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Unternehmen: Graue Haare, große Zukunft

Mit Mitte 50 raus aus dem Job? Das können wir uns nicht mehr lange leisten. Eine schwäbische Firma setzt schon jetzt auf betagte Leistungsträger.

Wie ein Revoluzzer sieht Otmar Fahrion aus Kornwestheim bei Stuttgart nicht aus. Eher wie ein bedächtiger schwäbischer Unternehmer - knapper Haarkranz, Anzug, Lesebrille. Trotzdem gilt der Gründer der Firma Fahrion Engineering in Arbeitgeberkreisen als revolutionär und ein wenig verrückt. Denn er stellt bevorzugt ältere Arbeitslose ein, die als nicht mehr vermittelbar gelten, und Frührentner, die anderswo mit goldenem Handschlag entsorgt wurden.

"Nicht aus Humanitätsduselei", versichert der Mittelständler, der auch schon 62 ist. "Es rechnet sich." Fahrion beschäftigt rund 100 Projektleiter, Ingenieure, Techniker und Meister. Mit Erfolg: Ein erfahrener Senior erwirtschafte dreimal mehr als ein 25-Jähriger, hat Fahrion durchkalkuliert. Die gesetzliche Eingliederungshilfe für ältere Langzeitarbeitslose sei "nur das Sahnebonbon obendrauf". Das begriff der Firmenpatriarch vor knapp drei Jahren, als ihm die Konkurrenz auf einen Schlag sechs Fachleute abwarb. "Alle Mitte 30, alle zehn Jahre bei mir ausgebildet. Da gingen jeweils 250.000 Euro Investition durch die Tür." Weil seine Suche nach jung-dynamischem Ersatz im Ballungsraum Stuttgart fehlschlug, "aber laut Arbeitsamt Tausende von betagten Ingenieuren auf der Straße sitzen", konzentrierte sich Fahrion auf die Oldies.

Ungewöhnliches Inserat

"Mit 45 zu alt? Mit 55 überflüssig? Wir stellen auch Leute bis 65 ein", inserierte er. Eine Sensation im Stellenmarkt - in 60 Prozent der deutschen Unternehmen gibt es keine Angestellten über 50 mehr. Doch die systematische Vertreibung der Grauköpfe können sich Unternehmer bald nicht mehr leisten. Mit den Jungen allein ist - angesichts der kopflastigen Alterspyramide - die Wirtschaft künftig nicht mehr zu wuppen. "Es droht Fachkräftemangel", warnt Hartmut Buck, 41, vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), das im Auftrag des Bildungsministeriums Szenarien zur "Zukunft der Arbeit in einer alternden Gesellschaft" entwirft. "Es klingt in der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit paradox, aber ab 2006 werden vielen Betrieben Azubis fehlen. Zuerst im Osten." Spätestens 2020 ist nur noch jeder fünfte Erwerbstätige unter 30, prognostiziert das IAO. Mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer wird über 50 sein.

Zuschriften-Flut

Die meisten Unternehmer haben das Problem noch nicht erfasst. Otmar Fahrion ist eine Ausnahme. Auf seine Oldie-Suchanzeige bekam er 528 Zuschriften. 180 hätten "sehr gut" ins Unternehmen gepasst, weitere 100 "gut". Anstelle der fehlenden sechs engagierte Fahrion gleich 19 Bewerber. Bis auf zwei alles Volltreffer und noch heute bei ihm. Wie Wolfgang Lehmann, 63. Der ehemalige Maschinenbaudozent der Uni Jena ist Diplomingenieur für Fertigungstechnik und Präzisionsverarbeitung, hat Erfahrungen im Kfz-Bau, besitzt 32 Patente. Nach der Wende wurde sein Institut abgewickelt, der Wissenschaftler wurde arbeitslos. Der Mann mit der frechen grauen Stoppelfrisur bewarb sich "quer durch die Republik". Ein paarmal hätte es beinahe geklappt. Lehmann erinnert sich an das hoffnungsvolle Telefongespräch mit einer Firma: "Nur noch eine Frage: Ihr Jahrgang?" - "1940." - "Oh Gott." Das Alter war erst bei Fahrion keine Hürde, Lehmann konnte gleich anfangen. Jetzt lebt er wochentags in einem Apartment nahe der Firma. Von Freitagnachmittag bis Montagmorgen fährt er heim nach Jena, je nach Verkehr 4,5 bis zwölf Autostunden Fahrt. Sein Sohn, die Lebensgefährtin und ein reparaturbedürftiges Häuschen warten auf ihn. "Wenn ich's verkaufe, bekomme ich im Westen nur ein drittel Haus dafür."

