen Absolventen flüchten in Teilzeitjobs - und schönen so die offizielle Arbeitslosenstatistik von angeblich "nur" vier Millionen Arbeitslosen. Weit schlimmer ist allerdings eine Serie von selbstmorden unter den Uni-Absolventen: Ein Großteil der Abschiedsbriefe war direkt an das Schulministerium adressiert.

Dass es angenehmere Dinge gibt, als sich durch diese zwei bis dreimonatige Bewerbungsmühle durchzukämpfen haben auch Suzukis Kommilitonen an der Waseda-Universität, Lifa Yang (22) und Yusuke Mitsuma (25) verstanden. Yang kann sich auf ein Austauschjahr in Korea freuen, statt sich wie Ihre Mitschüler nach dem 6. Semester zu bewerben.

Ausweg Auslandsjahr

Mitsuma versucht schon seit mehreren Jahren, mit Aufenthalten in Bonn und London dem stressigen Bewerbungsmarathon zu entwischen: "In Deutschland ist es nichts Besonderes, hier und da ein Semester anzuhängen. Hier in Japan ist wegen der astronomischen Studiengebühren meist nach vier Jahren endgültig Schluss." Er erzählt auch, dass sein Vater so langsam mißtrauisch werde und er deshalb nicht mehr lange auf seine Kosten leben könne. Jetzt ist seine letzte Hoffnung ein Masters-Studium in England - sonst wartet auch auf ihn der Bewerbungsstress. Wer Geld hat, verlagert sein Studium also ins Ausland - und entgeht so der japanischen Jobsuche. Der großen Mehrheit bleibt aber nichts anderes übrig, als sich vier möglichst entspannte Uni-Jahre zu gönnen - und so an Ende genug Kraft für die drei Monate im Frühling zu haben.

Akane Suzuki allerdings hat es nun geschafft. Mit einer Mischung aus Erleichterung und Resignation erzählt sie, dass die Auswahl der Firmen, bei denen sie sich beworben hatte, eigentlich ihrem Wunsch entsprachen, im Ausland zu arbeiten. Sie wollte ihre hart erarbeiteten Deutsch- und Englischkenntnisse auch in ihrem Job nutzen. "Nun erwartet mich noch privates Französisch Büffeln - Modebranche eben."

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