Ossi-Pendler der Altersstufe 50 plus ist auch Hartmut Büst aus Stendal, früher Mitinhaber einer Kranbaufirma, die 1998 in Konkurs ging. Seine Familie blieb in Stendal, er wollte "nicht auf die blühenden Landschaften warten". Jetzt entwickelt er Fahrzeuge für eine neue Taktstrecke bei VW in Wolfsburg . Arbeiten Ältere langsamer? "Als Konstrukteur bin ich genau in der Zeit", sagt er empört. "Die Alten sind sogar mobiler als die Jungen", beobachtet Arbeitgeber Fahrion, zu dem auch "Grauköpfe" aus Leipzig, Dresden, Dessau, Bielefeld, Lüneburg, Bremen und Amberg pendeln. "Jüngere würde ich dazu nicht kriegen." Zu den mobilen Oldies gehört der 60-jährige Walter Schmidt, der für die Firma wochenlang an einem Werftprojekt in Athen geschafft hat. "Ich kann zwölf bis 14 Stunden durchpowern", versichert der Fachmann für Klima, Heizung, Lüftung, den seine alte Firma entlassen hat, nachdem sie an Amerikaner verkauft worden war.

Die Mischung macht's

Otmar Fahrion setzt seine "Senior-Professionals" in altersmäßig gemischten Teams ein. "Die Alten haben Erfahrung und Routine, die Jungen oft ein besseres Methodenwissen und Spezialkenntnisse am PC." Das Vorurteil von den kränkelnden Alten teilt er nicht. "Die haben unheimliches Stehvermögen - und brechen sich nicht mehr die Knochen beim Mountainbiking." Gerade mit den Alten könne er langfristig planen, weil keiner ihm seine Oldies abwirbt.

"Die Alten sind mobiler als Junge"

Und die Senioren akzeptieren auch Gehaltseinbußen. Ulrich Fischer, 52, zog früher als Leiter der Kommunikationsabteilung einer internationalen IT-Firma die Strippen. Als EDV-Leiter bei Fahrion verdient er ein Drittel weniger. Das sei "nebensächlich", nach 14 Monaten Arbeitslosigkeit und vielen Absagen ist er froh, beweisen zu können: "Ich kann noch alles leisten."

Bisher noch die Ausnahme

Die meisten deutschen Personalchefs geben den Betagteren dazu noch keine Chance. Von den Männern im Alter zwischen 55 und 64 arbeitet nur noch die Hälfte. In Japan sind acht von zehn dieser Jungsenioren aktiv, in Schweden und den USA immerhin noch sieben von zehn. Das Fahrion-Vorbild wird Schule machen. Der demografische Wandel fordert neue Modelle der Personalentwicklung. Der Autozulieferer Brose Fahrzeugteile inseriert neuerdings: "Wenn auch Sie zu jenen Führungskräften gehören, die dem Trend gemäß als "zu alt" für einen Managerposten gelten, sollten Sie zu uns kommen." Firmenchef Michael Stoschek sagt: "Bei uns entscheiden allein die Entscheidungsstärke, die internationale Erfahrung und der Wille eines Mitarbeiters über seinen Aufstieg."

"Ein Mittfünfziger hat heute viel größere Chancen auf einen Führungsjob als vor zehn Jahren", sagt Lothar Heimeier von der Personalberatung Dr. Heimeier & Partner. Das sei auch eine Reaktion auf die Reinfälle mit vielen Jungstars der New Economy: "Sobald der Wind von vorne blies, waren sie den Anforderungen nicht mehr gewachsen."

Brigitte Zander / print